„Superchancen für Celle und Uelzen“ - Dr. Andreas Sorge, Gegenkandidat von Dirk-Ulrich Mende für das SPD-Bundestagsdirektmandat, im Interview

Politik Von Anke Schlicht | am Di., 15.12.2020 - 20:22

CELLE. Dr. Andreas Sorge hält den Zeitpunkt für richtig, politische Verantwortung zu übernehmen. „Wann, wenn nicht jetzt. Die Lage ist ernst, Corona, Klimakrise, gravierende Veränderung der Arbeitswelt“, sagt der 38-Jährige, „ich habe das Handwerkszeug, die Dynamik und einfach Lust, mich einzubringen.“

Nachdem die bisherige Inhaberin des Bundestagsmandates, Kirsten Lühmann, im Sommer bekanntgab, zur Bundestagswahl 2021 nicht mehr antreten zu wollen, rief die SPD Celle und Uelzen gemeinsam auf, an einer Kandidatur interessierte Mitglieder mögen sich bis zum 31. Oktober bei ihrem Unterbezirk melden. Der frühere Celler Oberbürgermeister, Dirk-Ulrich Mende, bewarb sich unmittelbar nach Lühmanns Verzicht um die Nominierung. Anfang Dezember warf relativ überraschend der studierte Physiker und derzeit im Bundesministerium für Bildung und Forschung als Referent tätige, Dr. Andreas Sorge, seinen Hut in den Ring.

An zwei Terminen werden beide Bewerber in einer Videokonferenz den SPD-Mitgliedern vorgestellt, die erste Runde steht am 16. Dezember an. Vorab gab Dr. Andreas Sorge CelleHeute ein Interview:

CH: Was muss sich im Bereich Bildung verbessern über das Voranbringen der Digitalisierung hinaus? Was halten Sie von Gesamtschulen?

Sorge: Bildung ist eines meiner Steckenpferde. Digitale Bildung beinhaltet so viel, das kann man gar nicht mehr getrennt betrachten von den übrigen Aspekten. Für mich ist die entscheidende Frage: Was ist zeitgemäße Bildung? Im Vordergrund sollte nicht stehen, für welche Schulform man sich entscheiden kann, sondern was ist das Beste, das Passende für mein Kind und mich, wo findet es das Umfeld, in dem es sich wohlfühlt und sich entwickeln kann. In der aktuellen Debatte im Kreis Uelzen geht es gerade um Schulstruktur, dabei haben sich genügend Eltern für eine IGS ausgesprochen. Ich bin ein klarer Befürworter von Integrierten Gesamtschulen, aber ich bin dagegen, alle zwei Jahre neue Debatten über Schulstrukturen zu führen, was heißt, dass ich ein bestehendes System, z.B. in Celle, nicht ohne Anlass verändern würde. Vielmehr sollte man die Betroffenen fragen: Was wollt Ihr? Wo besteht Bedarf? Was können wir über das vorhandene Angebot hinaus noch tun? Ich denke da speziell an die Stärkung Berufsbildender Schulen. Hier könnte man z.B. besonders die Auszubildenden in ländlichen Regionen mit zusätzlichen digitalen Lehrinhalten versorgen.

CH: Sie sprechen in einem Papier von einem „starken Neustaat, der die Schwachen schützt und aus seinen Fehlern lernt…“ Heißt das, Sie sind für die Abschaffung von Hartz IV?

Sorge: Schaut man sich Systemkonkurrenzen an, z.B. zu China oder den USA, dann ist ganz klar, der deutsche Staat muss modernisiert werden, und zwar nicht mit der Zielsetzung und nach den Regeln des Neoliberalismus, sondern ganz im Gegenteil hin zu einer starken Gemeinschaft. Das heißt z.B.: Hartz IV erzeugt, z.B. durch die Sanktionen, die es beinhaltet, Ängste. Dieses System gehört abgeschafft, wie es die SPD bereits beschlossen hat. Die Angst vor dem Abstieg muss den Menschen generell genommen werden. Wir müssen die klassischen Aufsteigerpotentiale wiederbeleben, durch Bildung müssen sich neue Chancen ergeben. Der Staat muss sich modernisieren, aber nicht auf dem Rücken der Schwachen.

CH: Wie beurteilen Sie die EU-Agrarreform 2021? Besteht erheblicher Reformbedarf im Bereich der Landwirtschaft oder muss nur nachgebessert werden? Sehen Sie den Insektenschwund als große Gefahr an?

