CELLE. Susanne Fischer aus Hohne ist seit Kurzem Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland (PEN steht für Poets, Essayists, Novelists) und hat jetzt auch im „Dichterraum Celle“ ihren verdienten Platz. Zu ihrer Lesung, die die Ernst-Schulze-Gesellschaft im Kanzlei-Café veranstaltete, war eine große Zuhörerschaft gekommen, und die Begeisterung wuchs mit jedem vorgetragenen Text.

Der in diesem Jahr erschienene Roman „Wolkenkönigin“ – ihr zehnter – bildete den Auftakt. Er spielt in einer Kleinstadt, in der es „bessere“ Wohnviertel gibt und übel beleumundete, z.B. das Bahnhofsviertel, „Kanakennest“ genannt, in dem angeblich nur gescheiterte Existenzen und Türken wohnen. Die Ich-Erzählerin ist die 15-jährige Corinna. Sie hat einen kleinen behinderten Bruder, ihre alleinerziehende Mutter bekommt ihr Leben nicht in den Griff. Aus Geldnot muss die Familie wieder einmal umziehen, ins Bahnhofsviertel. Und das bedeutet erneut einen Schulwechsel für Corinna. Sehr feinfühlig arbeitet Susanne Fischer heraus, und in ihrem Vortrag wurden alle Nuancen verdeutlicht, wie sich Corinna gegen soziale Vorurteile in ihrer alten Schule gewehrt hat und nun gleich wieder von Ich-Bezogenheit, von Status-Kämpfen, auch Liebesbeziehungen in ihrer neuen Klasse überrollt zu werden droht. Sie ist allein, keine starke Kämpferin, legt sich aber einen anderen Vornamen zu, um sich selbst einen Neubeginn zu verschaffen. Im neuen Wohnhaus begegnet sie dem sympathischen Jungen Marc, aber auch er hat viele Probleme. Die Romanhandlung nähert sich einem Krimi, erhellend für Jung und Alt durch vielfältige psychologische wie soziale Nahaufnahmen von Erwachsenen wie Jugendlichen.

Im zweiten Teil der Lesung stellte Susanne Fischer eine Reihe der satirischen Kolumnen vor, die sie seit 1995 auf der Satireseite der taz, »Die Wahrheit«, veröffentlicht. Sie nutzt dabei alle Freiheiten für Reduktion und sich steigernde Reihungen. Aber: Alle Inhalte sind selbst erfahren, hier und heute, „alle Zitate sind echt“. Da ist z.B. die Erfahrung mit den angeblich die Umwelt schonenden Pappbechern für den „Kaffee to go“, die die Autorin mit ihrem Bambusbecher noch steigern möchte, aber an der Verkäuferin scheitert, die den Kaffee erst in einen Pappbecher abfüllt, der dann natürlich sofort entsorgt wird. Da ist auch die satirische Beschreibung vom „Kaffeeklatsch mit Super-Maschmeyer“, seiner „Protzvilla“ und den Verlautbarungen der immer schönen 50-jährigen Ehefrau Veronika Ferres. Oder auch die Darstellung der Wettbewerbsmodalitäten für den „Grünkohl-König“ der Freiwilligen Feuerwehr: „Man muss nur so viel essen, wie reinpasst. Vor und nach dem Essen muss man sich öffentlich wiegen lassen.“ Die Autorin berichtet exakt, der Sieger habe 2,4 Kilo in anderthalb Stunden geschafft. Frauen sähen von der Teilnahme ab. Auf Teneriffa, so erfahren die Kolumnen-Leser, sieht man nach Jahrzehnten immer noch viele englische Männer mit Tätowierungen über und über, viele mit Olivenöl bekleckerte Kleidungsstücke, aber „Milchkaffee“ heißt jetzt „Latte“ und „danke“ wird mit „Do nich füer!“ entgegengenommen.

Die Zuhörer applaudierten begeistert. Für die Ernst-Schulze-Gesellschaft dankte Lothar Haas so: „Die Wahrheit kann höchst vergnüglich sein! Wir freuen uns auf das Buch mit den satirischen Kolumnen, das im nächsten Jahr erscheinen soll!“



Sie müssen sich registrieren oder anmelden, um diesen Beitrag zu kommentieren.