Stehende Ovationen für musikalischen Hochgenuss

Musik Von Anke Schlicht | am Mo., 14.09.2020 - 12:51

CELLE. So geht interkulturelles Miteinander – dieses Motto könnte man im Nachhinein dem diesjährigen Sommerfest der Celler Synagoge verleihen. „2020 ist in vielerlei Hinsicht ein besonderes Jahr“, merkte die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Celle, Dorit Schleinitz, in ihren Einführungsworten am Sonntagabend zum Auftakt an. Sie wandte sich nicht in der Synagoge an ihre Gäste, sondern in der Evangelisch-reformierten Kirche, die auch „Hugenottenkirche“ genannt wird. „In ihrer Schlichtheit erinnert sie an unsere Synagoge“, sagte Schleinitz und dankte für die unkomplizierte Hilfe der Evangelisch-reformierten Gemeinde. Diese hatte ihr Gotteshaus zur Verfügung gestellt, denn auf dem Programm stand mit „Sing Israel! Die schönsten israelischen Lieder“ ein absolutes Highlight, für das sich so viele Teilnehmer anmeldeten, dass der Platz in der Synagoge unter Corona-Bedingungen nicht ausgereicht hätte.

In jedem Sommer wird das traditionelle Fest gemeinsam mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit ausgerichtet, in diesem Jahr sorgte nun Corona dafür, dass der interkulturelle Charakter noch deutlicher wurde – israelische Lieder in einer „Hugenottenkirche“ – dieser Rahmen war allein einen Besuch wert, wurde allerdings an diesem schönen Spätsommernachmittag noch getoppt durch außergewöhnliche künstlerische Qualität. „Dieses Künstlerduo schlägt mit seinem Programm eine Brücke der interreligiösen Verständigung“, moderierte die Gastgeberin an und dann schickte sie die Zuhörer auf eine musikalische Reise durch mehr als 2.000 Jahre jüdische Geschichte. Die Sonne warf noch ein paar Strahlen in die Kirche und trat damit in Konkurrenz zu Shai Terry. „Schon dieses Kleid“, äußerte sich Dorit Schleinitz noch kurz bewundernd - und sprach damit wohl nicht nur den Frauen im Publikum aus dem Herzen, um dann die Bühne der Mezzosopranistin, die von dem Dirigenten und Pianisten, Adi Bar, am Klavier begleitet wurde, zu überlassen.

Als „Lieder zwischen Sehnsucht, Hoffnung und Liebe“ beschrieb Terry in fließendem Deutsch die auf Hebräisch dargebotenen Musikstücke. Terrys wunderschöne Stimme unterlegt von Bars Pianoklängen verwandelten jedes einzelne in einen Hörgenuss. Gerne hätte man noch mehr über die Inhalte und die Entstehungsgeschichte erfahren. Wie sehr die Lieder in der israelischen Kultur verankert sind und zum Alltag gehören, ließ sich auch daran ablesen, dass einige Gäste munter mit einstimmten. Dorit Schleinitz bestätigte in ihrer Abmoderation diesen Eindruck. „Ich bin in Israel mit diesen Liedern aufgewachsen“, erzählte sie, vielen im Publikum hatte sie damit etwas voraus. Das Empfinden am Ende dieses außergewöhnlichen Abends stimmte jedoch überein und wurde auf zweierlei Weise zum Ausdruck gebracht. Die Gäste bedankten sich mit stehenden Ovationen, die Gastgeberin sagte: „Shai Terry und Adi Bar haben diesen Liedern mit ihrer phantastischen Interpretation eine neue Seele eingehaucht.“