"Zu viele Lkw, aber technisch top und sicher"

Verkehr Von Anke Schlicht | am So., 28.06.2020 - 19:06

CELLE. „Ich bin doch ewig mit Spiegel gefahren“, sagt Dieter Holmig hinsichtlich der jüngsten Neuerung. Denn nun fährt er nicht mehr allein mit Spiegel, sondern mit einer Kombination aus kamerabasiertem Abbiegeassistenten und Spiegel. Begeisterung ist ihm für die technische Innovation nicht zu entlocken. „Na ja, es ist gewöhnungsbedürftig, aber schlechter ist das nicht“, kommentiert der Lkw-Fahrer den intelligenten Helfer, der Verkehrsteilnehmer als Radfahrer oder Fußgänger im direkten Umfeld des Fahrzeugs wahrnimmt und den Fahrer akustisch und optisch warnt.

Auf Fernfahrerromantik angesprochen, winkt er ab: „Alles vorbei, das gab’s vielleicht in den 70ern und 80ern, aber heute zählt nur Schnelligkeit und Pünktlichkeit“. Holmig weiß, wovon er spricht, seit Jahrzehnten arbeitet er als Lkw-Fahrer und hat dementsprechend den Wandel des Berufsfeldes miterlebt. „Hier sieht’s aus wie im Computerraum“, sagt er bei der Präsentation der zwei Meter hohen Fahrerkabine, „alles voll Elektronik“. Es scheint für ihn eher ein notwendiges Übel als Qualitätsverbesserung, aber der 57-Jährige nimmt die Dinge, wie sie sind, gewöhnt sich zwangsläufig an Veränderungen.

Den Abbiegeassistenten kann man nicht überhören“, weiß Holmig. Zusätzlich kann er auf dem Bildschirm sehen, was sich rechts von ihm tut. Eine Weitwinkelkamera ist rechts vorne am Lkw angebracht, sie fängt den gesamten Toten Winkel ein. Darüber hinaus wird das nähere Umfeld von vier Sensoren überwacht, Hindernisse werden über eine LED-Anzeige ins Führerhaus übermittelt. „Ich halte lieber einmal zu viel als einmal zu wenig, das habe ich auch früher schon getan“, betont Holmig.

Circa ein Drittel der in Deutschland pro Jahr bei Unfällen ums Leben gekommenen Radfahrer gehen auf Ereignisse durch rechts abbiegende Lkw zurück. Um hier und insgesamt im Straßenverkehr mehr Sicherheit zu schaffen, setzt die Europäische Union verstärkt auf Fahrzeugsicherheitssysteme wie Abbiege- und Notbremsassistenten. Anders als Abbiegeassistenten sind letztere seit 2018 EU-weit vorgeschrieben, erlaubt ist jedoch, sie abzuschalten. „Die fahren auf 5 Meter auf“, berichtet Dieter Holmig über seine Kollegen, „mit einem Bein ist man immer im Krankenhaus“. Der Notbremsassistent verringert dieses Risiko, er warnt bei Kollisionsgefahr und, wenn erforderlich, leitet er selbsttätig eine Notbremsung ein. „Wir wollen die deutsche EU-Ratspräsidentschaft auch dafür nutzen, dass der Notbremsassistent nicht mehr ausgeschaltet werden darf“, sagt die Bundestagsabgeordnete und Sprecherin der AG Verkehr und digitale Infrastruktur der SPD-Bundestagsfraktion, Kirsten Lühmann.

Zehn seiner insgesamt 55 Mehrtonner hat der Inhaber der Kraftverkehr Osthannover GmbH (KOG) Walter-Christoph Buhr, bereits mit der neuen Technik ausgestattet, um den Sicherheitsfaktor zu erhöhen. „Das Thema ist jedoch der Kunde“, wendet der Unternehmer ein, „die Frachtpreise befinden sich derzeit im Tiefflug, es gibt eine Spanne von 0,70 Cent bis 1,50 Euro“. Europaweit gleiche Standards seien bislang nicht eingeführt worden. „Dieses muss sich unbedingt ändern“, entgegnet Lühmann und weist darauf hin, dass Sicherheit auch Zuverlässigkeit bedeute.

Eine Verlagerung des Frachttransports auf die Schiene ist für die Politikerin nicht die Lösung. „Lkw werden wir immer brauchen“, sagt sie. „Unser Bahnnetz gibt es im Moment nicht her“, betont sie. Straßen seien schneller und billiger zu bauen, als Schienen zu verlegen oder zu ertüchtigen. Ziel sei es, den Zuwachs an Gütern gleichmäßig auf Straße und Schiene zu verteilen, 34 Prozent werden bis 2030 angestrebt. Derzeit hätten die Personen im Bahnverkehr Vorrang, gegen den Ausbau von Bahntrassen würde es häufig Widerstand von Seiten der Anwohner geben. „Wir werden mehr Geld ausgeben müssen für Lärmschutz, und die Lkw müssen ökologischer werden“, sagt die Abgeordnete mit Blick auf Elektro- und Wassserstoff-basierte Antriebsformen.

Dieter Holmig bereitet sich indes auf den Start zu seiner Tour vor. Von sonntags 22 Uhr bis freitagnachmittags 14 bis 15 Uhr ist er unterwegs. Die technischen Helfer betrachtet er unter dem Strich als positiv. „Vom Fahren selber her ist der Beruf leichter geworden, aber das ganze Umfeld ist schwieriger geworden“, sagt der Fernfahrer, der mit seiner Familie in Scheuen wohnt. Worauf führt er diesen Wandel zurück? Holmig hat die Antwort schnell parat: „Weil es immer mehr Lkw gibt!“