Landkreis zieht Corona-Bilanz – „Sie starben mit, nicht an Corona“

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Fr., 19.06.2020 - 09:24

CELLE. „Sie sind mit Corona gestorben und nicht an Corona“, sagt Landrat Klaus Wiswe am Donnerstagnachmittag im Gesundheits- und Sozialausschuss des Kreises. Fünfzehn Menschen seien in Stadt und Landkreis Celle in der Folge der Corona-Pandemie gestorben. Überwiegend waren sie laut Kreisrat Michael Cordioli in höherem Alter und alle litten unter Vorerkrankungen. Die Landkreis-Verwaltung hat am 17.6.2020 die Arbeit des Corona-Krisenstabes für beendet erklärt und dem Ausschuss Bericht erstattet über den dreimonatigen Umgang mit der Pandemie.

Mitte März hatte der Landrat die Zuständigkeit für das Virus gebündelt, am 24.3. wurde ein Krisenstab eingerichtet. „Es gab keine Blaupause für das, was anstand“, merkt Wiswe an. Er hielt Kontakt zu benachbarten Landkreisen: „Es gab große Unterschiede im Umgang mit der Krise“. Celle hattes sich für eine intensive Pressearbeit entschieden, täglich eine Übersicht zur Anzahl der Erkrankten sowie in Quarantäne befindlichen Personen veröffentlicht. Andernorts wurde mit Rücksicht auf die Erkrankten von dieser Form der Information abgesehen. „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, dass wir mit hoher Transparenz arbeiten. Und auf Kreisebene sollte es eine einheitliche Auslegung der Verordnungen geben“, erläuterte der Landrat. Kontrolliert wurde mit eigenem Personal in Kooperation mit der Polizei. Mittlerweile sei dieses schwierig, die Bereitschaft unter den Mitarbeitern für diese Überprüfungen sinke aufgrund der veränderten Reaktionen in der Bevölkerung. „Beim Umsetzen der Verordnungen war das Verständnis in der Bevölkerung am Anfang groß, das lässt jetzt nach“, berichtet der Landkreis-Chef. Verstöße mit Absicht habe es so gut wie nicht gegeben, „wenn, dann war das aus Unkenntnis.“

Insgesamt ist die Pandemie in der Celler Region mäßig verlaufen, die Gesamtzahl der Infizierten lag bei 220. „Teilweise hatten wir ein erhöhtes Vorkommen in Alten- und Pflegeheimen, nur wenige Erkrankte mussten im Allgemeinen Krankenhaus behandelt werden“, teilt Kreisrat Michael Cordioli den Ausschussmitgliedern mit. Jederzeit sei ausreichendes Equipment und Material vorhanden gewesen. Unter dem Strich bedeuteten die drei Monate einen hohen Aufwand für die Kreisverwaltung, dabei stellte die Auslegung der Allgemeinverfügungen und Verordnungen des Landes eine große Herausforderung dar. „Vom 22. März an gab es 11 Verordnungen zum Thema kontaktreduzierende Maßnahmen“, gibt Cordioli ein Beispiel. Die Kommunikation mit den Einrichtungen des Landes Niedersachsen nennt er verbesserungswürdig. „Die Verordnungen sind nicht einfach zu lesen, sie werden immer umfangreicher, enthalten sehr viele Details. Sie müssten strukturell verändert, genereller werden“, berichtet der Kreisrat dem Ausschuss, „oft waren Aussagen, die wir gemacht hatten, nach einer Woche schon wieder überholt“.

Für die Krisenbewältigung aus rein medizinischer Sicht ist das Gesundheitsamt zuständig, dessen Leiter, Carsten Bauer, beziffert die Zahl der durchgeführten Abstriche mit 1.400. Lediglich 100 wurden vom Amt selbst vorgenommen, die Testungen liegen in der Verantwortung der Kassenärztlichen Vereinigung in Hannover, diese hat für mit der mobilen und stationären Beprobung den Kreisverband Celle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) beauftragt. 1.174 Quarantäne-Anordnungen erließ das Amt. „Eine wichtige Aufgabe war die Kontaktnachverfolgung“, erläutert der Amtsarzt. Er geht vor dem Hintergrund der vielen Neuinfizierten auf Schlachthöfen in Deutschland speziell auf dieses Thema ein: „Wir haben hier nur den einen Schlachthof in Wietze, er unterscheidet sich von Rotfleischschlachthöfen. Es gibt dort keine Werkvertrags-, sondern Leiharbeiter und auch Festangestellte.“ Eintausend Abstriche wurden auf dem Betrieb in Wietze genommen, erst Mitte der Woche kam die Testung zum Abschluss, niemand sei infiziert. Auch die Unterkünfte von Leiharbeitern wurden laut Bauer untersucht. „Auffälligkeiten in Wietze gab es keine“, lautet das Fazit des Amtsarztes.

