Juwel des Neuen Bauens steht nicht unter Denkmalschutz

Kultur + Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Mo., 07.12.2020 - 15:38

CELLE. Die Reklametafeln und Plakat-Glaskästen sind verschwunden, wer nicht weiß, dass hier, in der Magnusstraße 3, einmal ein Kino beheimatet war, ahnt es nicht. Vor wenigen Tagen haben Bauarbeiter das Gebäude entkernt und von allen zusätzlich angebrachten Vorrichtungen befreit. Umso deutlicher kommt nun das Haus zum Vorschein, das der Celler Künstler, Fotograf und Kulturpreisträger, Dietrich Klatt, aufgenommen hat in die „architekturMeile“.

Doch bevor er auf die bauliche Befindlichkeit zu sprechen kommt, erinnert er sich an das Kino, das im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert ist: „Wenn unsere Gruppe groß genug war, dann kamen wir nach der Schule zum halben Preis rein.“ Damals, Anfang der fünfziger Jahre, war das „Palast-Theater“ noch Celles erstes Lichtspiel-Haus am Platz. „Da liefen die tollsten Filme“, erzählt Klatt. Viele Jahrzehnte später, vor zehn bis 15 Jahren, sah er Hildegard Zelezniak, die damalige Eigentümerin des Hauses, im ersten Stock hinter den Fenstern stehen, wo sie ihre Wohnung hatte. Wenn Dietrich Klatt, der längst zum Architekturkenner geworden war, sie auf der Straße traf, sagte er zu ihr: „Frau Zelezniak, ist es denn nicht zu kalt in Ihrer Wohnung, die Fenster sind doch nur einfach verglast.“

Diese waren und sind immer noch die Originalfenster aus dem Jahr 1930, als Hildegard Zelezniaks Schwiegervater, Otto, die Klinkerfassade im Stil des Neuen Bauens vor das historistische Gebäude dahinter setzen ließ. „Der Architekt war Willi Peker. Dieser baute im gleichen Stil wie Mies van der Rohe zur gleichen Zeit in anderen deutschen Städten“, erläutert Dietrich Klatt. Manche dieser Zeugnisse des weltweit bekannten Architekten van der Rohe gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. „Von der Form, dem Material, der Funktion und der Architektur her ist diese Fassade in der Magnusstraße 3 ein Bilderbuchbeispiel für das Neue Bauen. Der Unterschied zu Haesler ist der gemauerte Stein, Haesler hat fast nur Putz verwendet“, erläutert der frühere Lehrer. Hinter der schlichten Klinkerfront befindet sich ein Gebäude im historistischen Stil der Neo-Renaissance, Seifferts Saalbau, früher ein Tanzlokal. Mit den typischen Elementen dieser Bauweise, Schnörkel und üppige Verzierungen, brachen die Verfechter des Neuen Bauens, sie setzten auf absolute Schmucklosigkeit, gerade Linien, die Form sollte der Funktion folgen. „Die Fassade der Magnusstraße 3 ist ein spannungsvolles Gefüge aus Rechtecken“, erläutert der Autor des Buches „architekturMeile“ und ergänzt: „Man kann an diesem Bau Architekturgeschichte ablesen.“

Umso mehr wundert sich Kulturpreisträger Dietrich Klatt darüber, dass dieses Juwel des Neuen Bauens nicht unter Denkmalschutz steht. Er zitiert Stadtsprecherin Myriam Meißner mit den Worten: „Weder der im Kern bestehende Saalbau des späten 19. Jahrhunderts noch der Eingangsumbau von 1930 sind ausreichend ungestört erhalten und zeugnishaft, um einen Denkmalwert begründen zu können“, und kommentiert: „Diesen Ausführungen widerspreche ich sehr deutlich.“