"Kleinkariertes Celle" - Dr. Nebelsieck zum Celler Straßennamen-Streit

Politik Von Redaktion | am So., 07.02.2016 - 21:05

CELLE. "Von geistiger und moralischer Kompetenz, die Celle einmal ausgezeichnet hat, scheint nicht viel nachgeblieben zu sein", davon ist der Celler Anwalt Dr. Volker Nebelsieck überzeugt. Er verfolgt seit Jahren die Diskussion um die Umbenennung von Straßennamen in Celle und ist besorgt über den Umgang mit Wahrheit und Recht in dieser Sache. Auch die Kommentare in unserer Facebook-Ausgabe machen wiederholt deutlich, dass so gut wie niemand Verständnis für Vorgehen und Entscheidungsweisen der Politik hat. Gegenüber CELLEHEUTE erklärt Nebelsieck, wie gewohnt ungekürzt und unkommentiert:


"Von geistiger und moralischer Kompetenz, die Celle einmal ausgezeichnet hat, scheint nicht viel nachgeblieben zu sein. Diese Kompetenz findet sie sich in der politischen Klasse nicht wieder, wenn zwei Jahre Diskussion mit wissenschaftlicher Begleitung kein anderes Ergebnis zu zeitigen vermögen als das in der Alten Exerzierhalle von der „Historikerkommission“ präsentierte. Wem nicht bereits früher die Berufung und Zusammensetzung dieser Kommission aufgefallen war, den mussten – jedenfalls als Teilnehmer an der Veranstaltung am 16.11.2015 - durch deren äußere und sachliche Vorstellung Zweifel an der Seriosität des ganzen Unterfangens Straßenumbenennung und an der Solidität der jetzt in die politische Mühle gegebenen Entscheidungsgrundlagen beschleichen. Die Veröffentlichung des Schlussparcours zur Disziplinierung des unbotmäßigen Ortsrats zeigt, dass die letzten Monate der Szenenruhe nur Weihnachts- und Winterpause waren, nicht aber zur Aufarbeitung der – offenbar zu leise angebrachten – Kritik genutzt wurden. Es geht genauso grob und ungeschlacht weiter, wie es begonnen hatte. - Aber der Reihe nach zu den enttäuschten Ansprüchen, die der erwartungsvolle Beobachter an eine ergebnisoffene Untersuchung stellen musste.

1. Wenn sich ein Oberbürgermeister kraft der Autorität seines Amtes anschickt, möglicherweise lückenhaft tradierte Kriegsgeschichte mit daraus gezogenen falschen, heute nicht mehr haltbaren, aber noch wirksamen Konsequenzen für sein Gemeinwesen zu revidieren, wird das jeder gutheißen können und müssen. Geht er aber mit der persönlichen Motivation (und zwanglos vorstellbarer verbissener Miene) daran, das „braune Celle“ wieder gesellschaftsfähig zu machen, nimmt man ihm die Unvoreingenommenheit schon nicht mehr ab. Ist Herrn Mendes auch später nicht korrigierte Zielrichtung die Läuterung verstockter, gestriger Celler Bürger und Politiker, mutiert das vorgebliche Primäranliegen – Aufhellung geschichtlicher Ereignisse – zum bloßen Zweck zur Durchsetzung eines ganz anderen Anliegens. Das aber konnte nur über ein vorher festgelegtes „Forschungsergebnis“ erreicht werden: die Zerstörung eines noch vorherrschenden Geschichtsbildes als Voraussetzung für die Demontage von Straßenschildern und mit ihnen mindestens die äußerliche Teilbefreiung Celles von „braunen Reminiszenzen“.
Nur ein Historiker in "Historikerkommission"

Infame Unterstellung? – Könnte man meinen, wenn nicht alle weiteren Schritte so entlarvend folgerichtig wären: Herr Mende hat sich nicht bei anderen Städten und Gemeinden in unserer Republik umgetan, die mit ernsthaftem Aufklärungsinteresse die fortgeltende Ehrwürdigkeit von Widerstandskämpfern hinterfragt haben oder noch dabei sind, sondern viel Geld in die Hand genommen, um eine eigene Historikerkommission zusammenzustellen. – Auch das könnte noch unverdächtig sein, wenn sich diese Kommission nicht nur aus Teilnehmern seines Geschmacks rekrutierte. Trotz unterschiedlichster Provenienz bestand die Celler Besonderheit dieser Veranstaltung darin, dass sie sich eines hochkomplexen, republikweit kontrovers diskutierten Themas völlig einmütig und in kürzester Zeit zu entledigen wusste. Schließlich gehörte der „Historikerkommission“ nur ein einziger gelernter und praktizierender Historiker an, während die übrigen Mitglieder die Aufgabe hatten, ihm aus jeweils anderem Blickwinkel zu applaudieren.

