BEGEN-BELSEN. Am Sonntag fand im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte eine Führung zu thematisch ausgewählten Aspekten des einstigen Konzentrationslagers statt. Rund 25 Teilnehmer waren dem kostenlosen Angebot gefolgt und ließen sich vom wissenschaftlichen Leiter der Gedenkstätte, Dr. Thomas Rahe, durch die Dauerausstellung führen. Dr. Rahe erläuterte den Alltag im sogenannten „Austauschlager“ anschaulich anhand der Exponate der Ausstellung.

„Das KZ Bergen Belsen hatte im Lagersystem des Dritten Reiches eine Sonderstellung. Von Beginn an war es nicht als Vernichtungslager konzipiert und verfügte demzufolge auch nicht über entsprechende Krematorien“, so Rahe. Vielmehr sei das Lager dazu bestimmt gewesen, ausschließlich jüdische Häftlinge gegen deutsche Staatsbürger „einzutauschen“. Allerdings hätten nur rund 2.400 jüdische Häftlinge auf diesem Weg in die Freiheit erlangt – das Austauschlager umfasste laut Rahe insgesamt rund 14.500 Häftlinge. „Viele der verbliebenen wurden erst am 15. April 1945 durch die britischen Truppen befreit oder noch auf so genannte ‚Todesmärsche‘ geschickt. Für die meisten hat sich die Hoffnung auf einen Austausch nicht erfüllt“, schlussfolgerte Dr. Rahe.

In der Dauerausstellung befinden sich etwa 30 erhalten gebliebene Tagebücher von einstigen KZ-Häftlingen, die sehr detailliert vom damaligen Lageralltag berichten. Damit verfügt das Dokumentationszentrum in Bergen Belsen über die größte Sammlung von Tagebüchern im Vergleich zu einstigen Konzentrationslagern. Es sind insbesondere die routinemäßigen Abläufe, die den Besuchern die Beklommenheit der einstigen Lageratmosphäre verdeutlichen. „Das KZ funktionierte einst wie eine Behörde“, erläuterte Rahe hierzu.

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurde das KZ Bergen Belsen zum Ziel etlicher Transporte aus anderen Lagern. „Nun konnte niemand mehr sagen er habe von den Ereignissen nichts gewusst“, so Dr. Rahe mit Hinblick darauf, dass die einstigen Transporte und Märsche oftmals tagsüber durch bewohntes Gebiet erfolgten.

Als vorletzte Station wurden den Teilnehmern Fotografien der britischen und amerikanischen Truppen – aufgenommen am 15. / 16. April 1945 gezeigt und die Hintergründe erläutert. Bei vielen der Schwarzweißaufnahmen handelte es sich um Beweisfotos, die in den späteren Gerichtsprozessen verwendet wurden. Die Bilder verdeutlichen das Ausmaß des Grauens. „Da es an entsprechenden Krematorien mangelte, versuchte die SS kurz vor der Übergabe des KZ, die Leichen von tausenden Häftlingen auf Scheiterhaufen zu verbrennen. Dies misslang jedoch und die Leichen konnten nur noch in behelfsmäßig ausgehobene Gruben geworfen werden. Den britischen Truppen, die am 15. April 1945 in Bergen-Belsen eintrafen, boten sich unfassbare Zustände im Lager“, so der wissenschaftliche Leiter der Gedenkstätte.

Die Führung endete mit Informationen über die so genannten „Belsen Trials – die Prozesse der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Konzentrationslager Bergen Belsen“. Diese fanden bereits weit vor den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen statt und gehören daher zu den ersten gerichtlichen Prozessen gegen Täter des Holocaust. Zahlreiche Täter und (Mit-)Verantwortliche konnten sich jedoch kurz vor Einmarsch der Alliierten absetzen und sind somit jedweder gerichtlichen Verurteilung entgangen.

IMG_3478; Foto: Hendrik Altmann

Text und Fotos: Hendrik Altmann

 

 

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