Kompromiss zwischen Ökonomie und Ökologie – Kreistag beschließt Naturschutzgebiete

Umwelt Von Anke Schlicht | am Mo., 02.11.2020 - 17:18

CELLE. „Wir müssen eine zukunftsfähige Ökologie für unseren Landkreis schaffen, im Moment ist sie das nicht“. Mit dieser Aussage beendete Dr. Albrecht Hoppenstedt (WG) in der jüngsten Kreistagssitzung seine Rede zur Ausweisung von zwei Naturschutzgebieten. Als „guten Einstieg“ bezeichnete er die Verordnung, die dem Naturschutzgebiet „Großes Moor bei Becklingen“ nach dem Kreistagsbeschluss nun zugrunde liegt.

Das jeweils einstimmig gefasste Votum sowohl für das „Becklinger Moor“ als auch für den Vorschlag der Kreisverwaltung zum „Weesener Bach“ nahe Lutterloh im Nordkreis konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass manchen Kreistagsabgeordneten die geschlossenen Kompromisse zu weit gingen. „Wir stimmen nur zu, um ökonomischen Schaden vom Landkreis abzuwenden“, betonte die Abgeordnete der Grünen Annegret Pfützner. „Bei der Neugestaltung der Verordnung hatten die ökonomischen Argumente größeres Gewicht als die des Naturschutzes. Schutz und Entwicklung finden unzureichend statt“, begründete sie die Befürwortung unter Vorbehalt vor dem Hintergrund, dass der Landkreis bei der Umsetzung der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union zu spät dran ist. Bei deutlicher Überschreitung der Fristen drohen Strafzahlungen.

Im Rahmen des Beteiligungsverfahrens war die Verwaltung den Forderungen von Bewirtschaftern und Grundeigentümern nachgekommen. „Die Spielräume wurden genutzt, alle Beteiligten haben sich gemeinsam auf den Weg gemacht, man ist auf die Grundeigentümer zugegangen“, begrüßte Ernst-Ingolf Angermann die Verordnung im Namen der CDU ausdrücklich. Manuela von Butler schloss sich für die SPD an, schränkte jedoch ein: „Zugeständnisse sind gemacht worden, eventuell kann später noch beim Naturschutz nachgebessert werden.“

Dr. Harten Voss (FDP) kritisierte das Betretungsverbot des insgesamt 700 Hektar großen Gebietes „Becklinger Moor“, das sich circa 2,5 Kilometer östlich von Becklingen befindet und sich bis in die Gemeinde Wietzendorf im Heidekreis erstreckt. „Beerenpflücker und Pilzesucher schaden weniger als Neophyten“, sagte Voss und nahm damit Bezug auf fehlende Maßnahmen für die Zukunft, es finde sich nichts zum Wald und zum Umgang mit invasiven Pflanzen, insgesamt überwiege jedoch das Positive. Am detailliertesten begründete Annegret Pfützner die Einwände ihrer Partei. Die Verordnung für das Naturschutzgebiet „Großes Becklinger Moor“ ziehe zu wenige Konsequenzen aus den vergangenen Dürresommern, dem Verlust der Artenvielfalt sowie der Erderwärmung. „Die Wasserrückhaltung ist sehr wichtig für das Moor, damit es als CO2-Speicher wirken kann. Trocknet das Moor aus, setzt es zusätzlich CO2 frei. Mit der in der Verordnung erlaubten Maschinenräumung wird der Wasserabfluss gefördert. Auch die Feldberegnung im Umfeld des Naturschutzgebietes gräbt dem Moor das Wasser ab“, kritisierten die Grünen. Zudem seien die Gewässerrandstreifen erheblich verschmälert worden und die Düngung im Grünland sei im moorigen Gebiet mit 130 kg/ha/a viel zu hoch. Die letztgenannten Argumente führte Annegret Pfützner auch für das rund 359 Hektar große Naturschutzgebiet „Weesener Bach“, das das Heidegewässer von seinem Quellgebiet südlich der Lutterloher Fischteiche bis zur Mündung in die Örtze umfasst, an. „Inhaltlich haben sich die neuen Verordnungen gegenüber den vorher gültigen deutlich verschlechtert“, sagte die Fraktionsvorsitzende, und damit folgten sie den Interessen der Nutzer, der Grundeigentümer.

Den Abschluss der Debatte gestaltete der stellvertretende Landrat Ulrich Kaiser (WG) mit einem Fazit, das Vergangenheit und Zukunft in den Blick nahm: „Wir haben gerungen um den richtigen Weg mit der Zielsetzung, die Interessen aller Beteiligten zu berücksichtigen. Naturschutz wird einen immer größeren Stellenwert bekommen.“