„Wir bauen ohne Zukunftskonzept“ – Kritik an Ausweisung neuer Baugebiete im Rat

Politik Von Anke Schlicht | am Fr., 15.10.2021 - 14:38

CELLE. Mit dem Blick auf freie Flächen, selbst wenn sie nur mit Mais bewachsen sind, dürfte es für etliche Häuslebauer im Groß Hehlener Neubaugebiet „Im Tale“ bald vorbei sein. An seine Stelle tritt die Aussicht aufs Nachbargrundstück. Denn das Rathaus plant in Groß Hehlen eine regelrechte Offensive.

In der jüngsten Stadtratssitzung wurden die Aufstellung von Bebauungsplänen für die neuen Wohngebiete „Nördlich Hehlensloh“ sowie „Lehmhorstweg“ mit rund 250 Bauplätzen beschlossen, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft des bereits bestehenden Areals „Im Tale“ befinden. Zwölf Ratsmitglieder, darunter die Grünen, die AfD sowie BSG/Die Linke, sprachen sich dagegen aus, konnten damit die Pläne der Verwaltung jedoch nicht verhindern.

„Es wird munter und nicht zielgerichtet ausgewiesen. Wir sind nicht gegen das Bauen, aber es muss vernünftig sein“, sagte Bernd Zobel (Grüne), „in Sonntagsreden ist von Klimaschutz die Rede, aber werktags wird jeder Bauwunsch erfüllt.“ Das Maß der Versiegelung orientiere sich nicht an den Vorgaben des „Niedersächsischen Weges“. Zudem ginge die Politik der stetigen Ausweisung von Eigenheimen am Bedarf vieler Celler vorbei. „Das beißt sich“, sagte Zobel mit Nachdruck und erinnerte an den 2019 gefassten „Klima in Not“-Beschluss.

Der Fraktionschef der Grünen wird anders als der bisherige Vorsitzende der Fraktion Die Linke/BSG Oliver Müller auch dem kommenden Rat angehören, der sich am 4. November konstituiert. Müller engagierte sich zehn Jahre lang kommunalpolitisch, für die neue Wahlperiode kandidierte er nicht mehr. Seinen letzten Redebeitrag als Ratsherr nutzte Oliver Müller, um noch einmal hinzuweisen auf die Bedeutung von umsichtigen Entscheidungen zugunsten von Umweltschutz und CO2-Reduktion. „Ich wage mal eine Prognose: Diejenigen, die da morgen bauen, werden uns in 10, 15 Jahren fragen, warum wir ihnen nicht entsprechende Auflagen gemacht haben. Aber mit Zukunft hatte es die Mehrheit in diesem Rat ja nie so“, sagte Müller und spannte einen Bogen von der lokalen zur weltweiten Ebene, indem er aus der Ansprache von Greta Thunberg auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zitierte. „I want you to panic“, wandte sich die junge Frau im Jahr 2019 an die Verantwortlichen der weltgrößten Konzerne. „Ich denke, ihre Aufforderung gilt auch uns. Nur wollen unser Oberbürgermeister und die Mehrheit in diesem Rat nichts davon wissen. Wir planen und genehmigen ein Baugebiet nach dem anderen. Das wäre vielleicht noch machbar, wenn wir ein Zukunftskonzept damit verbinden würden, wenn wir damit eine Wärmewende voranbringen würden. Aber davon ist in der Vorlage nichts zu lesen.“ Die Linke/BSG vertritt die Meinung, dass Neubaugebiete nur dann noch vertretbar seien, wenn sie zukunftsfähig, also verbunden mit Auflagen hinsichtlich der CO2-freien Energieversorgung, sind. Müller schloss seine Zeit als Ratsherr mit einem weiteren Zitat Greta Thunbergs: „Sie hat die politisch Verantwortlichen – und das sind im kommunalen Raum WIR – aufgefordert: „I want you to act. I want you to behave like our house is on fire. Because it is.“ („Ich möchte, dass Sie handeln. Ich möchte, dass Sie sich verhalten, als würde unser Haus brennen. Und zwar: Weil es so ist.“