Kunst, Kitsch und Kaffee im Café

Kunst Von Anke Schlicht | am So., 06.09.2020 - 19:48

CELLE. Eigentlich hat ein Café ja täglich zu den Öffnungszeiten Tag der offenen Tür, es sei denn, es hat sich der Kunst verschrieben und befindet sich darüber hinaus in einem Fachwerkhaus von 1780. „Solche Häuser haben so viel Charme, die laden geradezu ein, sie mit Kunst und Kultur zu verbinden“, sagt Belmina Zimmermann, während sie über eine enge original belassene Treppe in den zweiten Stock ihres Domizils in der Schuhstraße führt. Sie ist Inhaberin und Betreiberin des Coffee-Shops im Erdgeschoss und möchte den Besuchern mindestens an einem Tag im Jahr Gelegenheit geben, das gesamte Gebäude in Augenschein zu nehmen. „Man sieht das Fachwerk ja immer nur von außen“, sagt sie und bietet an, einmal aus dem Fenster in der obersten Etage die Schuhstraße entlang zu schauen. Ein Blick, der sich immer lohnt, im Moment jedoch umso mehr, denn die Straße in der Altstadt ist geschmückt. Ihr Name lieferte das Motto, überall sind Schuhe aufgehängt oder aufgestellt worden, kleine Gummistiefelchen mit Blumen darin erfreuen das Auge des City-Besuchers. Und damit nicht genug, auch die Ohren wurden bedient, wer gegen 11 Uhr die Straße entlang ging, kam in den Genuss von Musik der Extraklasse. „Summertime“ drang hinaus aus dem ersten Stock – gesungen in einer Weise, wie man es sonst wohl nur auf den großen Bühnen der Welt zu hören bekommt.

Interpretin war die kolumbianische Sopranistin, Betty Garces, die aufgrund der Corona-Krise in Celle gestrandet ist und nun, versehen mit einem Stipendium der RWLE-Möller-Stiftung, die Celler Kulturszene bereichert. Sie eröffnete mit diesem Stück von George Gershwin das zweite Highlight des Tages im Coffee-Shop. „Alle drei Monate machen wir eine neue Kunstausstellung“, berichtet Belmina Zimmermann, dann verwandeln sich sowohl die untere Etage als auch das Kaminzimmer im ersten Stock in eine Galerie. „Kreativ Extra“ ist die aktuelle Schau betitelt. „Wir haben aufgerufen, bei uns Bilder einzureichen, egal was, alles war erlaubt“, erläutern die Celler Maler und Mitglieder des Bundes Bildender Künstler (BBK), Udo Strohmeyer und Horst G. Brune. Das Ergebnis kann sich sehen lassen – im wahrsten Sinne des Wortes – ein bunter Mix aus Kitsch und Kunst wartet auf die Café-Besucher. Über 20 Aussteller sind mit 70 Werken vertreten, darunter auch Schwarz-Weiß-Portraits und eine Installation, die den Besucher auffordert, einen nostalgisch umrahmten QR-Code zu scannen. „Die Umrahmung darf ruhig kitschig sein“, erklärt der Künstler sein Werk, das Aufnahmen von Celler Gewässern jeder Art und die dazugehörigen Geräusche bereithält.

Strohmeyer und Brune haben nach eigener Aussage versucht, Ordnung in die eingereichten Exponate zu bringen und sich für die Petersburger Hängung, das heißt, viele Bilder an einer Wand, entschieden. Entstanden ist eine bunte Mischung mit System, die zum Betrachten einlädt. Wichtig war den Initiatoren, dass jeder „Kreativ Extra-Teilnehmer“ im Gastronomie-Bereich mit einem Werk vertreten ist. „Mir fällt es auf, dass hier immer wieder verschiedene Künstler ausstellen. Als Gast nehme ich das wahr“, sagt Robert Heydecke aus Celle. Die beiden Freundinnen Norina Löschke und Lea Nitschke sind ebenfalls regelmäßig im Coffee-Shop. „Die Atmosphäre ist gemütlich und familiär“, nennen beide als Motiv. Die Bilder sind ihnen noch gar nicht aufgefallen, nun schauen sie sich im Raum um und ihr Blick fällt auf ein großes farbenfrohes, abstraktes Werk über dem Nachbartisch. „Das da, das ist wunderschön“, zeigen sie sich begeistert von einem Exponat, das den Titel „Gerakelt“ trägt.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, hat noch bis zum 22. November Gelegenheit, „Kreativ-Extra“ zu sehen.