ERFURT/FASSBERG. Das war kein Drehbuch für schwache Nerven: In einem Wechselbad der Gefühle fuhren fünf Athleten der Leichtathletikgemeinschaft UnterlüßFaßbergOldendorf zu den Deutschen Meisterschaften der Frauen und Männer nach Erfurt. Laurin Forstreuter hatte sich für den Einzelwettbewerb über 400m und zusätzlich mit seinen Teamkollegen Ole Böhl, Martin Schmalz und Nils-Henrik Meyer für die 4x400m Staffel qualifiziert.

In den letzten Tagen vor den Wettkämpfen am Samstag und Sonntag stellten sich bei Forstreuter wieder als überwunden geglaubte Beschwerden ein, die einen Start im Einzelwettbewerb als zu riskant erscheinen ließen. Um die Staffel nicht zu gefährden, sollte eine Doppelbelastung vermieden werden. Am Freitag dann die Wende. Forstreuter pokerte hoch und entschied sich für den Doppelstart im Einzel- und Staffelwettbewerb. Trainer Rybizki überließ seinem Schützling die Entscheidungshoheit und beorderte für alle Fälle Kilian Grünhagen, der über 1500m nur knapp die DM-Qualifikation verpasst hatte, als Ersatzmann mit nach Erfurt. Die Anspannung im gesamten UFO-Team war also hoch. Wird der Plan aufgehen?

Am Samstag am 13:50 Uhr dann die Stunde der Entscheidung. Forstreuter musste im ersten von zwei Vorläufen über 400m ran. Trotz seines Handicaps lief er ein unerwartet starkes Rennen und schaffte das schier Unmögliche – die Qualifikation für den Endlauf. Mit seiner Zeit von 47,82sec unterbot er seine bisherige Saisonbestleistung um 16 Hundertstelsekunden. Am Folgetag um 16:10 Uhr dann der Endlauf, wo er als einziger Vertreter Niedersachsens und zusammen mit Marc Koch von der LG Nord Berlin als einer von zwei Athleten aus allen sieben Norddeutschen Bundesländern an den Start ging. Würde sein Körper noch mitmachen?

Die Finalteilnahme setzte zusätzliches Adrenalin frei und blendete die Schmerzen aus. In einem bravourösen Lauf konnte er sich abermals steigern und kam in 47,55sec über den Zielstrich, womit er nur 6 Hundertstelsekunden unter seiner persönlichen Bestleistung blieb und einen hervorragenden 7. Platz belegte.
Drei Stunden später dann der traditionell letzte Wettbewerb – die Staffelläufe über 4x400m der Männer. Forstreuter wollte es noch einmal wissen und seine Staffelkollegen nicht im Stich lassen.

Natürlich wussten die drei anderen Läufer um diese Belastung und mussten versuchen, selbst alles aus sich herauszuholen, um ihrem Schlussläufer eine gute Ausgangsposition zu verschaffen. Sie waren sich auch bewusst, dass sie sich steigern müssen, denn die bisherige Saisonbestleistung von 3:16,72min war nicht ihr Anspruch. Die UFO-Staffel musste gleich im ersten von zwei Zeitendläufen Farbe bekennen. Startläufer Martin Schmalz brachte die Staffel nach der ersten Stadionrunde mit für ihn sehr guten 49,5sec ins Rennen und übergab den Stab an vierter Position liegend an Nils-Henrik Meyer.

Der erst 19-jährige Youngster im Team legte los wie die Feuerwehr und holte Position um Position auf, musste aber am Schluss seinem hohen Anfangstempo Tribut zollen und übergab nach trotzdem tollen 48,7sec weiterhin auf Position vier liegend an Ole Böhl. Der kräftige Routinier mit seinen raumgreifenden Schritten konnte einen Platz gut machen und übergab nach auch für ihn sehr guten 49,3sec an dritter Position an Schlussläufer Laurin Forstreuter. Als hätte es die Ungewissheiten im Vorfeld und die Doppelbelastung nicht gegeben, trommelte der Athlet aus Unterlüß noch einmal beeindruckend über die 400m-Bahn. Er konnte noch einen Kontrahenten überholen und lief in 46,4sec (fliegender Start) auf Position zwei über den Zielstrich. Mit der Gesamtzeit von 3:13,94min belegte die Staffel in der Endabrechnung den 7. Platz und verbesserte sich damit im Vergleich zum Vorjahr bei den Deutschen Meisterschaften in Kassel um einen Rang. Gleichzeitig wurde die Saisonbestleistung um knapp 3 Sekunden unterboten.

Trainer Rybizki war voll des Lobes in Anbetracht der gezeigten Leistungen und war erleichtert, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, indem er seinem Schützling Forstreuter freie Hand ließ im Vertrauen auf dessen realistische Selbsteinschätzung.

Text: Jürgen Schiller

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