„Sie befinden sich hier“ – in der Gotischen Halle zu Besuch beim Kunstverein Celle

Kunst Von Anke Schlicht | am Sa., 10.10.2020 - 17:11

CELLE. Satt und bunt die Farben, gegenständlich und greifbar die Motive – so präsentiert sich ab Sonntag, 11. Oktober, bis Ende November die Gotische Halle in ihrem linken Bereich. Filigran, einfarbig, durchsichtig und leichtfüßig – so geht es auf der anderen Seite zu. Der Kunstverein Celle hat für seine Herbstausstellung zwei deutsche Künstler vereint, die, vom Erscheinungsbild ihrer Werke her betrachtet, unterschiedlicher kaum sein könnten, und doch passen Sarah Zagefka aus München und Michael Schuster aus Berlin trefflich zusammen.

„Es gibt eine Klammer, Schnittmengen, die die Werke verbinden“, sagt Kuratorin Anna Jander. Sowohl Sarah Zagefka als auch Michael Schuster schöpfen ihre Motive aus der Reflektion über Identifikation und Sein. Der vielfältig interpretierbare Titel der Schau „Sie befinden sich hier“ ist davon abzuleiten. Schusters Bilder und Installationen bannen etwas in die Form eines Kunstwerks, das uns täglich umgibt: Bruchteile von Sekunden, die uns beeindruckt haben, Momente, die wir festhalten, wenige in Stein meißeln oder mittels des allseits bereiten Smartphones für die Ewigkeit konservieren möchten. Doch auch der digitale Helfer ist oft nicht schnell genug, einzig Kopf und Bauch vermögen Stimmung, Atmosphäre, ein Wohlgefühl, das, was nicht in Worte zu fassen ist, wahrzunehmen. Michael Schuster fängt diese Streiflichter auf einzigartige Weise ein und verwendet für diese Kunst Naturmaterialien, die er collagenhaft und scherenschnittartig zusammenfügt. Die herbstlich braun gefärbten Blätter hat er im Schlosspark gesammelt und ihnen nie geahnte Wirkung verliehen. „Als wären die Bilder von hinten beleuchtet“, sagt Anna Jander. Das Licht fällt auf kleine feine Szenen, kein Gesicht ist erkennbar, und doch steht da ein Mensch mit geradem Rücken, die Füße weit auseinander, präsentiert sich eine selbstbewusste Persönlichkeit. Der Materialeinsatz ist gering, die Leere nimmt breiten Raum ein und setzt in Szene. Sie ist nicht sichtbar, und doch durchdringt Mittagssonne eine Begebenheit, geformt allein aus getrocknetem Laub. Eine Stimmung wird spürbar.

Die Kuratorin hat die Bereiche für beide Protagonisten streng voneinander getrennt, aber ein Bild von Sarah Zagefka unter die Werke des Künstlerkollegen gemischt, und dieses so geschickt, dass einerseits ein Spannungsverhältnis entsteht und andererseits eine Verbindung geschaffen wird. Die Auseinandersetzung mit dem individuellen Lebensalltag eint die Künstler. Zagefka bezeichnet ihren Stil als subjektiven Realismus, sie malt nach Fotografien, wandelt jedoch ab. „Das Schöne, das Interessante zu sehen“, beschreibt sie als ihren Antrieb. Sie richtet den Fokus nicht auf das Spektakuläre, eher auf den Rand des Geschehens. Und die Ergebnisse dieser Herangehensweise bieten jede Möglichkeit der Identifikation. Zagefka bannt scheinbar Nebensächliches in Öl auf Leinwand, und doch spiegelt sich darin eine Persönlichkeit, ein Lebensgefühl, eine Stadt anhand eines winzigen Ausschnitts. Ein beengter Raum, zugestellt mit Zweckmäßigem und Liebgewonnenem, piefig dekoriert, die gepunkteten Vorhänge versperren dem Licht den Weg, eine Szenerie ohne Ausgang, und doch kommt die Welt zu Besuch, der Fernsehen dominiert mit seinen glamourösen Gesichtern, sorgt für Kontrast und lässt gleichsam die Ansammlung unscheinbarer Utensilien umso mehr erstrahlen.

Die aktuelle Schau des Kunstvereins Celle lädt ein zu einer Entdeckertour auf den Spuren der Vergänglichkeit und zum Wesen der Dinge. Absolut sehenswert.

Gotische Halle im Schloss Celle, 11. Oktober – 28. November 2020

Öffnungszeiten im Oktober: Dienstag bis Sonntag, 13 bis 17 Uhr

Öffnungszeiten im November: Dienstag bis Sonntag, 12 bis 16 Uhr