Interview mit Dirk Oelmann: "Fehlende persönliche Begegnung ist der frustrierendste Einschnitt"

Politik Von Susanne Zaulick | am Di., 19.01.2021 - 14:13

LANDKREIS CELLE. In diesem Jahr findet der Januar ohne Neujahrsempfänge statt. Anstelle der sonst in vielen Gemeinden üblichen Rück- und Vorausschau zum Jahresanfang haben wir die Bürgermeister im Landkreis Celle gebeten, für CELLEHEUTE zu berichten, wie die Stimmung vor Ort ist, welche Themen die Politik auf der Agenda hat und was für das kommende Jahr geplant ist. Heute beantwortet Winsens Bürgermeister Dirk Oelmann unsere Fragen zur Situation in seiner Gemeinde.

Herr Oelmann, wie ist die Stimmung in Winsen? 

Das lässt sich nicht mit einem Wort beantworten. Es gibt Bereiche, da ist die Stimmung aus verständlichen Gründen wirklich im Keller. Das betrifft z. B. die Gastronomie, aber natürlich auch alle anderen Bereiche, wo Menschen wirklich um ihre Existenz fürchten oder extreme Einschränkungen hinnehmen müssen. Dann gibt es die Gruppe der Enttäuschten. Das sind u. a. die Vereine, die in 2020 Meisterschaften, Schützenfeste, Jubiläen usw. ausrichten oder feiern wollten und nun fürchten müssen, dass auch die Verschiebung in 2021 unsicher wird. Und es gibt mit Sicherheit noch viele andere Bereiche, so z. B. in den Altenheimen, Kitas, Schulen usw., wo Menschen zu Recht mit der Situation hadern.

Aber: Ich bin auch dieses Mal wieder begeistert, wie eng die Winser zusammenrücken, wenn es schwierig wird. Die Unterstützung für unseren Handel ist hier ein gutes Beispiel. Ich habe viele positive Rückmeldungen von dort bekommen, dass gezielt Call and Collect-Angebote angenommen werden. Man will unterstützen und man hat Verständnis, dass derzeit nicht alles immer ganz rund läuft. Dieses Verständnis bekomme ich auch aus unseren Kitas rückgemeldet, die immer wieder die Bereitschaft und Geduld der Eltern loben, sich auf die neuen Szenarien einzustellen und diese mitzutragen. Fazit: Ja, Corona geht uns Winsern mächtig auf den Geist und zehrt auch an unseren Nerven, wir richten uns aber auch gegenseitig auf und halten durch für die Zeit nach Corona, wo wir schon wieder ganz viele tolle Ideen haben, die umgesetzt werden wollen.

Was überwiegt angesichts der coronabedingten Einschränkungen: Frust darüber, dass vieles nicht stattfinden kann oder Aufatmen, dass Dinge abgearbeitet werden können, für die man jetzt endlich mal Zeit findet?
 
Auch das ist sehr unterschiedlich zu bewerten. Natürlich wollen wir Spaß haben, feiern, Kultur erleben u.v.m.. Dafür ist Winsen auch über seine Grenzen hinaus bekannt und da schmerzt es umso mehr, dass Dinge wie die Backtage, der verkaufsoffene Sonntag, Winsen brennt, Frühstück vorm Rathaus und Ähnliches nicht stattfinden kann. Ganz besonders tut es mir auch für die Jugend leid, die derzeit wenig Möglichkeiten des Zusammenkommens hat.
Da gibt es schon Frust, zumal man eben nicht weiß, wie lange wir mit dieser Situation noch leben müssen. Allerdings wird die freigewordene Zeit, die durch nicht stattfindende Veranstaltungen usw. entsteht, tatsächlich auch durchaus positiv gesehen und genutzt. Familien beschäftigen sich mehr miteinander, es werden die „wenn ich irgendwann mal Zeit habe“-Dinge abgearbeitet und man nimmt sich auch mehr Zeit für sich selbst, z. B. für Entspannung, Spaziergänge, möglichen Sport usw.. Wichtig ist die Erkenntnis, dass jede Krise auch Chancen bietet und den Blickwinkel auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens schärft. Das scheint mir in Winsen gut zu funktionieren.

Wie kompensieren Sie die fehlenden Gespräche und Begegnungen mit Bürgern?

Wirklich kompensieren kann ich das nicht. Ich liebe die Begegnungen mit meinen Bürgerinnen und Bürgern, gerade auch die Besuche zu den Jubiläen bei den alten Menschen, wo ich immer so viele interessante Gespräche führen kann und Dinge von früher erfahre, die auch für meine Arbeit heute von enormer Wichtigkeit sind. Aber auch die Treffen mit Ehrenamtlichen, den Vereinen, den Feuerwehren und anderen Organisationen fehlen sehr, denn um ihnen die nötige Anerkennung und Wertschätzung für ihre wichtige Arbeit auszudrücken, braucht es das persönliche Gespräch. Ich habe dann zu Ostern, zu Weihnachten oder auch einfach mal zwischendurch Postkarten an Bürger, Firmen usw. geschrieben, was sehr gut ankam, und ich habe (als es möglich war) die Seniorenheime und unsere Kitas besucht und den Beschäftigten für ihren unglaublichen Einsatz dort gedankt. Für mich ist bei allen Einschränkungen, die wir gerade so erleben, das Fehlen der persönlichen Begegnungen der größte und frustrierendste Einschnitt. 

