"Vergessen ist Verrat": Jugendliche frischen „Weg der Erinnerung“ nach Bergen-Belsen auf

Gesellschaft Von Susanne Zaulick | am Fr., 21.08.2020 - 10:00

BERGEN-BELSEN. Eigentlich wollten sie auf dem Ijsselmeer segeln. Jetzt sitzen sie auf dem Radweg an der Landesstraße zwischen Bergen und Winsen und malen eine weiße Linie. Weil die Farbe mit Pinsel und Malerrollen von Hand aufgetragen wird, dauert das einige Zeit. Zeit, in der man über diesen Weg nachdenken und sich vielleicht auch in die Lage derer hineinversetzen kann, die hier vor 75 und mehr Jahren entlang getrieben wurden. Auf dem Weg ins KZ Bergen-Belsen.

Zehn Jugendliche aus Bergen und Sülze haben in den vergangenen Tagen damit begonnen, den „Weg der Erinnerung“, der bereits 2007 erstmals im Rahmen eines internationalen Jugendworkcamps sichtbar gemacht wurde, zu erneuern. Sie sind Teamer der ev. luth. St. Lambertigemeinde Bergen und hatten eigentlich ganz andere Pläne für die Sommerferien. Corona hat letztlich dafür gesorgt, dass gemeinsam mit Diakonin Sonja Winterhoff, Moritz Thies vom Anne Frank-Haus Oldau und Elke von Meding von der AG Bergen-Belsen, die Idee entwickelt wurde, die Wegstrecke, die tausende KZ-Häftlinge zurücklegen mussten, wieder ins Bewusstsein zu holen.

„Es gibt einige wenige Berichte von Zeitzeugen über diesen Weg“, berichtet Elke von Meding. Auf Infotafeln sollen später Ausschnitte aus diesen Erinnerungen zu lesen sein. Aufgestellt werden sollen die vier Tafeln an der „Rampe“ - der Bahnverladestation des Truppenübungsplatzes und damals Ankunftsort der meisten Häftlinge -, im Dorf Belsen, gegenüber dem südlichsten Kasernentor und gegenüber dem ehemaligen Lagereingang. Nicht nur Einheimische könnten so an die Geschichte dieser Straße erinnert werden. „Der Radweg wird auch touristisch viel genutzt und ist Teil eines Themenradweges im Landkreis“, sagt Elke von Meding.

Für die Jugendlichen stand am ersten Tag des Projektes eine Einführung in das Thema durch Moritz Thies an der Rampe auf dem Plan. Dann wurden die viereinhalb Kilometer abgeradelt und die Gedenkstätte Bergen-Belsen besichtigt. „Ich habe mich schon mit dem Thema beschäftigt vorher. Aber vieles war trotzdem neu“, erzählt Fia-Janice Meyer. Dass die Häftlinge im KZ vor lauter Hunger Gürtel gegessen hätten oder dass Lagerkommandant Josef Kramer unmittelbar neben dem Lagergelände in einem Anwesen mit Schwimmbecken gelebt habe – solche Details sind der 16-Jährigen im Gedächtnis geblieben.  Die meisten Jugendlichen, die sie kenne, seien an dem Thema interessiert, erzählt Wiebke van Dijk während sie die weiße Markierungsfarbe aufträgt. „Und die würden das hier genauso machen“, ergänzt sie. Darüber, wie man Jugendliche noch besser über den „Weg der Erinnerung“ informieren könnte, hat sich die Gruppe auch schon Gedanken gemacht. „Vielleicht mit einer Online-Präsenz über QR-Codes, wo man auch Zeitzeugeninterviews hören kann“, meint Niko Quade. 

Neben dem Gedenken sorgen die 15- bis 18-Jährigen aber auch für ein bisschen Ferienspaß. „Wir haben Musik dabei und wir winken den Lkws  und den Militärfahrzeugen“, erzählen sie. Nicht selten werden sie dann mit Hupen zurück gegrüßt. Für Sonja Winterhoff waren die drei Tage insgesamt mindestens genauso wertvoll wie die geplatzte Segeltour es vielleicht gewesen wäre. „Es gab viele einprägsame Momente. Die Jugendlichen möchten sich mit dem Thema auseinandersetzen und zeigen, dass ihre Generation den Ball aufnimmt“, fasst sie ihre Erfahrung mit der Gruppe zusammen. Gefreut hätte sich sicherlich auch Hanna Levy-Hass über diese Aktion. Die Kommunistin, Jüdin und Widerstandskämpferin (1913 bis 2001) hat ihre Erinnerungen an das KZ Bergen-Belsen überschrieben mit "Vergessen heißt Verraten".