CELLE. Die Celler Initiative „Land in Sicht – Transition“ (LIST) veranstaltet am Samstag, den 11. November, eine Kundgebung anlässlich der Bonner Klimakonferenz. Beginn ist um 12.05 Uhr auf dem Robert-Meyer-Platz in der Altstadt. Für die Initiative LIST erläutert die Sprecherin, Cornelia Döllermann-Nölting, worum es geht: „Wir laden dazu ein, auch lokal ein Zeichen zu setzen. Beim Klimawandel handelt es sich um ein globales Problem, aber wir alle sind aufgefordert, unseren Beitrag zu leisten, damit wir das Schlimmste verhindern.“ Die Kundgebung soll in dieser Sicht ein Anfang sein, um lokale Initiativen zu entwickeln: „Wir sollten uns nicht auf die Regierungen verlassen, sondern eine wirkmächtige soziale Bewegung aufbauen.“

Schon die heute Geborenen würden gegen Ende des Jahrhunderts in einer völlig anderen Welt leben. Döllermann-Nölting: „Noch liegt es in unserer Hand, ob diese Welt ungebremst in die Katastrophe stürzt, oder ob wir zu einem weniger zerstörerischen Lebensstil finden. Denn der Hauptgrund ist unsere Wirtschaftsweise mit ihrem maßlosen Verbrauch von fossilen Energien.“ Der einzige Ausweg, die zu erwartenden lebensfeindlichen Bedingungen weitgehend abzuwenden, sei, die Treibhausgasemissionen schnellstmöglich um rund 90 % zu senken. Zugleich müsse mit einer Rückholung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre begonnen werden.

„Land in Sicht – Transition“ (LIST) ist eine überparteiliche Initiative, die sich seit Längerem auch mit dem Thema Klimawandel befasst. Döllermann-Nölting: „Wir wollen mit der Kundgebung einen Anstoß geben dafür, dass sich Bürgerinnen und Bürger intensiver mit dem Thema beschäftigen und zum Beispiel in Betrieben, Schulen oder Stadtteilen Arbeitskreise bilden.“

 

Zu der Kundgebung hat die Inititive im Vorgeld ein Flugblatt verteilt – hier der Text

Klimawandel

Das Zwei-Grad-Ziel reicht nicht aus

Anlässlich der in wenigen Tagen stattfindenden Klimakonferenz in Bonn möchten wir die Diskussion über den Klimawandel vom Kopf auf die Füße stellen. Schon die heute Geborenen werden gegen Ende des Jahrhunderts in einer völlig anderen Welt leben. Noch liegt es in unserer Hand, ob diese Welt ungebremst in die Katastrophe stürzt, oder ob wir zu einem weniger zerstöre­rischen Lebensstil finden.

Was der Menschheit im schlimmsten Fall bevor steht („Klima-Super-GAU“)

Wenn die Menschheit alle verfügbaren fossilen Energieträger (Kohle, Erdöl, Erdgas) verbraucht und das entstehende Kohlendioxid in die Atmosphäre ent­lässt, wird sich die globale Durchschnittstemperatur um etwa 15 bis 20 Grad erhöhen. Die Folgen wären so unvorstellbar extrem, dass fast das komplette Leben auf diesem Planeten vernichtet werden würde. Auch wenn die Details kaum berechenbar sind, kann man grobe Eckpunkte aus den großen Treibh­ausgaskatastrophen der Erdgeschichte ableiten.

Die schlimmste dieser Katastrophen fand vor rund 250 Millionen Jahren statt. Im Gefolge gigantischer Ausbrüche der sibirischen Trapp-Vulkane wurden rie­sige Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen. Dies führte zu einem Supertreibhaus mit Temperaturen im Durchschnitt um rund 18 Grad über den heutigen. Im Gefolge kam es zu einem Massenaussterben, dem etwa 90 Pro­zent allen höheren Lebens zum Opfer fiel.

