Enttäuschende Lesung des Schlosstheaters anlässlich des Holocaust-Gedenktages

Theater Von Anke Schlicht | am Di., 28.01.2020 - 15:17

CELLE. „Man kann gar nicht aufhören, immer wieder darüber zu reden“, bringt Schauspieler Thomas Wenzel am Montagabend seine Dankbarkeit zum Ausdruck, in der Synagoge sein zu dürfen. Kurzfristig ist er eingesprungen für die Lesung des Schlosstheaters anlässlich des Holocaust-Gedenktages, ein weiterer Schauspieler hat abgesagt, seinen Part übernimmt die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Dr. Andrea Hoffmann. 

Angekündigt waren mehrere Texte, präsentiert werden zwei: Auszüge aus „Alles, was wir wissen konnten“, einem Roman der Bergener Stadtschreiberin, Ariella Kornmehl, sowie „Shtika“ von Naomi Bubis und Sharon Mehler. Der Titel ist Hebräisch und bedeutet Schweigen, wie es so häufig anzutreffen war und ist in Familien von Überlebenden des Holocaust. Die beiden Autorinnen nähern sich diesem großen Thema zwischen den Generationen, das für die kurze verbleibende Zeit während der anderthalbstündigen Veranstaltung in der Synagoge jedoch zu groß erscheint.

Die von Andrea Hoffmann vorgetragenen Passagen stehen ein wenig im Nichts, nur grob konnte der rahmengebende Kontext erläutert werden. Denn der Schwerpunkt des Abends liegt auf dem Roman, der von Schlosstheater-Intendant, Andreas Döring, in eine Bühnenfassung verwandelt wurde. Diese bildet allerdings nicht die Grundlage für die Präsentation in der Synagoge. Premiere wird im April sein. Kornmehl hat Biografisches aus dem Leben ihrer jüdischen Großmutter, die von holländischen Freunden der Familie versteckt wurde und so während der Besetzung der Niederlande von den Deutschen der Deportation entging, gemischt mit Fiktion.

„Was wurde denn aus Otto?“, fragt eine Besucherin in der sich anschließenden Diskussionsrunde. „Und aus den Eltern?“, stimmt eine weitere Teilnehmerin ein. „Ach, den Otto gab es gar nicht?“, ist aus einer anderen Ecke der nicht bis auf den letzten Platz besetzten Synagoge zu hören. „Und das Bild ‚Die Tänzerin‘, wie verhält es sich damit?“. Die Geschichte rund um eine schöne junge Frau aus gutbürgerlichen Verhältnissen, die nun als Dienstmädchen arbeiten muss, obwohl sie doch einen echten „Degas“ ihr Eigentum nennt, vom „bösen“ Nachbarn begehrt und geschwängert wird, scheint Interesse ausgelöst zu haben im Publikum. Allerdings machen die Fragen gleichsam die Problematik deutlich. Was war wirklich, und was hat sich die Autorin nur ausgedacht? Wenn es um Theater geht, mag dieses keine Rolle spielen, aber bei einer Lesung anlässlich des Holocaust-Gedenktages wirkt Erfundenes in Romanform befremdlich. 

Keine Musik, kein Gedicht begleitet den Abend. Nur an einer einzigen Stelle wird die Veranstaltung dem Anlass gerecht – Patrick R. Hahne entzündet zu Beginn sechs Kerzen für die sechs Millionen Menschen, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind. Alle Besucher erheben sich und gedenken ihrer still.