Jung, weiblich, engagiert – und keine Lust mehr auf Kommunalpolitik

Politik Von Susanne Zaulick | am So., 12.09.2021 - 10:38

FASSBERG. 42 Jahre jung, weiblich, berufstätig, ehrenamtlich engagiert und Mutter von vier Kindern – Mona Müller-Bruhn entspricht ziemlich genau dem Personenprofil, das sich angeblich alle Parteien in ihren Reihen wünschen und das trotzdem in der Politik deutlich unterrepräsentiert ist. Nach fünf Jahren als Ratsmitglied hat die Faßbergerin eine Ahnung, warum das so sein könnte. Bei der heutigen Wahl tritt sie nicht wieder an.

„Ich wurde von vielen angesprochen, warum ich aufhöre. Die meisten vermuteten, dass es doch alles ein bisschen viel ist mit den Kindern“, erzählt die Ergotherapeutin. „Aber das ist nicht der Grund“, fügt sie hinzu. „Wenn man ein Ehrenamt hat – und da steckt man ja viel Zeit rein, dann möchte man mit Freude nach Hause gehen und sagen können: Das hat sich gelohnt.“ Ihre Erfahrung nach fünf Jahren im Rat sehen aber anders aus: Politische Prozesse seien meist langwierig und von Profilierungsinteressen, Befindlichkeiten und wenig Ehrlichkeit begleitet, lautet ihre persönliche Bilanz. Anlass zur Freude gab ihr die Ratsarbeit selten.

Eingestiegen in die Politik war Mona Müller-Bruhn mit viel Optimismus. Sie war zuvor bereits ehrenamtlich im Sport und im Präventionsrat der Gemeinde aktiv, hatte Freunde, die sich politisch engagierten. Da lag der Gedanke nahe, in die Politik einzusteigen. „Wenn man wirklich was bewegen und verändern will in der Gemeinde, ist so ein Amt nicht das Verkehrteste“, dachte sie. Etwas tun für Familien, für ein gutes Schulangebot sorgen und den Tourismus stärken in Müden, vielleicht sogar in Faßberg – das waren die Schwerpunkte, die sie ins Visier nehmen wollte. „Du probierst das einfach“ - mit diesem Vorsatz und einem Vorbereitungsseminar zur Kommunalpolitik ging sie die Sache an. Nun stellte sich noch die Frage nach der Partei. In keine wollte sie eintreten, aber parteilos auf der Liste der SPD zu kandidieren war dann eine Lösung, mit der sie sich identifizieren konnte.

„Mona, schön, dass du das machen willst, aber in der Kommunalpolitik geht es vor allem ums Verhindern“. Das habe ihr ein langjähriges Ratsmitglied in dieser Phase gesagt, was sie etwas nachdenklich stimmte. Mit 214 Stimmen wurde die damals 37-Jährige in den Rat gewählt. Und hatte schon nach kurzer Zeit das Gefühl, dass der Ratskollege womöglich nicht ganz Unrecht haben könnte. Als Beispiel nennt sie die Debatten um die Vermietung der Grundschule an die Bundeswehr.

„Ich fand damals und jetzt, dass die Grundschule im Lerchenweg bleiben sollte. Mit Sicherheit ist es eine gute Sache, eine neue Schule zu bauen. Ich sehe aber die Notwendigkeit nicht, schon aufgrund unserer finanziellen Lage“, sagt sie. In den Debatten sei es schwer gewesen, die eigene Meinung gegen eine Mehrheit zu vertreten. „Man merkt dann schon am Verhalten der anderen, dass das nicht so erwünscht ist“. 

Am Ende stimmte die Mehrheit ihrer Fraktion für den Grundschulneubau, ein Mitglied dagegen, sie selbst enthielt sich. „Die SPD ist eingeknickt“, bedauert Müller-Bruhn. Denn zu Beginn der Legislatur hatten sich die Sozialdemokraten noch klar für den Erhalt der Lerchenschule als Grundschule positioniert. 

Unzufriedenheit gab es offenbar nicht nur bei ihr, wenn auch womöglich aus anderen Gründen. Dass jetzt, zur Wahl des neuen Rates, ein Mitglied der SPD-Fraktion sich plötzlich auf der Liste der Grünen wiederfindet, ein anderes als Kandidat einer neu gegründeten „Unabhängigen Liste“ antritt, habe ihre Fraktion aus der Presse erfahren. „Es zieht sich wie ein roter Faden durch, dass man nicht offen und ehrlich miteinander redet“, sagt die Ratsfrau. Und das nicht nur innerhalb einer Fraktion, sondern vor allem zwischen den Fraktionen bzw. Gruppen. Der Umgang der Ratsmitglieder untereinander sei „manchmal wie im Kindergarten“. Der eine sei beleidigt, weil die Verteilung der repräsentativen Ämter nicht nach seinen Vorstellungen abgelaufen ist und grüße nicht mehr; andere befürworteten in Gesprächen in kleiner Runde das eine und stimmten im Rat für das andere, nennt sie Beispiele. Oft gehe es einfach darum, die eigene Partei, Fraktion oder Gruppe bestmöglich aussehen zu lassen und möglichst viele Fehler der jeweils „anderen“ aufzuzeigen. Das zeige sich auch jetzt gerade im Wahlkampf. Die Gemeinschaft im Rat für das große Ganze in der Gemeinde fehle.

Anfang diesen Jahres begann Mona Müller-Bruhn zu recherchieren, ob es nicht auch ohne Parteipolitik gehen könnte. Und machte Ansätze dazu in anderen Kommunen ausfindig. Am 9. Februar 2021 schrieb die Faßbergerin eine Mail an alle Ratsmitglieder: „...Ich mache mir gerne Gedanken für unsere Gemeinde und es bereitet mir Freude, Dinge anzuregen, zu verwirklichen oder gegebenenfalls auch zu verhindern. Was mir allerdings keine Freude in meiner Freizeit bereitet, sind Befindlichkeiten, Klüngelei etc. Mir wurde gesagt, ich sei naiv bzw. zu positiv denkend, denn Politik sei immer ‚schmutzig‘ und nicht ehrlich?! Ich sehe es anders und würde es auch gerne anders leben… daher mein Wunsch für die Kommunalpolitik: Interessierte Bürger für Faßberg… ein Rat ohne Parteien!...“

Ja, sie habe daraufhin auch positive Rückmeldungen erhalten, berichtet Mona Müller-Bruhn. Die Mehrheit wollte das Experiment aber nicht. „Ich hätte es interessant gefunden, denn mir liegt die Gemeinschaft in der Gemeinde am Herzen. Man wäre mehr ins Gespräch gekommen“, sagt die Ratsfrau, die bald wieder mehr Zeit haben wird für Familie, Beruf und die Ehrenämter, die ihr Spaß machen.