Morbide, mutig und makaber – ein Liederabend auf dem Friedhof

Musik Von Anke Schlicht | am Mo., 25.11.2019 - 18:18

CELLE. Weiß inmitten des Novembergraus draußen und dunklen Interieurs drinnen. Die Erscheinung von Reinhild Kuhn überrascht, sie trägt ein weißes, ärmelloses Kleid, dazu offene Schuhe. Nein, so könnte sie nicht inmitten von Gräberfeldern singen. Und doch hätte es gepasst zum Programm der Berliner Sängerin „Up-Leben“.

„Wir probieren etwas Neues aus“, sagt der Leiter der städtischen Friedhofsbetriebe, Jens Hanssen, in der Kapelle des Stadtfriedhofs und verspricht: „Der Ewigkeitssonntag findet einen außergewöhnlichen Abschluss“. Es ist wohl dem November mit seinen niedrigen Temperaturen und abweisendem Gesicht geschuldet, dass der Liederabend des Duos Reinhild Kuhn aus Berlin und Eric Trejo aus Mexiko nicht vor Fackel- und Kerzenschein, neben einem eine Lebensgeschichte bergenden Grabstein sowie blätterlosem Baumbestand stattfindet. Zweifelsohne hätte eine solche Kulisse die Wirkung der Lieder zur Gitarre rund um Vergänglichkeit und Gevatter Tod in ihrer Mitte noch intensiviert. Aber auch im beheizten Kirchenraum entfalten die Texte sowohl der Songs als auch der Zwischenmoderationen eine solche Kraft, dass wenige Besucher das Konzert vorzeitig verlassen.
 
„Geier oder Wurm?“, „Nicht mehr am Leben, sollt Ihr mich den Raben geben“, „Sag mal, Du Tod, macht Dir der Job eigentlich Spaß?“ – Reinhild Kuhn nähert sich dem Ende des Lebens auf nie gehörte Weise. „Haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht, wie Sie bestattet werden möchten?“, fragt sie frank und frei das Publikum, um im nächsten Moment die unterschiedlichen Formen aufzuzählen: Erde, See, Wald.... Die meisten sind dem Namen nach nicht neu, den schönsten Klang hat die außergewöhnlichste und wohl in Europa am wenigsten bekannte Variante: die Himmelsbestattung. Die Tibeter praktizieren sie im Himalaya, sie zerteilen die Toten und lassen sie von den Geiern in die Lüfte tragen.

„Wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich für Geier anstatt Wurm entscheiden“, sagt Reinhild Kuhn und dann folgt „November“ von Tom Waits, den Text rezitiert sie vorab ausdrucksstark. Keine Melancholie, keine Sentimentalität, eher Nüchternheit und Coolness sind der Grundton des Programms. Nur ganz selten wird es wirklich traurig, bei Leonard Cohens „Dance me to the end of love“ oder Eric Claptons „Tears in heaven“ stellen sich solche Momente ein. Fröhlichkeit kommt auf, als sie von den Traditionen in Mexiko, der Heimat des Gitarristen Eric Trejo neben ihr, berichtet: Der Tag der Toten wird dort gemeinsam mit den verstorbenen Familienangehörigen gefeiert, in Prozessionen ziehen die Menschen auf die Friedhöfe, singen und tanzen an den Gräbern. „Wenn ich sterbe, weine nicht, sondern singe fröhliche Lieder, dann werde ich ewig bei Dir sein“, singt Reinhild Kuhn und lässt zu den virtuosen Gitarrenklängen Trejos den Ewigkeitssonntag ganz anders als gewohnt ausklingen – morbide, makaber, fröhlich und nachdenklich.