Literatur trifft Natur – Wandel-Lesung der Ernst-Schulze-Gesellschaft im Heilpflanzengarten 

Kultur + Gesellschaft Von Redaktion | am So., 25.08.2019 - 19:49

CELLE-HEHLENTOR. „Ich habe intensive Erinnerungen an den Schwalbenberg“, erzählt Dietrich Klatt am Samstagnachmittag inmitten eines der schönsten Gärten der Stadt. Rund 80 Jahre ist es her, dass er als Vierjähriger auf der Binnendüne zwischen Aller und Lachte zunächst im Sand "schwamm", um im kühlen Nass des Flusses zu landen. Mehr als 200 Jahre zuvor denkt ein anderer Celler Künstler an dasselbe Kleinod zurück: „Für ein Heideblümchen gäbe ich die ganze Flora des botanischen Gartens […] und die freundlichen Partien, welche die Gegend ringsum darbietet, wollte ich mit Freuden opfern, wenn ich den Lachtehäuser Sandweg hierher zaubern könnte“, schrieb der Literat Ernst Schulze 1812 an einen Freund in seiner Geburtsstadt.
Landschaften prägen, bleiben haften im Gedächtnis, laden zum Verweilen ein und inspirieren Dichter und Autoren zu Beschreibungen, die die Einzigartigkeit der Natur einfangen. Selbst wenn diese hunderte von Jahren zurückliegen, haben sie nichts an Wahrhaftigkeit eingebüßt. Die Ernst-Schulze-Gesellschaft hat einige Kostproben solcher Schreibkunst zusammengestellt und einen besonderen Ort sowie renommierte Rezitatoren ausgewählt, um sie in Szene zu setzen.

Der Heilpflanzengarten diente als Kulisse für eine Wandel-Lesung unter dem Titel „Natur – Mensch – Kunst“. Nicht immer stimmen gut gemeinte Wünsche für ein Event überein mit dem tatsächlichen Verlauf. Der Vorsitzende der Ernst-Schulze-Gesellschaft, Lothar Haas, traf jedoch ins Schwarze mit der abschließenden Bemerkung seiner Begrüßungsansprache: „Jetzt sind Sie gespannt, ich wünsche einen anregenden Nachmittag“, gab er allen gleichermaßen an Natur wie Literatur Interessierten mit auf den Weg für ein kulturelles Ereignis, das Form und Inhalt eins werden ließ.

Rund 40 Zuhörer machten es sich auf Bänken, Klappstühlen oder im Gras bequem, um einzutauchen in die Gedankenwelt Hans Falladas, Hermann Löns‘, Rainer Maria Rilkes, Ernst Schulzes und Siegfried Lenz‘. Jeweils ein auf einer Staffelei präsentiertes Kunstwerk wurde zum Zentrum der kleinen literarischen Hotspots im Heilpflanzengarten. „Ich verstehe es heute eigentlich nicht mehr, warum die Pfennigbrücke mich so begeisterte, dass sie mich sogar mit dem Weg zum Kränzchen aussöhnte“, erinnerte sich Hans Fallada an „Kaffeekränzchen an der Aller“, deren einziges Highlight das Passieren der Holzbrücke war. Dietrich Klatt liest, während die Bäume sich im Wind wiegen und Geräusche von der zeitgleich aufgrund des „Entenrennens“ dicht bevölkerten Pfennigbrücke herüberdringen. Auch die von Uwe Winnacker vorgetragenen Gedanken Ernst Schulzes hatten den aktuellen Ort des Geschehens zum Schauplatz. In einem Brief an Adelheid Tychsen schrieb dieser über einen öffentlichen Garten mit einem Prinzenpalais in seiner Mitte. „Es handelte sich um den Prinzengarten, der damals acht Fußballfelder groß war und sich bis hierher erstreckte“, vermittelt Elke Haas mit ihrer Erläuterung eine Vorstellung von dem breiten Raum, den Natur seinerzeit in der Stadt einnahm.

„Sie haben in der Stadt so viel Grün, dass kaum eine Trennung zwischen Stadt und dem Lande […] besteht“, fasste diesen Umstand rund einhundert Jahre nach Schulze Hermann Löns in Worte, hatte dabei allerdings die entgegengesetzte Seite, die Neustadt, im Blick. „Man weiß gar nicht, will die Stadt in die Landschaft hinaus oder will das Land in die Stadt hinein“, rezitiert Hermann Wiedenroth aus einem Werk des Heidedichters.

Weit übers Regionale gehen hingegen die Eindrücke und Überlegungen von Rainer Maria Rilke hinaus, die angesichts von Klimawandel und Insektenschwund aktueller wirken denn je: „Daran ändert der Umstand, dass die Menschen seit Jahrtausenden mit der Natur verkehren, nur sehr wenig; denn dieser Verkehr ist sehr einseitig. Es scheint immer wieder, dass die Natur nichts davon weiß, dass wir sie bebauen und uns eines kleinen Teils ihrer Kräfte ängstlich bedienen. […] Wir spielen mit dunklen Kräften, die wir mit unseren Namen nicht erfassen können […] Aber immer und immer wieder in Jahrtausenden schütteln die Kräfte ihre Namen ab und erheben sich wie ein unterdrückter Stand gegen ihre kleinen Herren…“, schrieb er in „Worpswede. Monographie einer Landschaft und ihrer Maler“.

Einen – zumindest geographisch - noch weiteren Rahmen spannt indes Siegfried Lenz. Als Sehnsuchtsort bezeichnet der Schriftsteller Jütland, wo „alles zum Bleiben einlädt“ und sein „Kummer mit Kaffeetafeln“ womöglich als „Manifestation der Undankbarkeit“ verstanden werden könnte. Die Bedenken hielten ihn jedoch nicht davon ab, seinem „Kummer“ Luft und die Leser vertraut zu machen mit jütländischer Gastfreundschaft. Die Reaktionen der Zuhörer mit Schmunzeln zu beschreiben, trifft es nicht. „Das Hineinrammen von Kuchengabeln in Napoleonschnitten – jede so dick wie Tolstois ‚Krieg und Frieden‘ -, die fünfte in einen Kaffeerausch mündende Tasse Kaffee als Teil einer großen rituellen Kuchenschlacht, die nicht-jütländische Gäste in totmatte Koalabären verwandelt“, sorgt an der letzten Station des Nachmittages, den für Kaffee und Kuchen gedeckten Tischen im Café KräuThaer, für schallendes Gelächter. Hermann Wiedenroth rezitiert den Lenz-Text so anschaulich und mitreißend wie seine Mitstreiter Uwe Winnacker, Dietrich Klatt und Elke Haas zuvor die Passagen ihrer Autoren. Allesamt entlocken sie einer Teilnehmerin der Wandel-Lesung den Satz des Nachmittags: „Sowas muss man vorgelesen bekommen.“