Corona stiehlt die Nähe – Über die Bedeutung von Berührung

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Do., 24.12.2020 - 08:47

BERLIN/CELLE. „Vermeiden Sie Kontakte“ – unablässig fordern die Kanzlerin und Experten dazu auf, die Vernunft lässt nichts anderes zu, als dem zu folgen. Doch die notwendige Distanz zu den Mitmenschen im Kampf gegen das Virus, das dem zu Ende gehenden Jahr seinen Stempel aufdrückte und die Welt veränderte, hat seinen Preis, einer ist der Verzicht auf körperliche Berührung. Einige Stimmen in regionalen und überregionalen Medien feiern Covid-19 zumindest für eines: Endlich sei Schluss mit der lästigen Handreichung zur Begrüßung.

„Ich habe selten etwas Dämlicheres gelesen wie einen Zeitungsartikel, in dem der Schreiber seine Freude darüber ausdrückte, dass nach Corona wohl dieses überflüssige, unhygienische Händeschütteln in Deutschland endgültig aufhören werde und wir uns damit den feineren Umgangsformen der Briten annähern würden“, kommentiert einer derlei Äußerungen, der sich auf wissenschaftlicher Ebene sowohl mit depressiv erkrankten Menschen als auch mit der Wirkung von Berührung auf unsere Seele und unseren Körper intensiv und über lange Jahre auseinandergesetzt und seine Erfahrungen in einem gemeinsam mit G.M. Kiebigs verfassten Buch dargestellt hat:

Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen war von 1975 bis 2001 Professor für Klinische Psychopharmakologie an der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin, forschte zu Antidepressiva und der bipolaren Erkrankung, von 1969 bis 1971 war er als Entwicklungshelfer und pharmakologischer Experte in Bangkok tätig, wo er ein Labor zu Untersuchung der traditionellen thailändischen Medizin und der Phytotherapie aufbaute. Seit 1998 widmet er sich wissenschaftlich einer Form der komplementären Medizin, indem er die Wirkung körpertherapeutischer Verfahren, u.a. einer von Claudia Berg zusammen mit ihm entwickelten speziellen Massage, untersucht.

CelleHeute stand er für ein Interview zur Verfügung:

CH: Herr Professor Müller-Oerlinghausen (BMOE), es gibt nicht wenige Menschen, die sich als wissenschaftsgesättigt bezeichnen, vor allem wenn es um den Nachweis von Dingen geht, die man eigentlich irgendwie auch so weiß. Was sagen Sie denen zum Thema Corona stiehlt die Nähe?

BMOE: Das Thema Berührung, so ganz allgemein, ist inzwischen wohl bei vielen Menschen angekommen, insbesondere im Zusammenhang mit ‚social distancing‘ und seinen psychischen und leiblichen Negativfolgen. Und auch dass es gut für die Entwicklung von Kindern ist, wenn sie als Babys viel herumgetragen werden. Babymassage hat sich auch herumgesprochen bei Müttern und modernen Vätern. Aber was für ein Potential für die Medizin, für die Behandlung und Pflege darin steckt, das wissen eben nicht viele, und auch nicht, was für interessante biologische und psychologische Mechanismen hier ins Spiel kommen. Und an diesem Punkt wird es für den wissenschaftlich Interessierten sehr interessant, dafür muss man nicht wissenschaftsgläubig oder -gesättigt sein. Ich kann Menschen verstehen, die Vorbehalte haben. Und dennoch – die vom Kommerz distanzierte Wissenschaft hilft uns, unser Leben mit seinen Problemen verständlicher zu machen und manchmal die Probleme positiv zu beeinflussen. Denken wir etwa an Einsamkeit, an Menschen in Pflegeheimen oder auf Palliativstationen, aber auch an hyperaggressive Schulkinder.

CH: Welche Bedeutung hat Nähe in Form von sich die Hand geben, sich umarmen, tröstend die Hand auf die Schulter legen für das soziale Miteinander?

