"Körpersprache" grüner Riesen - Was Bäume im Französischen Garten uns mitteilen

Wissenschaft Von Redaktion | am So., 22.09.2019 - 12:36

CELLE. „Mir fehlt die Kraft, ich kann nicht mehr“, scheinen derzeit viele Bäume an Straßenrändern, in der Stadt, in Gärten, Parks und im Wald durch ihr Erscheinungsbild zum Ausdruck zu bringen: Ein Blick in die Kronen trifft auf braunes Blattwerk, verdorrte Äste und Zweige. „Diese Buche mag um die 200 Jahre alt sein, sie schafft es nicht mehr, sich bis in die Krone zu versorgen“, erklärt der Einsatzleiter des Städtischen Grünflächenamtes für den Bereich Baumpflege, Heiner Hoppenstedt. Es ist wieder „Zeit für Grün“, die von der Stadt angebotenen Exkursionen in die grünen Oasen Celles. Rund 50 Interessierte haben sich eingefunden, um sich während einer Führung durch den Französischen Garten einweihen zu lassen in die Geheimnisse der "Körpersprache" der grünen Riesen. „Ich möchte Ihnen unsere Sicht auf Bäume nahebringen“, sagt Hoppenstedt zum Auftakt mit Bezug auf den Arbeitsalltag der Mitarbeiter. „Zwei Kontrolleure sind stetig im Einsatz, die anderen vier arbeiten ab“. 75.000 Exemplare gilt es insgesamt zu betreuen.
HOHL UND VITAL

Ihr Wuchs folgt zwei Grundsätzen: Sie streben immer nach dem Licht, können ihre Wuchsrichtung immer wieder ändern, und sie versuchen, stabil zu bleiben, also Winden, Pilz- und Insektenbefall zu trotzen. Die Gestalt wird beeinflusst vom Standort, ein einzeln stehender Baum muss stärker sein als seine Artgenosse im Wald, wo er in der Menge besser vor Wind geschützt ist. „Hier, der perfekte Weihnachtsbaum“, weist der Sachverständige auf ein Exemplar hin, bei dem alles stimmt. Der aus Amerika stammende Mammutbaum strotzt wie die ebenfalls ursprünglich in Amerika beheimatete Douglasie sowie die Roteiche vor Vitalität. „Die sehen top aus, sie kommen auch mit trockenen Sommern bestens zurecht“, erläutert Hoppenstedt. Topgesundheit und idealer Wuchs sind jedoch in den Celler Grünanlagen keine Voraussetzungen für ein langes, manchmal mehrere Jahrhunderte währendes Baumleben. „Diesen Pflegekandidaten können wir lange erhalten“, lautet ein Satz des Experten, der auf nicht wenige grüne Riesen zutrifft in der mehr als 300 Jahre alten historischen Parkanlage, die zunächst dem Stil des Barock und später dem der englischen Romantik folgte.

Einige Schläge mit dem Gummihammer lassen am Widerhall erkennen, dass ein Stamm innen hohl ist, was die Vitalität jedoch augenscheinlich nicht beeinträchtigt. „Hier treiben Insekten ihr Unwesen“, sagt der Profi und weist auf Bohrlöcher hin. Die Rinde ist der Schutzmantel eines Baumes, sie kann durch Schädlinge, die ihre Eier dort ablegen, Blitzeinschlag, von Menschen oder Tieren verursachte Verletzungen beschädigt werden. Pilze können durch Löcher in der Rinde ins Innere eindringen, manche Bakterien ernähren sich von Holz. Der Holzfraß kann so weit gehen, dass ein Stamm ausgehöhlt wird – und dennoch stirbt er nicht. „Entscheidend ist die Schicht direkt hinter der Rinde. Dort liegen die wasser- und nährstoffführenden Leitungsbahnen, die für die Versorgung verantwortlich sind“, erklärt der Einsatzleiter. Der Kern eines Baumstammes hat lediglich die Funktion eines Gerüstes. Die Röhrchen holen Wasser und Nährsalze aus dem Boden und leiten diese bis in die Blätter. Solange diese auch Kambium genannten Bahnen unversehrt sind, lebt ein Baum. Die Waffen strecken mussten in den vergangenen Monaten die Fichten, sie können sich des Borkenkäfers nicht mehr erwehren. „Sie fressen den Baum regelrecht auf“, erläutert Hoppenstedt. Die natürlich vorgesehene Abwehrreaktion gegen diesen Schädling ist die Bildung von Harz, die das Eindringen verhindert. „Diese Flüssigkeit wird sichtbar, sie läuft zwei bis drei Zentimeter an Stamm und Ästen hinunter“, beschreibt der Fachmann den natürlichen Prozess, der aufgrund der Trockenheit des vergangenen und aktuellen Sommers außer Kraft gesetzt wurde. Der Grundwasserspiegel ist abgesunken, selbst jahrhundertealte Eichen reichen mit ihrem Wurzelhorizont von 80 bis 120 Zentimeter nicht mehr ans lebensnotwendige Wasser heran. Die Bäume werden geschwächt und verlieren ihre Widerstandskraft.

