*Aktualisiert* Große Mehrheit im Kreistag: IGS erhält Oberstufe

Politik Von Anke Schlicht | am Do., 05.12.2019 - 09:00

CELLE. Die IGS Celle bekommt eine Oberstufe -  das wurde am Nachmittag im Kreistag mit deutlicher Mehrheit von 39 Stimmen beschlossen, inklusive Landrat Klaus Wiswe. Zehn stimmten dagegen, fünf enthielten sich. Sie soll in der Celler Bahnhofstraße im Gebäude der jetzigen BBS eingerichtet werden. 

Vom vehementen Gegner zum Befürworter, das nennt man wohl eine 180 Grad-Drehung, die Landrat Klaus Wiswe zum Thema Oberstufe an der einzigen Integrierten Gesamtschule (IGS) in Stadt und Landkreis Celle vollzogen hat. Mit einer veränderten Ausgangslage begründete er in der heutigen Kreistagssitzung sein „Ja“ zur Einrichtung der Klassen 11 bis 13 an der Gesamtschule in der Burgstraße, um dort das Abitur ablegen zu können. „Mein wesentliches Argument dagegen bestand in einer zu hohen Zahl von Oberstufen, wenn eine weitere hinzukommt“, sagte Wiswe als erster Redner einer Debatte mit zahlreichen Beiträgen. Nun habe sich die Situation allerdings verändert aufgrund der Überlegungen des Hölty, seinen Standort in der Stadt aufzugeben und stattdessen Hambühren zu wählen für ein neues zukunftsorientiertes Gymnasium im Westkreis. Damit gebe es eine Oberstufe von insgesamt neun in Stadt und Landkreis weniger. Hundert Prozent sicher sei diese Entscheidung noch nicht, die Gesamtkonferenz tage erst am 9.12., aber vieles spreche dafür, dass es auf dieses Szenario hinauslaufe.

Diese wesentlich veränderte Ausgangssituation habe ihn dazu bewogen, eine Oberstufe zu befürworten, entsprechend laute seine Empfehlung an den Kreistag. „Sollte so entschieden werden, erhält die IGS einen zweiten Standort in der Bahnhofstr.“, erläuterte Wiswe. Dieses sei ein organisatorischer Aufwand und Sportmöglichkeiten seien dort nur bedingt vorhanden. Die Berufsbildende Schule, die das Gebäude derzeit nutzt, wird nach Altenhagen umziehen, dort könnte man mit mobilen Raumzellen arbeiten, um die Verlagerung umgehend durchzuführen. Eventuell werde es aufgrund geringer Schülerzahlen nur kleine oder zu wenige Kurse an der neuen Oberstufe geben. „Für uns geht es darum: Wie können wir gewährleisten, dass das, was wir finanzieren, auch genutzt wird“, betonte der Landrat.

Bereits in den letzten Wochen hatte sich in den Kreistagsfraktionen eine Veränderung in der Meinungsbildung zum Thema „Oberstufe ja oder nein“ angedeutet. Einige Mitglieder der CDU, darunter Torsten Harms, wichen von ihrer bisherigen Position ab. „Wir haben eine attraktive Sekundarlandschaft I, sollte der Beschluss gefasst werden, setzen wir diese Vielfalt fort“, sagte Harms. Und er wurde gefasst: 39 Ja-Stimmen, 10 Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen. Der Kreiselternrat hatte sich dagegen ausgesprochen, vom Kreisschülerrat lag kein Votum vor. Und dennoch war Schülerstimme vertreten. Sehr viele Zuschauer wohnten der Sitzung bei, darunter viele Mädchen und Jungen. Applaus brandete auf, als die Entscheidung feststand. „Wir sind froh und glücklich, dass wir weitermachen können“, sagten Anna, Melina und Vanessa übereinstimmend. Sie gehören zum ersten Jahrgang in der Gesamtschule Burgstraße und werden nun im Sommer dort in die 11. Klasse eintreten. „Wir waren alle zusammen, das fanden wir gut. Wir wollen kein anderes System, wir wollen so weitermachen“, verdeutlichen die drei in kurzen Sätzen, worum sich die Debatte im Saal drehte.

„Das Alte mit allen Konsequenzen zu bewahren und das Neue zu blockieren“, mache keinen Sinn, sagte Ulrich Kaiser von der Freien Wählergemeinschaft und fasste damit die in mehreren Redebeiträgen vorgetragene Haltung der AfD in einen Satz. Die Position, das dreigliedrige System sei überlegen, löste heftigen Widerspruch bei allen anderen Fraktionen aus. Häufig kam Unruhe im Saal auf, der Vorsitzende, Thomas Adasch, nahm einige Male die Glocke zur Hand. 

