Kiosk statt Kunst? - Kunstverein Celle kämpft um Gotische Halle

Kunst Von Anke Schlicht | am Do., 29.10.2020 - 13:36

CELLE. Die Werke verarbeiten Geschehnisse, die sich in Celle abspielten, waren Teil einer Ausstellung des Kunstvereins Celle und befinden sich mittlerweile in London in der Sammlung Saatchi. Die in Celle geborene und inzwischen in Köln lebende Künstlerin Silke Schatz widmete sich für „Radical Self/Wurzelkind“ der Spurensuche zur eigenen Familiengeschichte, fertigte eine großformatige, feine durchsichtige Blei- und Buntstiftzeichnung von „Thaers Garten“ an und stellte ihre Großeltern, die in Thaers Villa wohnten, als einsames, befremdlich wirkendes, wie Marionetten an einer Kette hängendes Paar dar.

Die Schau aus dem Jahr 2006 wurde viel beachtet, die renommierte US-amerikanische Kunstzeitschrift „Artforum“ berichtete. „Radical Self/Wurzelkind“ ist nur ein Beispiel für die Präsenz Kunstschaffender in Celle, die international von sich reden machten. Sie kann in einer Reihe genannt werden mit weiteren mittlerweile weltweit renommierten und mit Preisen überhäuften Künstlern, die auf Einladung des Kunstvereins nach Celle kamen und hier ihre Bilder und Installationen zeigten. Schauplatz sowohl für Silke Schatz wie Timm Ulrichs in den Jahren 1973, 76 und 87 als auch elf Jahre später für die „Paradoxen Intentionen“ von Anna Oppermann war stets die Gotische Halle im Celler Schloss.

„Wir sind ein Unikat“, sagte Dietrich Klatt an genau diesem Ort anlässlich der Eröffnung der aktuellen Ausstellung des Kunstvereins „Sie befinden sich hier“ am 11. Oktober mit Werken von Sarah Zagefka und Michael Schuster. Klatt gehörte 1965 zu den Gründungsmitgliedern des Vereins, im gleichen Jahr wurde die Gotische Halle den Kunstschaffenden von der Stadt Celle zur Verfügung gestellt. Ein ausdrücklicher Dank für diese Überlassung ist nachzulesen im Rückblick auf 50 Jahre Kunstverein Celle „Streiflichter“. Nun könnte angesichts der Pläne der Verantwortlichen auf Landesebene in Zusammenarbeit mit dem Celler Kulturdezernat, die Gotische Halle umzuwandeln in eine zentrale Anlaufstelle für Schlossbesucher, eine Celler Tradition, die sich der modernen deutschen Gegenwartskunst verschrieben hatte, zu Ende gehen.

„Die Halle muss für die Celler Bürger erhalten bleiben“, appelliert Dietrich Klatt an die Entscheidungsträger im Rathaus. Der Vorstand des Kunstvereins Celle positioniert sich wie folgt:

Der Kunstverein Celle kämpft um die Gotische Halle!

Kiosk statt Kunst?

Der Kunstverein Celle und alle Liebhaber zeitgenössischer Kunst sind äußerst bestürzt. Der Grund: Das staatliche Baumanagement in Hannover arbeitet in Abstimmung mit der Stadt Celle an einem neuen Nutzungskonzept für die Gotische Halle im Celler Schloss. Schwerpunkte der neuen Nutzung: zentraler Besucherempfangsraum, Verkaufskassen für Residenzmuseum und Schlosstheater, umfangreicher Museums- und Souvenirshop.

Der Kunstverein Celle prägt mit seinen Ausstellungen junger moderner Kunst seit Jahrzehnten das kulturelle Leben der Stadt. Die Planungen zur Neunutzung der Gotischen Halle als Multifunktionsraum zerstören die besonders zur Kunstbetrachtung einladende architektonische Struktur der Halle. Da in Celle kein der Gotischen Halle vergleichbarer Raum für die angemessene Präsentation überregionaler aktueller Kunst zur Verfügung steht, gibt es gezwungenermaßen bereits Überlegungen zur Auflösung des Kunstvereins Celle.

Wir fordern deshalb die Verantwortlichen der Stadt Celle und der Landesregierung auf, die Gotische Halle weiterhin als einzigartigen Raum für Kunst zu erhalten.

Der Vorstand des Kunstvereins Celle: Dr. Kerstan, Jander, Liebscher, Lüdecke