BERGEN. Vorschusslorbeeren gibt es bei Bergener Schülern nicht: Der in den Niederlanden weithin bekannte Autor, Journalist und Historiker Daan Heerma van Voss, bekam zur Begrüßung gestern im Stadthaus Bergen vor rund 130 Neunt- und Zehntklässlern der Anne-Frank-Oberschule noch keinen Applaus. Nach der Lesung aus seinem Roman „De laatste Oorlog“ (Der letzte Krieg) hingegen klatschten die jugendlichen Zuhörer durchaus anerkennend.

Van Voss wird in Bergen in den kommenden zwölf Monaten noch häufiger zu Gast sein. Er ist nach Mano Bouzamour der zweite Stadtschreiber, oder etwas eleganter ausgedrückt „Artist in Residence“, der Stadt Bergen. Seine Aufgabe ist es, auf kultureller Ebene zur deutsch-niederländischen Verständigung beizutragen, die in Bergen eine lange Tradition habe, wie Bürgermeister Rainer Prokop bei seiner Begrüßungsansprache betonte. Obwohl der Ausgangspunkt dieser Beziehungen negativer Art ist – viele Niederländer wurden ins KZ Bergen-Belsen deportiert und viele kamen dort ums Leben – gäbe es heute gleich auf mehreren Ebenen positive Begegnungen und konstruktive Beziehungen. Bis Mitte der 1990iger Jahre waren Niederländer in Bergen stationiert und haben dort ihre Spuren hinterlassen, zum Beispiel mit dem Niederländischen Karneval, der ausgiebig gefeiert wird. Seit vergangenem Jahr trainiert in der Kaserne Bergen-Hohne ein deutsch-niederländisches Panzerbataillon.

Prokop verlas ein Grußwort der Niederländischen Botschaft zum Bergener Stadtschreiber-Projekt, in dem es heißt: „Geschichten können helfen, uns selbst und die Welt besser zu verstehen“. „Wir sind gespannt, welche Geschichten dies sein werden“, meinte Prokop im Hinblick auf die Arbeit Daan Heerma van Voss‘. Veröffentlicht hat der 31-jährige, der aus einer publizistisch tätigen Familie stammt und international vernetzt ist, bereits vier Romane sowie Erzählungen, Essays, Interviews und weitere journalistische Arbeiten in internationalen Zeitungen.

Geplant ist, dass der Autor in Bergen seiner schriftstellerischen Tätigkeit nachgeht, weitere Projekte mit Schulen realisiert und an der Gedenkstätte Bergen-Belsen bei ihrem aktuellen Projekt „Kinder im KZ Bergen-Belsen“ als Historiker mitwirkt. „Ich verstehe mich aber mehr als Schriftsteller. Vorstellungskraft ist für mich wichtiger, als wie es wirklich gewesen ist“, meinte der Niederländer, der von Dr. Ottfried Franke/urban PR zwischen den Textpassagen befragt wurde. Das Verhältnis von Geschichte und Gegenwart spiele aber in all seinen Werken eine wichtige Rolle, betonte van Voss.

So auch in „De laatste oorlog“. Das Buch handelt von Liebe und Entfremdung, Religion und Verrat am Glauben, kleinen und großen Kriegen. „Wie willst du wissen, was für ein Mensch du bist, wenn du noch nie einen Krieg erlebt hast?“ Diese Frage aus dem Roman zitierte Ottfried Franke am Anfang der Lesung. Am Ende wurde klar: Es muss nicht immer der „große“ Krieg sein, in dem man sich entscheiden muss, ob man mitmacht, sich raushält, oder Widerstand leistet. Mobbing oder Respektlosigkeiten, gäbe es überall, bestätigte auch die Schülerseite. So wurden mit den Akteuren auf dem Podium – Dr. Jens Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Sabine Fuhrmann, Leiterin der Oberschule, Lehrerin Kerstin Strack und den beiden Schülern Lies und Kieran – noch einige Parallelen erarbeitet, die sich sowohl in ihrem Leben als auch im Roman wiederfinden, angefangen von Eltern, die sich auseinanderleben bis hin zu Flüchtlingen, die im Buch wie im Leben der Bergener Schüler vorkommen.

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