Diejenigen, die außerhalb der AfD gegen eine Oberstufe votierten, äußerten keine grundsätzlichen Bedenken, sondern begründeten ihre Gegenstimme u.a. mit Unsicherheiten in Bezug auf das weitere Vorgehen des Hölty. Diese wurde allgemein begrüßt. „Das Hölty hat uns ein Geschenk gemacht“, freute sich Jutta Krumbach von der FDP. „Das Gymnasium trifft eine bemerkenswerte und mutige Entscheidung“, sagte Ulrich Kaiser. Eine Ironie des Schicksals, dass sich zwischen beiden Schulen wiederum eine Verbindung ergab, denn im Vorfeld der Einrichtung der IGS vor sechs Jahren war es das Hölty, das „geopfert“ werden sollte. Ein Redner erinnerte daran. Soweit kam es seinerzeit nicht, nun zeichnet sich für beide Unterrichtsstätten ein neuer Weg in die Zukunft ab.

Die uns fristgerecht eingereichten Redebeiträge nach Reihenfolge des Posteingangs, unzensiert und unkommentiert: 

 

Frank Pillibeit, AfD

"Die AfD-Fraktion lehnt die Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe an der IGS Celle sowie die Gründung einer weiteren Gesamtschule im Landkreis Celle ab und bekennt sich ganz eindeutig zu dem bewährten gegliederten Schulsystem, welches die Schülerinnen und Schüler auf eine universitäre bzw. berufliche Ausbildung vorbereitet.

Wir brauchen schulische Vielfalt statt integrierte Einfalt.

Motivation entsteht, wo Erfolgserlebnisse warten und nicht ständig die eigenen Defizite bewusst gemacht werden. Also sollte ein vernünftiges Schulsystem die verschiedensten Ziele anbieten – und nicht alle Schüler mit demselben Eintopf zwangsbeglücken.

Allein der Begriff „Gesamtschule“ ist schon ein Euphemismus – es handelt sich hier nicht um eine Gesamtschule sondern um eine Einheitsschule, eine sozialistische Einheitsschule.

Linke Bildungspolitik ist geprägt von Gleichschaltung und Niveauabsenkung.

Eine Politik, die eine in der Bildungsqualität nach unten nivelierende Einheitsschule anstrebt, bedroht die Zukunftsfähigkeit junger Menschen und die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft.

Bildung ist der wichtigste Rohstoff unserer Gesellschaft und daher streben wir hier die höchsten Standards an.

Das wir keine zweite Gesamtschule im Landkreis Celle benötigen zeigen ja auch bereits die von der Verwaltung dargestellten rückläufigen Anmeldzahlen für die bereits bestehende Geamtschule in der Stadt Celle. Wir benötigen auch keine gymnasiale Oberstufe an der IGS Burgstraße – wir haben bereits genügend gymnasiale Oberstufen an den bestehenden Gymnasien - wir verfügen im Landkreis Celle bereits über 6 Gymnasien und 3 berufliche Gymnasien.

Die Bundesländer Bayern und Sachsen - eben ohne Gesamtschulen - sind die einzigen deutschen Länder, die bei PISA international ganz vorne mithalten können. Im ehemals guten BW hat es die vorige grün-rote Landesregierung geschaft - ich zitiere den Generalsekretär der CDU BW, „das Bildungsniveau vom Porsche zum Trabbi zu entwickeln.“

Die Behauptung, durch die Gesamtschule könne ein sozialer Ausgleich stattfinden, ist ebenso falsch.

Langzeitstudien haben nachgewiesen – ich zitiere hier den ehemaligen Präsidenten des deutschen Lehrerverbandes Josef-Kraus: „Der Besuch einer Gesamtschule schafft keineswegs bessere soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Differenzierung ist die notwendige Voraussetzung für individuelle Förderung von Kindern. Die Parole „Fördern statt Differenzierung“ ist falsch. Es muss

heißen: Fördern durch Differenzierung! Außerdem erzielt eine von Gleichmacherei geprägte Schulpolitik vermeintliche Gleichheit allenfalls durch Absenkung des Anspruchsniveaus. Das Ergebnis wären ein irreparabler gesellschaftlicher Flurschaden und politisch allenfalls vorübergehend ein Stück gefühlte Gerechtigkeit.“

In unserem Bildungssystem steht dem Fleissigen jede Tür offen – ein sozialer Aufstieg durch Bildung ist möglich.

Deutschlands staatliche Schulen sind seit Jahrzehnten Spielwiese linker Ideologen – diese Verhältnisse möchten wir für Celle vermeiden – wir setzten auf Kontinuität statt Experimente.

Meine Damen und Herren, die größten Befürworter der staatlichen Gesamtschulen kommen ja aus dem politisch linken Lager – wohin schicken diese Befürworter denn Ihre eigenen Kinder?

Schauen wir uns doch mal die SPD-Ministerpräsidentin von MV, Frau Manuela Schwesig an:

Frau Schwesig schickt Ihren ältesten Sohn auf eine Privatschule – das zeigt doch eindeutig, dass Sie kein Vertrauen in die eigene SPD-Bildungspolitik hat. Die Regierungschefin umgeht damit das eigentlich auch von ihrer Partei unterstützte Konzept vom „längeren gemeinsamen Lernen“ an einer staatlichen Regionalschule. Es gibt noch mehr prominente Beispiele – auch die Kinder von Hannelore Kraft, Johannes Rau und Andrea Ypsilanti haben Privatschulen besucht.