ANDERE DIMENSIONEN

Wenn Heiner Hoppenstedt Sätze sagt wie, „Eiche und Buche benötigen zehn Jahre, bis sie verstanden haben, dass die Wurzel weg ist“, oder, „seit 20 Jahren ist der schon davon befallen“, wird sowohl deutlich, dass die zeitlichen Dimensionen bei nicht allen, aber einigen Arten völlig andere als menschliche Zeiteinheiten sind, als auch die von Natur aus angelegte Widerständigkeit. Ist zum Beispiel ein Ast von einem Schädling befallen, verschließt der Baum in diesem Bereich seine Wasser- und Nährstoffzufuhr und lässt auf diese Weise gezielt absterben. Wird das Totholz abgesägt, entsteht eine Wunde. Der Experte verweist auf die gute Wundheilung während der Vegetationsperiode. „Wir beschneiden das ganze Jahr über“, sagt er, obwohl das Naturschutzgesetz aus Rücksicht auf die Setz- und Brutzeit auf Oktober bis Februar begrenzt.

Wenn dem Baum Verletzungen als Folge pflegerischer Maßnahmen zugefügt wurden, weiß er sich zu helfen. Er reagiert nach einem universellen Prinzip, das die Ursache von Beschädigung außer Acht und die Verletzung nicht durch die Bildung von gleichem Gewebe überwuchern lässt. Vielmehr wird die Substanz hinter der Verletzungsstelle abgeschottet durch die Einlagerung chemischer Abwehrstoffe in Wundnähe sowie den Verschluss der Versorgungsbahnen. Kein Krankheitserreger gelangt aufgrund dieses Verfahrens ins Gehölz, bereits eingedrungenen Schadorganismen wird die Luft genommen, sie sterben ab. Wo ein Baum beschnitten wurde, bleibt zeitlebens sichtbar - ähnlich wie die Fahrspuren, auf die der Stadtmitarbeiter an der nächsten Station verweist. „Hier stand die Leinwand fürs Public Viewing, und dort sehen Sie, wie stark der Boden durch die Fahrzeuge, die das nötige Equipment für Events herbeischaffen, verdichtet wurde.“ Das Bodenleben hat sich bis heute nicht erholt, obwohl das letzte Public Viewing bereits viele Jahre zurückliegt. „Wir müssen Veranstaltungen zulassen, aber die schweren Gerätschaften, die dafür notwendig sind, nehmen den Baumwurzeln die Luft zum Atmen“, verdeutlicht der Baumpfleger den Spagat zwischen Events, die eine Stadt attraktiver machen, auf der einen Seite und den Bedürfnissen ihrer grünen Oasen auf der anderen Seite.

ERST 20 PROZENT ENTSCHLÜSSELT

Wer der Führung von Heiner Hoppenstedt aufmerksam folgt, und dieses tun die Teilnehmer trotz hereinbrechender Dämmerung und leichten Nieselregens, könnte den Eindruck gewinnen, die Geheimnisse der grünen Begleiter des Menschen seien entschlüsselt. Doch dieses ist keineswegs der Fall. „Heute versuchen wir, die Bäume zu verstehen“, berichtet der Kenner der Materie, „aber wir sind erst 20 Prozent weitergekommen. Es dauert noch lange, bis wir alles nachvollziehen können.“

Fest steht indes, dass die Folgen der Dürremonate im Französischen Garten zwar nicht so ausgeprägt in Erscheinung treten wie an einigen Landstraßen und in Wäldern, dennoch teilen auch einige langjährige Parkbewohner das Schicksal ihrer kranken Artgenossen: „Sie werden im Frühjahr nicht mehr austreiben“, sagt Hoppenstedt, und einige Meter weiter vor einem Bergahorn stehend, formuliert er noch drastischer: „Er stirbt, dieser Sommer hat ihm den Rest gegeben.“