Die Ozeane waren weitgehend sauer­stofffrei und damit lebensfeindlich, z.T. sogar noch darüber hinaus mit giftigem Schwefelwasserstoff gesättigt. Im Lan­desinneren waren Temperaturen von 60° C keine Seltenheit, lokal war es si­cher noch heißer. Dabei muss man be­achten, dass für Menschen bei 100% Luftfeuchtigkeit schon Temperaturen ab 35° C ungeschützt innerhalb weni­ger Stunden tödlich sind, da die Thermoregulation dann nicht mehr funk­tionieren kann. Der Meeresspiegel lag etwa 150 Meter über dem heutigen und zu allem Überfluss gab es gigantische Wirbelstürme von über 1000 km Durchmesser und mit Windgeschwindigkeiten bis 500 km/h.

Aber leider reicht es nicht aus, einfach einen Teil der Rohstoffe im Boden zu lassen, um damit auch die Konsequenzen entsprechend abzumildern, denn

Rückkopplungseffekte führen dazu, dass der Klimawan­del sich selbst verstärkt, wenn erst einmal ein be­stimmtes Niveau erreicht ist (Kipp-Punkte).

Ein Beispiel ist das Auftauen der Permafrostböden Sibiriens und Kanadas, wobei große Mengen Treibhausgase freigesetzt werden, die ihrerseits zum Klimawandel beitragen. Sobald dieser Prozess, der bereits zu beobachten ist, eine gewisse Größenordnung erreicht hat, wird hier soviel Kohlendioxid und Methan freigesetzt, dass sich der Klimawandel weiter beschleunigt, auch wenn die Menschheit selbst keine weiteren Treibhausgase mehr produziert. Da in den Permafrostböden des Nordens ein Vielfaches an Kohlenstoff im Vergleich zu den fossilen Energieträgern gebunden ist, ist auch das Potential der Klimaerwärmung entsprechend größer. Im Ergebnis würde es zu einem kaum mehr beeinflussbaren „Runaway-Klimawandel“ mit den bereits skizzier­ten Folgen kommen. Derzeit lässt sich nicht vorhersagen, ob dieser Kipp-Punkt bei 3°, bei 6° oder doch schon bei 2° Temperaturerhöhung erreicht wird.

Mehrere den Klimawandel verstärkende Rückkopplungseffekte sind beschrie­ben worden und lassen sich zum Teil schon beobachten. So ist laut einer ak­tuellen Studie der Weltwetterorganisation der Vereinten Nationen die Kohlen­dioxidkonzentration noch nie so schnell gestiegen wie im Jahr 2017 und das trotz etwa gleichbleibender menschengemachter Emissionen. Grund waren unter anderem die höheren Wassertemperaturen der Ozeane, was dazu ge­führt hat, dass die Ozeane weniger Kohlendioxid aufgenommen haben als in den Jahren zuvor. Dieser Effekt wird mit fortschreitender Erwärmung natürlich zunehmen, d.h. zukünftig werden immer weniger Treibhausgase benötigt, um den gleichen Temperaturanstieg zu bewirken.

Das Zwei-Grad-Ziel reicht nicht aus

Das wichtigste Argument für das sogenannte Zwei-Grad-Ziel (das Ziel, die durchschnittliche globale Erwärmung dauerhaft unter zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau zu halten) ist die Beobachtung, dass während der Warmzeiten der letzten drei Millionen Jahre die Temperatur immer unterhalb dieses Wertes geblieben ist. Daraus kann gefolgert werden, dass innerhalb dieses Rahmens noch keine Kipp-Punkte im Sinne eines „Runaway-Klima­wandels“ ausgelöst werden. Aber schon bei zwei Grad und erst recht darüber verlassen wir diesen relativ sicheren Bereich – mit letztlich unkalkulierbaren Folgen.