Das ist typisch für die politische Linke:

Bildungssozialismus für das Volk aber Privatschulen für die eigenen Kinder. Wasser predigen und Champagner saufen.

Die AfD-Fraktion schließt sich dem Beschlussvorschlag der Verwaltung an und lehnt eine Oberstufe an der IGS Burgstraße sowie eine weitere Gesamtschule für den Landkreis Celle ab.

 

Mathias Pauls, SPD: 

Vor über 30 Jahren gründeten Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer eine Initiative zur Gründung einer Gesamtschule in Celle.  Meine Partei hat dieses Anliegen von Anfang an unterstützt. Im Jahr 2014 ging die Integrierte Gesamtschule Celle an den Start.

Heute, nach einem langen Diskussionsprozess, stehen wir vor der Entscheidung, an dieser Gesamtschule eine gymnasiale Oberstufe einzurichten.

Damit wird der Integrierten Gesamtschule Celle die Möglichkeit eröffnet, sämtliche im Niedersächsischen Schulgesetz vorgesehenen allgemeinbildenden Abschlüsse anzubieten.

Mir ist bewusst, dass einigen unter uns die Entscheidung nicht leichtfällt. Trotzdem werden Sie - so hoffe ich und dafür werbe ich - für die Einrichtung der Klassen 11 bis 13 an der IGS stimmen, so wie es der Beschlussvorschlag des Kreisausschusses vorschlägt. Dafür meinen Dank und meinen tief empfundenen Respekt.

Bei der vor uns liegenden Entscheidung wird es keine Verlierenden geben. Es gibt nur Gewinner:

Wir komplettieren die Schullandschaft und vervollständigen in Stadt und Landkreis Celle das Angebot an weiterführenden Schulen.

Dies ist ein Gewinn für unsere Region, denn ein vielfältiges Angebot an weiterführenden Schulen steigert die Attraktivität!

Sehr geehrte Kreistagskolleginnen und Kollegen,

diese Debatte ist auch ein Gewinn für unseren Kreistag, denn wir werden zeigen, dass ein Konsens um der Sache willen auch über Parteigrenzen hinweg möglich ist,

und last, but not least

der größte Gewinn dieser Entscheidung fällt den Schülerinnen und Schülern, den Eltern und den Lehrenden der Integrierten Gesamtschule zu:

Den Schülerinnen und Schülern, denn ihnen wird der Weg zum Abitur an ihrer Schule eröffnet

den Eltern, denn ihr Vertrauen in den Landkreis Celle als Schulträger wurde nicht enttäuscht

den Lehrenden an der IGS, denn ihr Engagement für ihre Schule trägt nun Früchte.



Behiye Uca, Die Linke

Eigentlich hätte es nie eine Frage sein dürfen. Selbstverständlich braucht eine IGS eine Oberstufe. Schauen Sie nach Hannover, Braunschweig, Peine, Wolfsburg, Gifhorn – es ist dort fast die Regel, dass eine IGS eine Oberstufe hat.

Und Sie sehen doch, auf welch großes Interesse die IGS in Celle bei den Eltern und Schülern stößt. Jahr für Jahr müssen Interessierte abgewiesen werden. Warum ist die Schule so attraktiv? Weil die Eltern das Konzept gut finden. Ich zitiere mal:

„An unserer Schule lernen die Kinder länger gemeinsam und werden mit modernen Unterrichtsmethoden individuell gefördert. Stärkere Kinder werden gefordert und schwächere gefördert. Alle haben so mehr Zeit, sich zu entwickeln.“ [Zitat Ende]

Es ist für dieses Konzept wichtig, dass auch Schülerinnen und Schüler  mit einer Empfehlung für das Gymnasium auf die IGS gehen. Damit das so bleibt, müssen die Eltern jetzt endlich die Sicherheit bekommen, dass ihre Kinder an der IGS auch das Abitur machen können.

Jeder hier im Raum weiß, dass es immer schon eine zusätzliche Hürde war, wenn begabte Oberschülerinnen und -schüler nach der 10. Klasse auf ein Gymnasium wechseln. Andere Lehrerinnen und Lehrer, neue Mitschülerinnen, ein neues Gebäude usw. usw.

Genau das würde den Schülerinnen und Schülern der IGS drohen, wenn wir jetzt nicht eine Entscheidung für sie und ihre Bildungschancen treffen. Und die einzig vernünftige Entscheidung kann nur sein, die IGS mit einer Oberstufe auszustatten.

Wir müssen doch Chancen schaffen und nicht Chancen verbauen. Die Celler IGS ist für viele Schülerinnen und Schüler eine Chance. Die Schule hat sich toll entwickelt und ist für viele eine echte Alternative zum Gymnasium. Das aber kann die IGS nur bleiben, wenn jetzt eine Mehrheit hier für eine Oberstufe stimmt.