In kleinerem Rahmen bleibt eine Corona-Einsatzgruppe weiterhin tätig, die Nachverfolgung von Kontakten im Falle von Neuinfektionen bleibt gewährleistet durch ein fest installiertes Team. Und wie sehe die Situation aus, wenn eine zweite Welle käme, wird Landrat Klaus Wiswe zum Abschluss gefragt. Seine Antwort lautet: „Wir wären deutlich besser gerüstet.“
 

NACHTRAG:

In einer Pressemitteilung des Landkreises Celle vom 19.6.2020 heißt es dazu, unzensiert und unkommentiert:

 

Krisenstab vorläufig aufgelöst - Landrat und Erster Kreisrat ziehen positive Bilanz

Celle (lkc). Am 06. März 2020 wurde die erste Infektion mit dem Corona-Virus im Landkreis Celle bestätigt, daraus wurde schnell wie in ganz Deutschland eine größere Herauforderung. Als Reaktion darauf setzte Landrat Klaus Wiswe am 24. März den Krisenstab ein. "Es war eine sehr herausfordernde und anstrengende Zeit. Insgesamt haben wir aber die Herausforderungen sehr gut bewältigt", so der Landrat. Wegen der der rückläufigen Zahlen, gestern waren es noch sechs akut Erkrankte, beendete der Krisenstab zum 16. Juni zunächst seine Arbeit.

Bis heute (19.06.2020) sind in Celle 220 bestätigte Infektionen mit dem SARS-CoV-2-Virus im Gesundheitsamt verzeichnet worden. „Wir haben im Landkreis Celle ein im Vergleich zu manch anderen Landkreisen gemäßigtes Pandemiegeschehen gehabt", sagt Erster Kreisrat Michael Cordioli, der als Leiter des Krisenstabes fungiert hat. Um die Infektionsketten zu unterbrechen, wurden im Landkreis Celle 1400 Test durchgeführt. Im Gesundheitsamt des Landkreises Celle zudem seit Mitte Mai Kräfte der Bundeswehr und ein Containment-Scout des Robert-Koch-Institut zur Kontaktnachverfolgung sowie zur Quarantäneüberwachung eingesetzt. Bisher wurden 1181 Quarantänen ausgesprochen.

Abseits der medizinischen Seite hat der Krisenstab sich um die Interpretation und Durchsetzungen der jeweils geltenden Verordnungen gekümmert. Es wurden rund 500 Anfragen der Bürgerinnen und Bürgern, der Medien und der Gemeinden per Mail und am Infotelefon extern bis zu 120 Anrufen am Tag beantwortet. Außerdem waren in der Spitze bis zu 25 Mitarbeiter unterwegs, um in Geschäften und Betrieben um zur Einhaltung der Regelungen kontrollieren und zu beraten.

Das Vorgehen im Krisenstab wurde über die vergangenen Wochen eng abgestimmt mit Polizei, Rettungsdiensten und dem Allgmeinen Krankenhaus. Gleichzeitig hat der Krisenstab sich auch darum gekümmert, die Beschaffung von Schutzausrüstung zu koordinieren. Insgesamt wurden 195.015 Hygieneartikeln davon 159.800 Schutzhandschuhe, 15.195 Schutzmasken sowie 15.200 Mund-Nase-Schutz-Masken ausgeteilt unter anderem an Rettungsdienste und Altenheime.

Wichtig war auch die Information der Öffentlichkeit. Dabei gab es von Anfang die Strategie einer hohen Transparenz, sowohl in den klassischen als auch den sozialen Medien. So hat der Landkreis von Beginn an tägliche Statusmeldungen und Informationen über die Verordnungen herausgegeben. Insgesamt wurden in dieser Zeit rund 120 Pressemitteilungen erstellt, normal sind etwa 100 für das gesamte Jahr.

Im Krisenstab sind mit den unterstützenden Kräften aus der gesamten Kreisverwaltung rund 12.000 Arbeitsstunden geleistet worden. „Ich bedanke mich für den Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in dieser Zeit viel geleistet haben", sagt der Landrat. Die Beendigung der Arbeit des Krisenstabes darf aber nicht zu der Annahme verleiten, die Corona-Pandemie sei bereits bewältigt. Solange die Infektionszahlen niedrig bleiben wird lediglich die Arbeit in der normalen Dezernatsstruktur erledigt. Teilaufgaben sind in einer Stabsstelle beim Ersten Kreisrat zusammengefasst und auch das Gesundheitsamt wird nach wie vor die Kontaktnachverfolgung durchführen. „Wir werden das Geschehen auch nach der Auflösung des Krisenstabes weiter im Blick behalten, um gegebenfalls schnell reagieren zu können", sagt Wiswe.