BERGEN. Ein friedliches Zusammenleben der Religionen kann im Großen nur funktionieren, wenn es im Kleinen funktioniert. Von diesem Gedanken ausgehend, hat sich in Bergen ein interreligiöser Dialog formiert. Zur zweiten Veranstaltung der Reihe hatten sich am Donnerstagabend im ev. Gemeindehaus rund 20 Interessierte eingefunden. Frank Juchert, im Berufsleben Kämmerer der Stadt Bergen und allgemeiner Stellvertreter des Bürgermeisters, moderierte die Veranstaltung als keiner Religion angehörende Privatperson. Seine Fragen zum Thema „Recht und Unrecht – was der Glaube für eine gerechte Welt tun kann“ richtete er an den Christen Dr. Erhard Ebmeyer, die Muslima Aya Damlakhi, die Yezidin Perihan Sacik und den Hindu Dr. Virendra Singh.

Wie schwierig es ist, über Begriffe wie „Gerechtigkeit“ zu sprechen und dabei auch das Gleiche zu meinen, wurde ziemlich schnell deutlich. Er glaube nicht an Gerechtigkeit im Sinne von Chancengleichheit, machte Virendra Singh deutlich. Denn im Hinduismus ernte jeder, was er im früheren Leben gesät habe. Insofern ist es für Hindus normal und „in Ordnung“, dass es nicht allen Menschen gleich gut geht. Aber: Eine Gerechtigkeit in der Welt gibt es für Hindus schon: Denn „Jeder ist seines Glückes Schmied“, meinte Singh. Wenn er also etwas Gutes tue, einem anderen Menschen helfe ohne dabei eine Gegenleistung zu erwarten, werde er dafür in einem späteren Leben belohnt.

Das betrachtet die Muslima Aya Damlakhi ähnlich: Für gute Taten oder auch religiöse Pflichten wie fünf mal täglich beten, spenden oder eine Reise nach Mekka, werde man belohnt – im Leben beziehungsweise im „Paradies“ nach dem Tod.
Auch Erhard Ebmeyer glaubt als überzeugter Christ an eine „höhere Gerechtigkeit“, die letztlich die Ungerechtigkeiten der Welt, wozu auch Jesu Tod am Kreuz zähle, überwindet. Für die Yezidin Perihan Sacik hat Gerechtigkeit mit dem Glauben ebenso zu tun, wie mit der einzelnen Person. Die religiösen Werte des Yezidentums wie „Du sollst nicht töten, Respekt und Toleranz gegenüber anderen oder erst an andere zu denken und dann an sich“, findet sie gerecht.

„Ist Gerechtigkeit nicht eine, unabhängig vom Glauben, zu stellende Frage?“, lautete die nächste Anregung des Moderators in die Runde und ins Publikum. Letzteres beteiligte sich immer wieder durch Hinterfragen der Statements auf dem Podium. „Das Gesetz ist allen Menschen ins Herz gegeben“, zitierte ein Zuhörer den Apostel Paulus. Für ihn hat Gott das Gewissen im Menschen angelegt, für andere funktioniert die Vorstellung von Gewissen auch ohne Gott.

Und welche Rolle spielen Gesetze für die Gerechtigkeit? Entspringen sie religiösen Überzeugungen oder ermöglichen sie überhaupt erst das Ausüben von Religion, wie eine Yezidin aus dem Publikum klar machte: „Noch nie konnten Yeziden ihre Religion so ausleben wie hier unter diesen Gesetzen.“
Erhard Ebmeyer ist überzeugt davon, dass die staatlichen Gesetze aufgrund der Religion entstanden sind. Perihan Sacik glaubt darüber hinaus, dass diese Gesetze durch den Glauben immer wieder „überprüft“ werden.

Eine Erkenntnis des Abends dürfte wohl auch sein: Jede Religion bietet viel Spielraum für Interpretation und Auslegung im täglichen Leben. So ist für den Hindu Virendra Singh das „Helfen“ ein unabdingbarer Bestandteil seines Glaubens. Ein Indien-Kenner aus dem Publikum berichtete Anderes: Ein Hindu habe ihm erklärt, er dürfe ärmeren Menschen nicht helfen, weil er sonst in ihr Karma eingreife und ihnen nicht die Möglichkeit gebe, sich aus sich selbst heraus weiter zu entwickeln.
Und auch zwei Christen – beide studierte Theologen – können unterschiedliche Ansichten haben im Hinblick auf Ungleichbehandlung im täglichen Leben: Während der katholische Pfarrer Günther Birken ein AfD-Plakat mit der Aufschrift „Neue Deutsche – machen wir selber“ nicht nur an der Straße nach Bergen-Belsen als „schockierend“ empfindet, verweist sein evangelischer Kollege Axel Stahlmann auf „christliche Barmherzigkeit, sogar mit Leuten von der AfD“. Denn „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit funktioniert nicht“.

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