„Seit mehr als sieben Wochen sind sie verschwunden: Vier Kinder. Der eigene Vater hat die vier Geschwister entführt – in eines der gefährlichsten Länder der Welt.“ So beginnt „stern.tv“ im Internetauftritt die Geschichte der vom Vater entzogenen Kinder aus Hermannsburg. Eine tragische Geschichte, die auch in einem medialen Nebenschauplatz mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Rückblick:

Am 25. April hatte Axel H. seine vier Kinder zu einer vermeintlichen Fahrradtour abgeholt. Seit der Trennung hat die Mutter Katja H. das alleinige Sorgerecht. Der streng religiöse Vater brachte sie jedoch nicht zurück, sondern hatte nach CelleHeute.de-Recherchen Pässe, Geburtsurkunden und Sparbücher der Kinder mitgenommen. Anschließend reiste er mit ihnen in den Sudan – ausgerechnet einem Land, in dem Christen alles andere als willkommen sind und in dem Bürgerkrieg herrscht.

Nach über sechs Wochen, am 7. Juni 2011, entscheidet sich die Polizei Celle zu einem öffentlichen Fahndungsaufruf (CelleHeute.de berichtete). Seitdem sind auch seriöse Medien daran interessiert, der Hermannsburgerin zu helfen. Weniger seriöse denken eher an Auflage und Quote, aber der Zweck heiligt die Mittel: Je mehr Öffentlichkeit, desto besser sind die Chancen, die Kinder lebend zu finden. Könnte man meinen, doch alle Anfragen werden von einem „Medienberater“, der seitdem der Mutter zu Seite steht, verneint. Fast alle.

Mark Krümpel – Foto: Facebook.de

Mark Krümpel ist sein Name, ehemals Redakteur der Celleschen Zeitung und seit 2009 hauptberuflich Pressesprecher der Hamburger Hafen und Logistik AG. Zunächst versprach er in einer Mail vom 9. Juni: „ich werde mit Frau H. sprechen und mich noch mal bei Ihnen melden.“ Einen Tag später, am 10. Juni bittet er um Verständnis dafür, … „dass Frau H. derzeit noch keine Interviews geben möchte.“ Bei CelleHeute.de und fehlhaber.medien als TV-Produktionsfirma laufen derweil Anfragen verschiedener Fernsehsender mit entsprechenden Recherche- und Umsetzungsgesuchen auf, die aufgrund des bis dato vermeintlich offenen Dialoges abgelehnt werden müssen.

Unterdessen sammelt die ehemalige Kirchengemeinde des mutmaßlichen Entführers, die SELK, Spenden für die Familie und verkündet das entsprechend auf ihrer Homepage.

Im Hintergrund jedoch informiert Krümpel seinen ehemaligen Arbeitgeber am 14. Juni, dass die Hermannsburgerin einen TV-Auftritt bei stern.tv habe. Wir bekommen davon zur zufällig mit und fragen nach den Gründen über die Bevorteilung eines Senders. Doch, anstelle einer Antwort folgt nur eine ausweichende Mail: „Ich möchte Sie kurz darüber informieren, dass Frau H. heute Abend bei Stern TV ein Interview geben wird. Unser Angebot, in Kontakt zu bleiben, besteht weiterhin.“ Dieser Kontakt wird jedoch unterbrochen, entsprechende Anfragen werden nicht weiter beantwortet.

Die eigentliche Brisanz: Es wäre nicht das erste Mal in der Mediengeschichte, dass sich hier ein Einzelner oder mehrere am Leid anderer bereichern. So genannte „Exklusiv-Verträge“ sind nicht ungewöhnlich. So soll „Bunte“ einer vermeintlichen Ex-Geliebten von Jörg Kachelmann 50.000 Euro für ein Interview gezahlt haben – das berichtet jedenfalls sogar der „stern“. Auch im Fall des in der Türkei monatelang verhafteten Marco Weiß aus Uelzen hatte sich ein „Medienberater“ das Vertrauen der Familie erschlichen. Daraufhin hatten die Eltern einen Exklusivvertrag über die Geschichte ihres Sohnes mit dem Fernsehsender RTL geschlossen. Für die anderen Medien gab es auszugsweise Zitate und ein paar Bilder vom Jungen. Man spricht hier von einer Summe über 80.000 Euro.

Ob und wie viel „Honorar“ auch im Fall H. gezahlt wurde, ist unklar. „stern.tv“ teilt auf Anfrage von CelleHeute.de lediglich mit: „Nach Rücksprache mit unserer Chefredaktion können wir Ihnen keine Auskunft geben.“ Trotzdem hält die SELK weiter am Spendenaufruf fest und sagt: „Zu ihrer Anfrage, ob Frau Hüls einen Exklusivvertrag mit dem Sender RTL abgeschlossen hat, kann ich Ihnen nichts sagen. Alle Entscheidungen und Hintergründe zum Umgang mit den Medien fällt meines Wissens allein Frau Hüls unter Beratung der Polizei und ihres Medienberaters Herrn Krümpel.“

Ein Polizeisprecher stellt jedoch klar, dass Katja H. zumindest von der Polizei nicht beraten wird, wem sie Auskunft erteilen sollte und wem nicht.

Ein Journalist einer großen Tageszeitung bringt die Sache auf den Punkt: „An dieser Story sind alle deutschen und internationalen Top-Medien dran, da ist jede kleine Info oder jedes Foto heiß gehandelte Ware – und irgendwann ist jeder käuflich… Jeder amerikanische oder britische Chefreporter würde sich über solche Bedenken nur kaputtlachen.“ Offenbar nicht nur Amerikaner und Briten.

Leitartikel 16.6.2011

 

Kommentare sind geschlossen.