Doch auch ohne ein solches Umkippen des Klimasystems führt eine Tempe­raturerhöhung um zwei Grad bereits zu so massiven Folgen, dass es höchste Zeit ist, alles dagegen zu unternehmen. Zu diesen Folgen zählen zum Bei­spiel noch deutlich stärkere Wirbelstürme, als wir sie dieses Jahr bei einer Er­wärmung von knapp einem Grad beobachtet haben. Auch werden dann ein­zelne Wirbelstürme in Hurrican-Stärke erstmals die europäischen Küsten er­reichen. Das Abschmelzen der Hochgebirgsgletscher führt absehbar zu zu­nehmender sommerlicher Wasserknappheit in den flussabwärts gelegenen Regionen mit fatalen Folgen vor allem in Teilen Süd- und Ostasiens und Süd­amerikas. Der Meeresspiegel wird auf jeden Fall schneller steigen, als noch vor zehn Jahren gedacht, bis zum Ende des Jahrhunderts vermutlich um 1 bis 3 Meter, mittelfristig bei um zwei Grad höheren Temperaturen aber um 5 bis 10 Meter. Die tropischen Korallenriffe und mit ihnen etwa 25 % der marinen biologischen Vielfalt werden weitgehend aussterben (und das bei einer Erhö­hung der Temperaturen um nur 2 Grad !). Sauerstofffreie Todeszonen in den Ozeanen werden sich weiter ausbreiten. In den feuchten Regionen der Tro­pen wird es regelmäßig zu Hitzewellen mit für Menschen tödlichen Tempera­tur-Feuchtewerten kommen.

Aufgrund heutiger Erkenntnisse wäre daher vielmehr eine Temperaturerhö­hung um maximal ein Grad über das vorindustrielle Niveau anzustreben ge­wesen. Diese haben wir 2017 nun nahezu erreicht. Was wir heute erleben, sind allerdings erst die Auswirkungen der Treibhausgasemissionen bis etwa zur Jahrtausendwende. Da das Klimasystem mit etwa 15 bis 20 Jahren Ver­zögerung auf die Veränderungen in der Treibhausgaskonzentration reagiert, spüren wir die Folgen der seitdem weiter angestiegenen Kohlendioxidwerte noch nicht. Man kann abschätzen, dass die heute erreichten Kohlendioxiderte innerhalb der kommenden zwanzig Jahre zu einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur möglicherweise schon fast bis zur Zwei-Grad-Marke führen werden.

Der einzige Ausweg, die zu erwartenden lebensfeindli­chen Bedingungen weitgehend abzuwenden, ist, die Treibhausgasemissionen schnellstmöglich um rund 90 % zu senken.

Zugleich muss mit einer Rückholung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre begonnen werden.

Vor allem das letztere Ziel muss rasch zusätzlich in den Fokus rücken. Tech­nische Lösungen sind vorhanden und tw. bereits erprobt, machen aber natür­lich nur Sinn, wenn das abgeschiedene Kohlendioxid nicht weiter genutzt wird, sondern langfristig festgelegt bleibt. Damit sind alle diese Anlagen kurz­fristig wirtschaftlich sinnlos, energieaufwändig und vor allem teuer. Schon we­sentlich sinnvoller sind Landnutzungsänderungen, wie z.B. Aufforstung und Hochmoorrenaturierung, da diese Flächen zugleich den Naturhaushalt der Umgebung positiv beeinflussen. Als Kohlenstoffsenke dienen sie allerdings auch nur dann, wenn sie dauerhaft aus der Nutzung genommen werden und der Aufwuchs nicht nach einigen Jahren oder Jahrzehnten wieder abgeerntet wird. Vor allem aber Umstellungen in der Landwirtschaft können einen wichti­gen Beitrag zur Rückholung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre leisten. Extensive Grünlandnutzung kann zu einem erheblichen Aufbau von Humus­horizonten beitragen, aber auch Ackerbautechniken, die mehr Humus auf- als abbauen sind möglich und erprobt.

Tipps zum Weiterlesen:

(1) Peter Brannen (2017): „The Ends of the World“, leider bislang noch nicht in deut­scher Übersetzung verfügbar

(2) David Wallace-Wells (2017): „The uninhabitable world“, NewYork Magazine, 09.07.2017, weblink: http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/07/climate-change-earth-too-hot-for-humans-annotated.html

unbedingt dazu lesen, da hier einige fachliche Aussagen zurechtgerückt werden, leider ohne das Gesamtbild entscheidend zu schwächen:

Scientists explain what New York Magazine article on “The Uninhabitable Earth” gets wrong

(3) immer einen Blick Wert, die Klimaseiten des Guardian:

https://www.theguardian.com/environment/climate-change

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