Es ist noch nicht lange her, da wurden in unserem Land Kompromisse als „undeutsch“ gebrandmarkt. Ein politischer Kompromiss galt als „Verrat“ der Ideale und als Ausdruck ängstlichen Einknickens. „Kompromissler“ – das waren Unentschlossene, Schwächlinge und Unklare. Charakter, war man überzeugt, zeigt sich allein in Prinzipienfestigkeit. In der Sprache, manchmal auch im Denken, wirkt diese Kompromissfeindlichkeit bis heute nach: das Adjektiv „faul“ gehört noch immer zum Kompromiss wie der Deckel zum Topf.

Ja, es stimmt schon, dass manchmal klare Worte angesagt sind: Jesus spricht in der Bergpredigt seinen Freunden gegenüber von Zeiten, in denen es kein „vielleicht“ und „unter Umständen“ geben kann. „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel“, sagt der, dem Friedfertigkeit oberstes Gebot war. Standhaftigkeit, ja. Rückgrat auch. Aber der gewöhnliche Alltag verlangt uns einen anderen Mut ab, den Mut zum Kompromiss.

Für mich hat der Kompromiss etwas durch und durch Menschliches. Der Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ sollte die glorreiche Ausnahme bleiben. Berlin 2017 ist nicht Worms 1521, und der Küchentisch ist nicht der Ort, wo wir uns gegenseitig unsere Maximalpositionen aufs Brot schmieren sollten. Der Kompromiss ist im Großen wie im Kleinen die vernünftigste Art, mit verschiedenen Interessen umzugehen. Dissens-Management nennt man das: Der Sohn will ein neues Handy? Die Hälfte kann er dazuverdienen! Im Neubauviertel soll ein neuer Spielplatz entstehen, aber die Gemeinde hat kein Geld. Der Kompromiss: Das Material kommt aus Steuergeldern, die Neubürger bringen Kraft und Zeit ein.

Der Kompromiss lebt von der Achtung gegnerischer Positionen und Interessen, vom Sinn für gesellschaftlichen Wandel, davon, dass man sich auf anderes einlässt. Und er ist ein Ausdruck von Demut und der Einsicht, dass der Einzelne, die eine Partei, die eine Kirche, die eine Nation nie über die ganze Wahrheit verfügen kann. Schon Cicero (nein, nicht der Dichter, sondern der Sänger Roger) hat erkannt: „Denn das Geheimnis unseres Glücks sind keine Kniffe, keine Tricks. Man muss halt nur zu leben wissen mit Kompromissen. Vollkommnes Glück hält ewig an, nur wenn man drauf verzichten kann. Man muss halt nur zu leben wissen mit Kompromissen.“

Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen

Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen

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