Zu allem Überfluss war der Geschichtsfachmann Prof. Hürter noch ein Zögling der „kritischen Historiker“, jener Schule, der der Ruf vorausgeht, für vorgegebene Resultate nachträglich eine Begründung zu liefern. - Ebenfalls nicht gerade für Wissenschaftlichkeit steht der dem Autor für den Entnazifizierungsfeldzug geeignet erscheinende Tabakindustrielle Reemtsma, der sich wegen ihm nachgesagter Geschichtsfälschung im Zusammenhang mit seiner Militärausstellung allerlei Ärger eingehandelt hatte. Weiter fand Herr Mende willkommene Unterstützung in dem Leiter der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten Wagner, der sich mit seiner pauschalen Vorab-Verurteilung in der CZ vom 26.03.2015 nicht gerade als wissenschaftliche Instanz mit ergebnisneutralem Suchansatz empfohlen hatte. Und dann die Krönung des ganzen Konstrukts:
Am Schluss der historischen Untersuchung steht kein schriftliches Gutachten

Inmitten der Kommission fand das staunende Publikum der November-Darbietung den Initiator und Regisseur der allzu einseitig und einfach aufgezogenen Entbräunungskur, unseren Oberbürgermeister höchstselbst! – Noch Fragen ?
2. So instrumentiert war das Sachziel weniger darauf gerichtet, die Verdienste der im Fokus stehenden Generäle in Zweifel zu ziehen, als diese in den Schatten weniger spektakulärer Ereignisse, namentlich Geisteshaltungen zu stellen, für die heute, 70 Jahre nach der Stunde Null, anders als noch vor einer Generation, kaum mehr Verständnis aufgebracht wird. So verdanken wir es sicher einer wohlbedachten Inszenierung, dass man uns über die CZ in allen Zwischenberichten gedanklich auf das Schlussdebüt der Kommission hinlenkte und Schlagworte in den Vordergrund brachte wie „Nazi-Generäle“, „Hitler-Anhänger“, „Juden-Hasser“ und ähnlichem allgemeine Unwerturteile, die jedes alte Heroentum verblassen lassen – vielleicht aber auch von sorgfältiger Recherche entlasten sollten. Auffällig ist bei allem Hin und Her, auch im sich mehr oder weniger im „luftleeren Raum“ abspielenden Celler Parteiengezänk, doch mehreres:

- Am Schluss der historischen Untersuchung steht kein schriftliches Gutachten. Die zur Entscheidung aufgerufenen Stadtpolitiker haben nicht einmal eine Expertise zur Hand, die ihnen eine klare Verhaltenshilfe böte. Soll ein solches Manko das 10-Minuten-Statement von Prof. Hürter wirklich ersetzen?

- Seit 2008 gibt es das Koehn-Gutachten, das General von Stülpnagel als Ergebnis minutiöser Recherchen von allen ihm vorgeworfenen Untaten und Gesinnungsschweinereien entlastet, diese, sogar mit nachgewiesenem Gegenteil, als dreiste Lügen oder Verwechselungen enttarnt und den Gescholtenen als untadeligen Ehrenmann voll rehabilitiert. - Auf Frage aus dem Publikum räumte Prof. Hürter ein, er kenne die Arbeit, tat sie aber als unbeachtlich ab. Obwohl sie auch in den mit der Straßenumbenennung befassten Kreisen seit Monaten bekannt ist, hat keiner der Podiumsteilnehmer auch nur ein Wort dazu gesagt.

- Rommel müsste schon nach der Votum von Prof. Hürter aus der Schusslinie geraten sein, weil wichtige Dinge noch ungeklärt sind. Wiederholt heißt es: „Neuere Forschungen legen nahe,…….. Indizien deuten darauf hin,….. nichts spricht dafür,….. lässt sich nicht feststellen,…..“ usw.. – Ist die Rommel-Forschung aber noch im Fluss, scheint es so, dass Rommel dem Widerstand näher gestanden hat, als früher angenommen, und gibt es zu dem „Hetzbefehl“ 1943 in Oberitalien keine konkreten, diskriminierenden Details, kann das doch wohl nur heißen, dass die Zeit für Rommel´s Sturz noch nicht reif ist!

- Soweit den Generälen vorgeworfen wird, Kriegsverbrechen vorbereitet, befohlen und ausgeführt zu haben oder sonst daran beteiligt gewesen zu sein, fehlt es an allem konkreten Faktenmaterial. Über blasse Andeutungen geht nichts hinaus, so dass kein dazu Berufener sich in den Stand gesetzt sehen kann, für eine Wegnahme der Straßenschilder zu stimmen. Schon die pauschale Zuschiebung von Mitverantwortung an Hitlers „rassistischem Vernichtungskrieg“ auf alle höchsten Militärdienstgrade ist historisch unhaltbar. Als Lehrbuch hierzu wären der Kommission die Nürnberger Protokolle zu empfehlen gewesen. – Im Übrigen kann Kriegsexzesse, von denen wir uns mit Abscheu abwenden, nur ein Kriegsvölkerrechtler richtig beurteilen. Ihn nicht hinzugezogen zu haben bleibt wie vieles andere unverständlich, oder ist, positiv gewendet, jedenfalls als konzeptgetreu nachvollziehbar.

- Prof. Hürter hat sich weder von der kritischen Historikerschule distanziert noch die Kritik an ihrer Arbeitsweise entkräftet oder diese verteidigt.

Dies sind die Gedanken eines Celler Bürgers, der zum Thema im Grunde nichts beisteuern kann, der aber bereits einige Geschichte an sich hat vorüberziehen lassen, dem Wahrheit und Recht hohe Güter sind, der deshalb das, was sich in der Celler Politik vor allem im letzten Jahr abspielt, mit Sorge beobachten muss, der in seiner eher konservativen Grundhaltung beweglich genug ist, auch eine Änderung der Straßenschilder zu akzeptieren, wenn sie wirklich aufgrund neuer Sacherkenntnisse geboten ist, und der (wie ganz viele Mitbürger) auch sein demnächst ihm abgefordertes Wahlverhalten davon abhängig macht, wie die Celler Politiker mit diesem Problem umgehen."
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