BMOE: Körperliche Berührung ist die Urkommunikation von Mensch und Tier, zumindest den Säugetieren. Dementsprechend ist der Tastsinn, auf dem ja die Berührung basiert, von allen fünf Sinnen derjenige, der am frühesten in der embryonalen Entwicklung erscheint und ohne den wir gar nicht lebensfähig sind. Ein Mensch kann taub oder blind geboren werden, aber ohne Tastsinn – das gibt es nicht. Der Tastsinn ist es, mit dem z.B. der blind Geborene sich schließlich seine Welt erobern und konstruieren kann. Und der Tastsinn bleibt erhalten bis zum letzten Atemzug, ja vielleicht sogar darüber hinaus. Auch wenn ein Sterbender nicht mehr sprechen kann oder will, vielleicht auch nicht mehr hört, wir erreichen ihn immer durch seine Hand, die wir halten. Deshalb kann es so schockierend, aber auch geheimnisvoll sein, zu beobachten, wie schnell der Körper nach dem Tod erkaltet. Die Hand ist jetzt toter Körper geworden, ist nicht mehr lebendiger Leib.

Der Handschlag ist in vielen Kulturen auch eine Basiskommunikation – je nachdem wie er geschieht, kann er so viel verschieden Emotionales ausdrücken, vom Vertrauen in einen Geschäftsabschluss bis zum Ausdruck von Macht oder Ohnmacht dem anderen gegenüber. Das sind alles Formen sozialer Berührung. Ich habe selten etwas Dämlicheres gelesen wie einen Zeitungsartikel, in dem der Schreiber seine Freude darüber ausdrückte, dass nach Corona wohl dieses überflüssige, unhygienische Händeschütteln in Deutschland endgültig aufhören werde und wir uns damit den feineren Umgangsformen der Briten annähern würden. Wie wichtig ist im Alltag die tröstende Umarmung eines weinenden Kindes oder einer am Grabe ihres Mannes stehenden Freundin! Wenn Me-Too so interpretiert wird, dass ein Lehrer ein Kind, das sich auf dem Schulhof das Knie aufgeschlagen hat und weint, nicht mehr in den Arm nehmen oder ihm tröstend über den Kopf streichen darf, dann ist auch bei uns etwas falsch gelaufen wie in den USA, wo in Schulen, Pflegeeinrichtungen usw. lange Zeit der Slogan galt: ‚Do not touch!‘ Das hat sich mittlerweile geändert, und zwar ausgehend von der Krankenpflege, wo es jetzt ausdrücklich heißt: ‚Do touch!‘

CH: Wie wirkt sich dieser Corona-bedingte Verlust an Nähe auf die Seele aus?

BMOE: Wir wissen noch zu wenig, welche Auswirkungen das Corona-bedingte social distancing auf unsere Psyche hat. Da, wo soziale Berührung wegfällt, entsteht sicher ein psychologisch und biologisch gefährliches Vakuum. Das galt freilich partiell auch vor der Pandemie für die vielen Singles (52 Prozent unserer Haushalte sind Singles), von denen viele ein auch gelegentlich geäußertes großes Bedürfnis nach Berührung haben, was derzeit auch nicht durch ‚Berührungsberufler‘ zeitweise kompensiert werden kann. Viele von ihnen gehen deshalb so gerne zur Massage, und es ist eine bedenkliche Entwicklung, dass alle nicht medizinisch verordneten Massagen und Körpertherapien derzeit nicht verfügbar sind. Vielleicht ist es kein so großes Unglück für die Männerwelt, wenn eine Zeitlang Bordelle ihre Dienste nicht mehr anbieten dürfen, aber Massagen und andere Körpertherapien als Formen therapeutischer Berührung können durchaus auch safe, z.B. mit Maske, angeboten werden.

CH: Wie verhält es sich denn mit Berührung als Therapie im Einzelnen? Welche Ergebnisse haben Ihre Studien zu diesem Thema erbracht? Können Sie einen Bezug zu Corona im zweiten Schritt herstellen?