Sorge: Ich bin am Rande von Uelzen aufgewachsen, bin ein Naturliebhaber. Das industriell geprägte Agrarsystem übernutzt unsere natürlichen Ressourcen und gefährdet unsere umweltpolitischen und sozialen Standards. Das System ist auf Sand gebaut. Umdenken und Gegensteuern sind nötig. Wo Landwirte Verantwortung übernehmen für Natur und Umwelt, soll dieses belohnt werden, wir wollen so auch ‚Hofnachfolgen‘ unterstützen. Regionale Strukturen, kurze Wege der Produkte sollten gefördert werden. Die EU-Agrarreform geht nicht weit genug, sie ist nicht mutig genug. Aber man kann sie durchaus als einen ersten Schritt sehen.

Das Artensterben sehe ich mit großer Sorge, der Rückgang der Insekten ist ein deutliches Warnzeichen, aber nur die Spitze des Eisberges.

CH: Wo findet sich in Ihrer politischen Programmatik die SPD als traditionelle Arbeiterpartei wieder?

Sorge: Was heißt Arbeit heute? Das ist für mich eine längst überfällige Debatte. Arbeit haben wir Sozialdemokraten immer als sinnstiftend aufgefasst. Für neue Formen des Arbeitens müssen wir neue Strukturen schaffen, die ebenso sinn- und gemeinschaftsstiftend sind, z.B. dass man für Leute auf dem Land mit Bürojob in der Großstadt neue Arbeitsräume schafft, die das tägliche Pendeln und ein einsames Arbeiten im Homeoffice vermeiden, z.B. Coworking-Spaces.

CH: Muss sich in der Gesundheitsversorgung in ländlichen Regionen wie Uelzen und Celle etwas verändern?

Sorge: Gesundheit ist ein Bestandteil der Daseinsvorsorge, sie sollte nicht primär ökonomisch, wie es derzeit der Fall ist, ausgerichtet sein. Wir brauchen hier neue Konzepte, müssen näher heran an die Menschen, die Gesundheitsversorgung sollte wohnortnah gestaltet sein. Man könnte hier Neues, wie z.B. Gesundheitszentren in der Fläche, ausprobieren. Wir sollten den Bedarf feststellen, die Menschen fragen: Was braucht Ihr?  Und nicht fragen, was ist das Ökonomische, sondern was ist das Notwendige? Ausprobieren ist besser als lange zu debattieren. Es gibt in anderen Ländern schon zahlreiche Ansätze. Lasst uns ausprobieren, was bei uns funktionieren kann. Das bedeutet nicht, dass ich alles in Frage stelle, aber ich bin generell offen für Neues. Wir haben es in der Hand, unser Gemeinwesen so zu gestalten, wie wir es wollen, da sehe ich Superchancen in Celle und Uelzen.

CH: Thema Mobilität: Wie lautet Ihr Vorschlag für all jene, die auf dem Land wohnen, sich der Umwelt und dem Klimaschutz verpflichtet fühlen, aber keine Möglichkeit sehen, auf ihr Auto zu verzichten, weil es keinen adäquaten Nahverkehr gibt?

Sorge: In den 50er und 60er Jahren hat man sich in Deutschland anders als z.B. in Japan bewusst für das System Straße entschieden. Das ist die Basis, wir werden nicht jede Lieferkette auf die Schiene verlagern können, das ist auch nicht unbedingt nachhaltig. In den 90er und Nuller-Jahren zielte die Entwicklung des Verkehrssystems auf private Gewinne ab, nicht auf die Daseinsvorsorge. Hier muss umgesteuert werden.

Ich sehe mich als Brückenbauer und konnte mich in dieser Rolle bereits bei einem Projekt in Südniedersachsen einbringen, ich war Mittler zwischen den Ortsbürgermeistern in den Kommunen und dem Max-Planck-Institut. Das Pilotprojekt „EcoBus“ ist ein digitales, flexibles Mobilitätssystem in Land und Stadt, z.B. fahren Kleinbusse dem Bedarf entsprechend, der Nutzer meldet sich per App oder telefonisch, es wird ein Ort der Abholung vereinbart. Es muss mehr in Richtung kooperative Mobilität gehen. Die Frage darf in Zukunft nicht mehr lauten: Welches Auto kaufe ich mir? Wir müssen vielmehr gemeinsam ein neues System schaffen. Dazu gehört, dass ICEs zwischen Hannover und Hamburg im Stundentakt Celle und Uelzen miteinander verbinden und bei uns in der Region der Metronom im 30-Minuten-Takt verkehrt.