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Gebäude mit 26 Wohneinheiten für Menschen mit Behinderung soll im Spätsommer fertig sein

Lebenshilfe feiert Rohbaufest in der Mozartstraße

27.01.2018 - 09:32 Uhr     Susanne Zaulick    0
Fotos: Susanne Zaulick

BERGEN. Die Lebenshilfe Celle hat gestern in der Bergener Mozartstraße gefeiert: Zum Rohbaufest ihrer in Bau befindlichen Wohnstätte kamen zukünftige Mieter und deren Angehörige, Mitarbeiter der Lebenshilfe, Handwerker und der Architekt sowie Besucher aus der Nachbarschaft. Im April 2017 war mit dem Bau des zweigeschossigen Gebäudes mit einer Nettogrundfläche von 1310 Quadratmetern begonnen worden, die Fertigstellung ist für Spätsommer 2018 geplant. Rund 2 Millionen Euro investiert die Lebenshilfe an diesem Standort.

Bergen ist als Standort ausgewählt worden weil sich hier bereits einige Werkstätten der Lebenshilfe befinden. In dem neuen Haus werden Menschen mit Behinderung wohnen und nach Bedarf auch betreut, die bisher in Hustedt ein Wohnangebot der Lebenshilfe nutzen. In Bergen seien die Wege zwischen Arbeit und Wohnen kürzer, die Einkaufsmöglichkeiten und die Möglichkeit, am sozialen Leben teilzunehmen, besser, so die Lebenshilfe. Zwei der 26 Wohneinheiten sind für ambulantes Wohnen vorgesehen. Acht pädagogische Mitarbeiter werden in der Mozartstraße arbeiten, dazu kommt Personal für Küche und Reinigung.

Dr. Clemens Maria Kasper, Geschäftsführer der Lebenshilfe gGmbh, begrüßte die gut 70 Besucher im Rohbau und wies auf das für die Feier ausgewählte Datum hin. Man begehe das Rohbaufest bewusst einen Tag vor dem 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, und wolle damit zeigen: „Hier sind wir – und wir leben – und wir leben mitten unter Menschen in einer aufblühenden und aufbrechenden Stadt“. (die gesamte Rede findet sich im Anschluss).

Auch Bürgermeister Rainer Prokop nahm Bezug auf das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten, das mehrere hunderttausend kranke und behinderte Menschen das Leben kostete. „Uns ist es eine besondere Verpflichtung aus der Geschichte heraus, die Partnerschaft mit der Lebenshilfe zu pflegen“, sagte Prokop und betonte, dass die Stadt ihren neuen Mitbürgern – vom Hausmeister bis zum Bürgermeister – stets mit Rat und Tag zur Seite stehe.

Die Abteilungsleiterin Wohnen der Lebenshilfe, Katharina Schwarzkopf, wandte sich vor allem an die am Bau beteiligten Unternehmen und deren Mitarbeiter: und lobte die handwerklichen Arbeiten und den Sachverstand rund um rollstuhlgerechtes und barrierefreies Bauen: „Ich habe den Eindruck, dass es richtig gut gelungen ist“. Bevor die Besucher die Räumlichkeiten im Erdgeschoss in Augenschein nehmen konnten, trug Bewohnervertreter Horst-Dieter Paes, in Gedichtform noch ein Loblied auf das neue Haus vor.

Rede von Dr. Clemens Kasper zum Rohbaufest: 

Vor ziemlich genau einem Jahr konnten wir im Südosten des Landkreises, in Wathlingen, 8 Wohnungen an Beschäftigte der Lebenshilfe übergeben, die ansonsten wohl nur fern von ihrem eigentlichen Sozialraum eine Heimstadt hätten finden können. Ihr mutiger erster Schritt: der Auszug aus der Familie führte sie in die unterstützte Selbständigkeit, ohne dass sie ihr angestammtes Umfeld haben verlassen müssen.

Und jetzt, ein Jahr später, begehen wir ein ganz vergleichbares Ereignis am nahezu selben Datum: Wir haben bewusst diesen Tag (einen Tag vor dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, den 27. Januar) für das Rohbaufest oder das Pre-opening gewählt, um zu zeigen: Hier (dieses Mal im Nord-Westen des Landkreises) sind wir – und wir leben – und wir leben mitten unter Menschen – wir freuen uns in einer aufbrechenden und aufblühenden Stadt zu leben.

Es ist mir ein ganz besonderes Anliegen, diese beiden Ereignisse zusammen zu sehen: Million Menschen wurden in den Konzentrationslagern vernichtet; und ganz in der Nähe erinnert und die Gedenkstätte des Gefangenen- und Konzentrationslagers Bergen-Belsen an die über 120.000 Menschen, die dort als Opfer des NS-Regimes untergebracht waren von denen über 50.000 starben; und wird denken insbesondere an die Hunderttausende Menschen mit geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen, die während der NS-Zeit in ganz Europa systematisch getötet, zwangssterilisiert und oder Opfer von Menschenversuchen wurden.

„Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, eine Form des Erinnerns zu praktizieren, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“ Mit diesen Worten erklärte Roman Herzog den 27. Januar zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Und wir wollen mit diesem Ereignis – dem Rohbaufest, dem Gedenken einen weiteren, einen positiven Aspekt anfügen: So wie wir hier stehen, so wie wir in wenigen Monaten einziehen werden, leben wir gerne und leben wir ab jetzt mitten unter Menschen, die uns willkommen heißen.

Das haben wir in den letzten Jahren hier erfahren dürfen: von der Suche und dem Finden dieses Baugrundstückes; die Stadt, ihre Vertreter – allen voran der Bürgermeister und Verwaltungschef Rainer Prokop – haben uns immer spüren lassen, dass man uns hier mit offenen Armen empfangen werde. Das Grundstück wurde uns schließlich von der Firma Lindhorst so überlassen, dass wir es als soziales Unternehmen auch erwerben konnten: dafür herzlichen Dank auch an diese Adresse. So konnten wir mitten in dieser Siedlung der Mozartstraße, die erneut im Aufbruch ist, wie man an jeder Ecke absehen kann, eine neue Heimat finden.

Die Mieter kommen von Hustedt, wo sie bisher am Wulfshornberg lebten. Uns allen war wichtig, und da nehme ich die Mieter der Wohnstätte in Hustedt durchaus mit ein, dass nicht nur das Leben und der Ort mitten in einem lebendigen und neuen Sozialraum Lebensmittelpunkt werden sollte (mit kurzen Wegen zum Einkaufen, zu Ärzten, Banken Freizeiteinrichtungen zu Arbeit und weiteren Angeboten der Stadt), sondern auch die Wohnstandards den heutigen Ansprüchen genügen sollten:

Der Bau, in dem wir uns jetzt befinden, entspricht mit seinen Angeboten dem heutigen Standard. Die Zimmer genügen den gesetzlichen Vorgaben und sind alle rollstuhlgeeignet, bzw. barrierefrei. Es gibt Gemeinschaftsräume, die nach individuellen Bedürfnissen ausgestattet werden, damit die Mieterinnen die Möglichkeiten haben, sich kleine Mahlzeiten selbst zuzubereiten oder ihre Selbständigkeit mit Unterstützung zu erweitern.

Im Haus befinden sich zunächst noch zwei weitere Appartementwohnungen mit eigenem Zugang für mehr selbständiges Wohnen – für die Fall, dass ich die Unterstützungssituation so verändert – oder auch die Gesetzeslage, die den bisher bestehenden „Heimen“ nicht viel Zukunft einräumen will: so wurde in der Planung die Möglichkeit einer Nutzungsänderung bereits vorgesehen: Der linke Teil des Hauses kann je nach Bedarf erst im Erdgeschoss, später auch im Obergeschoss zu Appartementwohnungen mit ambulanter Unterstützung (wie wir es bereits in Wathlingen realisiert haben) umgestaltet werden. Diese Wohnbereiche sind dann durch einen separaten Eingang, Treppenhaus und Fahrstuhl zu erreichen.

Die zentrale Lage ermöglicht es vielen Mieter|innen eigenständig Besorgungen zu erledigen, Kontakte zu pflegen. Termine wahrzunehmen sowie Einrichtungen des öffentlichen Lebens zu besuchen und somit am gesellschaftlichen Leben teil zu haben.

Allen, die sich an der Entwicklung dieses Projektes so engagiert beteiligt haben, sei an dieser Stelle mein besonderer Dank ausgesprochen. An erster Stelle Heidrun Schöpp, die Leitung des Wohnbereichs bis Dez. 2017, die unermüdlich an der Gestaltung und Verwirklichung des Hauses nach den von uns gesetzten und vom Gesetz vorgegebenen Vorstellungen gearbeitet hat; ihre Nachfolgerin, Katharina Schwarzkopf, die das übernommene „Erbe“ ungeschmälert und mit gleichem Eifer fortführt: und das bedeutet ja nicht nur Beachtung der Gesetzeslage, sondern vor allem gestaltende Einbeziehung der Menschen, die mal hier leben und derer, die hier auch arbeiten werden.

Ebenso die Firmen, die diese Vorstellungen hier verwirklichen und Herrn Gordon Fuge unseren Architekt, der uns in diesem Projekt von Anfang an so kompetent begleitet hat. Ihm zur Seite stand und steht mein Kollege Olaf Seisselberg, der den Kontakt von der Baustelle zu allen „bauherrenseitigen“ Personen aufrechterhält und pflegt.

Dass sich das an dieser Stelle immer weiter entwickelt – dessen sind wir sicher und dafür steht (und hoffentlich noch lange) Rainer Prokop, dem jetzt mein besonderer Dank gebührt.

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