BMOE: Im Vordergrund der Bemühungen meiner Arbeitsgruppe steht die Überzeugung, dass therapeutische Berührung unbedingt Eingang in die Therapie von Patienten mit affektiven, also z.B. depressiven Störungen, aber auch Patienten mit chronischen Schmerzen finden sollte. Diese Überzeugung gründet sich auf seriöse wissenschaftliche Studien, von denen es nach wie vor zu wenige gibt, die aber doch jetzt schon den Beweis erbringen, dass z.B. bestimmte Massagetechniken, die wir psychoaktive Massagen nennen, ausgeprägte positive Effekte bei stationären oder ambulanten depressiven Patienten oder auch solchen mit psychosomatischen chronischen Rückenschmerzen wirksam sind. Auch wirksamer im Vergleich zu anderen etablierten Therapien wie etwa bekannten Entspannungsverfahren. Wir selber haben zu Beginn dieses Jahrhunderts die erste große deutsche Studie zu diesem Thema in Gang gesetzt, deren Ergebnisse mich so überrascht und beeindruckt haben, dass ich seitdem einen erheblichen Teil meiner Zeit der Berührungsforschung gewidmet habe. Parallel zu den publizierten kontrollierten Studien erscheinen aber auch immer wieder beeindruckende Erfahrungen aus dem Bereich der Krankenpflege über die positiven Wirkungen einfacher Berührungen z.B. bei Bewohnern von Alters- oder Pflegeheimen. Die Pflege hat dieses einfache ‚Werkzeug‘ eigentlich viel früher erkannt und bewusst eingesetzt als meine medizinischen Kollegen/innen, obwohl es ja einen speziellen Zweig der Psychotherapie gibt, wo bewusst körperliche Berührung in den Behandlungsprozess integriert wird. Aber es gibt hier nach wie vor viele offene Fragen. Wir wissen viel zu wenig über die Möglichkeiten therapeutischer Berührung bei Menschen mit körperlichen und seelischen Behinderungen.

CH: Können Sie das Wechselspiel zwischen körperlicher Berührung und Psyche beschreiben?

BMOE:  Körper, oder besser Leib, und Seele bilden eine nur künstlich zu trennende Einheit. Diese Einsicht, die auch z.B. diejenige Goethes war, ist lange Zeit durch den Einfluss des großen französischen Philosophen René Descartes verschüttet gewesen. Erst durch die Arbeiten moderner Philosophen wie etwa Max Scheler, Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty oder Helmut Plessner (bei dem ich noch Vorlesungen hören durfte) und vor allem durch die Arbeiten des großen Neurophysiologen Giovanni Damasio ist dieser enge Zusammenhang wieder ins Licht gerückt worden. Es gibt kein Gefühl ohne zugehörige körperliche Reaktion. Über unser Körpergedächtnis können frühere emotionale Reaktionen, seien es gute oder schlechte, immer wieder reaktiviert werden. Sehr deutlich zeigt sich das z.B. in der Therapie schwer traumatisierter Menschen. Aber auch eine kleine „Embodiment“-Übung mag es verdeutlichen: Sie steuern ein Auto und sind zunehmend genervt über ein langsam vor Ihnen fahrendes Fahrzeug. Ziehen Sie jetzt willkürlich einfach Ihre Mundwinkel etwas hoch zu einem bewussten Lächeln. Sie werden merken, dass Sie wesentlich entspannter, eben lächelnd, diese Situation ‚bewältigen‘, ohne sich psychisch Gewalt antun zu müssen. Oder ein Gegenbeispiel: Ballen Sie Ihre Hände in beiden Hosentaschen zur Faust, drücken Sie so kräftig wie möglich. Beobachten Sie Ihr synchrones Gefühl: Spüren Sie so etwas wie stumme Aggressivität in sich? Kampfesbereitschaft?

Diese Symbiose von Leib und Seele ist es, was Körpertherapie bei seelischen Störungen so wirksam macht. Übrigens soll schon Platon behauptet haben, dass Massage Gewissensbisse heilen kann. Und noch etwas ist erst in den letzten Jahren richtig erforscht worden: die Bedeutung der sogenannten Interozeption, also die kontinuierliche körperliche Selbstwahrnehmung: In jeder Sekunde unseres wachen Lebens haben wir so etwas wie ein integrales Gefühl von uns selbst, und dieses ist im Grunde die Summe aller zu jedem Zeitpunkt über 24 Stunden unserem Gehirn vermittelten Signale aus allen Bereichen unseres Körpers. Die alten Forscher nannten es das Gemeingefühl. Und genau dieses ist beim depressiven Menschen gestört. Er empfängt andere Signale als wir Gesunden, er verarbeitet sie anders. Und wir in unserer Forschergruppe meinen, dass eine professionelle tiefgehende psychoaktive Massage eben diese gestörte körperliche Selbstwahrnehmung, wieder normalisiert. Aber bis wir oder andere dies exakt beweisen können, wird wohl noch etwas Zeit vergehen.

CH: Wir bedanken uns für dieses Gespräch.