Was erhoffen Sie sich vom neuen Jahr für Ihre Gemeinde?

Wir hatten in 2020 in vielerlei Hinsicht das erfolgreichste Jahr in unserer Geschichte. Daran würde ich in diesem Jahr natürlich gern anknüpfen. Ich erhoffe mir für 2021,
- dass wir die Infektionszahlen in Winsen sehr gering halten können,
- dass unser Ort in seiner Struktur, gerade im Hinblick auf Handel, Gastronomie, Wirtschaft und Dienstleistung so erhalten bleibt, wie er jetzt ist, was im Übrigen auch für unsere Vereine gilt, 
- dass möglichst keine Insolvenzen zu verzeichnen sind,
- dass die Wirtschaftskraft der Gemeinde weitestgehend erhalten bleibt,
- dass die Geduld der Bürgerinnen und Bürger bis zum Erreichen einer spürbaren Verbesserung ihrer jetzigen Lebenssituation weiter anhält und 
- dass wir als Verwaltung den Menschen vor Ort auch in dieser schwierigen Zeit das Gefühl geben, für sie da zu sein.
Ganz allgemein wünsche ich mir noch, dass unsere Gesellschaft ihren Blickwinkel verändert und die Anerkennung und Wertschätzung für soziale Berufe nicht mit abendlichen Abklatschveranstaltungen als erledigt ansieht und dass unsere Bürgerinnen und Bürger ihre Mitbestimmungsmöglichkeit  bei der Bundestags- und auch Kommunalwahl im September wahrnehmen und dass daraus gute und handlungsfähige Mehrheiten hervorgehen.

Welches Thema hätten Sie in diesem Jahr lieber nicht auf der Tagesordnung und warum?

Die Themen kann man sich nicht aussuchen, man muss sich ihnen stellen und versuchen eine gute Lösung herbeizuführen. Und dieses besondere Jahr hat vielleicht auch noch Themen parat, von denen wir noch gar nichts ahnen. Mit einer guten und motivierten Mannschaft im Rathaus und politisch mehrheitlich sachorientierten Ratsfrauen und -männern haben wir in Winsen schon in den vergangenen Jahren gezeigt, dass wir auch schwierige Situationen meistern können, wenn wir sie mit Ruhe und Bedacht zielorientiert für unsere Gemeinde angehen. Grundsätzlich kann ich auf alle Themen verzichten, hinter denen schwere menschliche Schicksale stehen und wo man nur bedingt oder gar nicht helfen kann. 

Was ist aus Ihrer Sicht gut gelaufen 2020 in Winsen?
Wir hatten die höchsten Gewerbesteuereinnahmen, die es jemals in Winsen gab, unser neues Gewerbegebiet konnte aus dem Stand heraus abverkauft werden, weitere Unternehmen wollen sich hier ansiedeln und die Bevölkerungszahl wächst, die neue Dreifeldhalle wurde eröffnet, richtungsweisende Beschlüsse für Kitas und Grundschule konnten gefasst werden, die Straßensanierungen gehen gut voran, so wie wir es den Menschen hier bei der Abschaffung der Straßenausbaubeiträge versprochen haben und dazu kommen noch viele kleine Dinge, die aber durchaus für kleinere Gruppen oder Vereine eine große Bedeutung haben. Da fällt mir spontan der B-Plan für das Sportgelände des Kickers Wolthausen ein. Alles in allem ist es für mich eine große Erleichterung, dass wir als Rat und Verwaltung voll handlungsfähig bleiben konnten und die Bürgerinnen und Bürger sehen können, dass sie nach der Pandemie in Winsen nicht vor einem Scherbenhaufen stehen.

Wo sehen Sie noch größeren Handlungsbedarf und was können Sie als Bürgermeister tun, damit es hier vorangeht?

Die letzten Jahre zeigen deutlich, dass wir in Winsen auf einem sehr guten Weg sind. Das bedeutet natürlich nicht, dass man nun die Hände in den Schoß legen kann - ganz im Gegenteil. Neben den Dingen, die jetzt schon gut laufen (z. B. Wirtschaftsansiedlung und -ausbau Bevölkerungsentwicklung, Ausbau der Infrastruktur) ist es wichtig, die Finanzkraft der Gemeinde im Auge zu behalten und in manchen Dingen auch mal neue Wege zu gehen. Hier kann der Bürgermeister in vielen Dingen unterstützen, neue Wege aufzeigen und durch persönliche Gespräche auch Wege ebnen. Ein Bereich, der mir persönlich noch sehr am Herzen liegt, ist neben den bereits angeschobenen Themen in den Feldern Soziales und Wirtschaft die Verbesserung für unsere Ortsfeuerwehren. In diesem Bereich, wo die Kameradinnen und Kameraden bereit sind, im Ernstfall ihr eigenes Leben zur Rettung anderer einzusetzen, möchte ich gern noch mehr Sicherheit schaffen.

Ihr wichtigster Vorsatz für 2021?

Gesund bleiben, weiterhin mit so viel Spaß und Freude für diesen Ort arbeiten und dabei auch genügend Zeit für meine Familie haben, die bei allem Spaß an der Arbeit trotzdem immer der wichtigste Teil in meinem Leben ist.

...