Kallis „Kanal 29“-Konzert

Musik Von Anke Schlicht | am Mo., 18.05.2020 - 09:24

CELLE. Wäre der Anlass nicht eine so ernste Angelegenheit, könnte man sagen, es bedurfte erst einer Pandemie, damit der singende Celler Schrotthändler Kalli Struck endlich einmal ein Konzert in seiner Heimatstadt gibt.

Corona macht kreativ, das haben uns die vergangenen Wochen gelehrt. Ein gelungenes Beispiel gab es am Sonntagabend per Livestream im Internet zu erleben. Maximilian Mund und Lucas Rosenbaum machen mit ihrem Format „Kanal 29“ aus der Not eine Tugend. Mit Hilfe der Sponsoren VGH Agentur, Sven Treder, SVO, Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg und fehlhaber.medien gestalten die beiden Celler gemeinsam mit ihrem Team viermal in der Woche Kulturevents ganz unterschiedlicher Art im WorldWideWeb. Von Stadtgeschichten, die sich ernsten Themen wie dem Celler Massaker vom 8. April 1945 widmen, über Tanz, Talk und Sport bis zu Musik unterschiedlichster Genres ist alles vertreten. „Wir wollen ein breites Feld für alle abbilden“, erläutert Lucas Rosenbaum das Konzept mit folgender Intention: „Es soll ein Wir-Gefühl entstehen!“ Dieses ist allerdings nur eine Facette, denn im Mittelpunkt stehen die Künstler, die derzeit Corona-bedingt keine Auftrittsmöglichkeiten haben und dementsprechend auch keine Einnahmen. Während der Live-Übertragungen werden alle nötigen Daten für Spenden eingeblendet.

Wer ein solches Konzept in Celle auflegt, läuft garantiert bei einem Lokalmatadoren offene Türen ein. „Ich bin ein Spender vor dem Herrn“, sagt der Seniorchef des Recyclinghofes Struck, Kalli Struck, noch bevor er auf die Musik und seinen brandaktuellen Corona-Song zu sprechen kommt. Ihm geht es in erster Linie darum, in diesen Krisenzeiten zu helfen. Und dafür stehen ihm nicht nur monetäre, sondern auch künstlerische Mittel zur Verfügung. Kalli Struck verfügt mittlerweile über ein so großes Repertoire an Songs, dass er ein kurzes Interview auch singend gestalten kann, „Alles gesagt“, lautet der Titel eines seiner Lieder, mit diesem gesungenen Satz beschließt er den Talk und wendet sich der kleinen Bühne zu. „Mich stört das überhaupt nicht, dass kein Publikum da ist, die Bühne ist so schön, dass du denkst, du singst vor hunderten von Leuten“, sagt er vor dem Auftritt. Dieses sitzt vor den Geräten im heimischen Wohnzimmer und wird Zeuge einer Performance, die unter Beweis stellt, dass der singende Celler Schrotthändler auch ein perfekter Entertainer ist. Jede Geste sitzt, mit rhythmischem Hüftschwung bewegt er sich zu den vom Hannoveraner Produzenten Roland Loy getexteten und komponierten Schlagern. Seine Zwischenmoderationen erzählen ein wenig über die Entstehung der Musik und enden stets mit der Aufforderung „…und dann habe ich einen Song drüber schreiben lassen. Hört Euch das mal an!“ Diesem Imperativ nachzukommen, erweist sich als größtes Vergnügen, da steht ein 74-jähriger Mann auf kleiner Bühne, der sein außergewöhnliches, ereignisreiches Leben musikalisch eingefangen hat. Von der Zeit, als er noch Schrott eigenhändig einsammelte, ist die Rede, von vergangener Zweisamkeit, die jedoch immer wieder ein Comeback erlebt, berichtet er in „Die Liebe ist ein Bumerang“, und die momentane krisengeschüttelte weltweite Aktualität bringt er auf den Punkt mit der Zeile: „Es hat die Nähe uns geraubt!“