CELLE. 410 Gäste hatten gestern ihre Freude am traditionellen Fischessen der Altstädter Schützengilde in der Union. Dabei wurde erstmals in der Geschichte beim Kolkfischen am Nachmittag kein einziger Fisch gefangen. „Das lag wohl daran, dass ich zum ersten Mal nicht dabei war“, scherzt 1. Vorsteher Rainer Legall, Prominent besetzt war die Gästeliste, unter ihnen die Abgeordneten aus Bund und Land Kirsten Lühmann, Henning Otte, Thomas Adasch und Ernst-Ingolf Angermann und Vertreter aus Rat und heimischer Politik. Kaum im Amt, traf ihn auch das Glück des bis zum Schluss streng geheimen „Fisch-Redners“, Celles Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge.

  • Große Bildergalerie vom Fischessen, vom Kolkfischen und dem Fackelumzug in unserer Facebook-Ausgabe:

„ACHTUNG SATIRE! ACHTUNG SATIRE! ACHTUNG SATIRE!…“ titelte der OB seine Rede, wohlwissend, dass so manches Zitat in der Presse verdreht und vom politischen Gegner ausgeschlachtet werden kann. An diesem Abend ist aber bekanntlich alles erlaubt und dass einst die Abwahl des ehemaligen Ministerpräsidenten David McAllister im Zusammenhang mit seiner ebenfalls launigen Fischrede steht, ist nur ein hartnäckiges Gerücht. Wenn diese auch mit Selbstironie nicht spart, sind wir als Presse mal ganz mutig, wenigstens ausschnittsweise zu zitieren:

Kolkfischen 16

„Muss man selbst der stinkende Kopf eines Fisches sein, um in den Genuss zu kommen, reden zu dürfen?“ fragt der OB. „Dabei muss man ja gar nicht so weit ausholen. Das Geschehen in unserer Stadt ist spannend genug und darf gelegentlich als Realsatire bezeichnet werden, zumindest wenn man sich in die Niederungen der Kommunalpolitik verirrt. Und da ich gerne den Blick nach vorne wage und wir zig Konzepte für Celle 2030 tief in den Schubladen haben, um sie dann 2030 herauszuholen, schauen wir doch einfach mal in die Zukunft.

Zunächst die bundespolitische Ebene: Zum Präsidenten unserer beschaulichen Republik ist mit großer Mehrheit Lukas Podolski gewählt worden. Bundesbauminister Jungspund hat umfassende gesetzliche Regelungen zu Kreiseln erlassen. Diese müssen jetzt neben Fußgängerüberwegen noch Ampeln nachweisen. Die Verengung auf eine Fahrbahn darf nur noch von mindestens drei Fahrbahnen erfolgen. Zusätzlich sind Kommunen angehalten, Kreisel als Spielstraßen auszuweisen. Blindenleitsysteme werden durch persönliche Kreisellotsen ergänzt. Die Überwege werden mit Schranken ausgestattet.

  • Celle ist schwarz und wird es immer bleiben und die nicht schwarz sind, ärgern sich schwarz

In Celle jedoch ist die Welt noch in Ordnung: ;Wie Sie an den eindrucksvollen Kostümen der hier Anwesenden leicht erkennen können, befinden wir uns nicht nur im Jahr 2030, sondern haben in Celle auch endlich wieder ein Fürstentum eingeführt. Das hängt auch damit zusammen, dass die Wahlzeit des amtierenden OB auf einem Missverständnis beruht. Die Wahl galt nicht für 9,5 Jahre sondern bis zum Alter des OB von 95. Begründung des von der CDU engagierten Beraters: Celle ist schwarz und wird es immer bleiben und selbst die nicht schwarz sind, ärgern sich schwarz, sind also auch wieder schwarz.

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Ratsmitglied Hörstfrauchen fordert den Bau eines großen kostenfreien Parkplatzes zwischen Schuhstr und Großer Plan für insgesamt 2500 Autos. Begründung: Das letzte noch existierende Geschäft in der Altstadt muss erreichbar sein. Das besagte Nagelstudio mit angeschlossenem Süßwarenverkauf allerdings fürchtet zu hohen Publikumsverkehr in der einen Stunde, die sie am Tag noch offen haben und stellt sich offen gegen den Plan.

Ratsmitglied Schups hat aus lauter Verzweiflung über die Tatenlosigkeit der Verwaltung in Sachen Ortsumgehung angefangen, mit einer kleinen Anhängerschar von Irregeleiteten einen Tunnel zu buddeln und so die Fledermäuse zu umgehen. Die von ihm und seiner Partei gewünschte Überdachung der gesamten Altstadt zur Schaffung einer Einkaufszentrumsatmosphäre scheitert unerklärlicherweise an der Beteiligung des Einzelhandels, wobei das Wort Einzelhandel hier in Celle eine ganz neue Bedeutung gewonnen hat, siehe oben.

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Die Celler Verwaltung konnte sich als Kompetenzzentrum mit überregionaler Beachtung für Kreisel etablieren. Bundesweit nimmt man sich an Celler Kreiseln ein Beispiel daran wie man es nicht macht. Der OB, der dazu mit stolzgeschwellter Brust ein Interview mit RTL 2 führt, äußert sich wie folgt: Die Resonanz auf unsere verkehrsplanerischen Fähigkeiten außerhalb der Stadt ist so groß, dass ich die ständige Nörgelei der Celler Bürger satt habe. Die Verkehrsprobleme am Kreisel kommen nun einmal zustande, wenn auf der A9 bei Nürnberg Stau ist…

Der OB hat sich mit Investoren auf verlässliche Service Levels geeinigt. So sind Baugenehmigungen beispielsweise nun bereits nach höchstens vier Jahren zu erteilen. Der Denkmalschutz ist von seiner rigiden Vorgehensweise abgewichen und sucht pragmatische Lösungen. Nach Vorbild von Gunther von Hagens werden denkmalgeschützte Häuser sanierungsunwilliger Bürger mittlerweile plastiniert.

  • „Celler Bahnhof mit roten Laternen und blinkenden Herzen – die Bahnhofsmission mit anderer Mission“

Die Verträge des Cramer Markt liegen fast unterschriftsreif vor. Um noch schneller zu sein, hat man sich darauf geeinigt statt des Marktes einen Gemüsestand aufzubauen. Man geht von der Eröffnung 2035 aus, sofern alles glatt läuft.

Fackelumzug 32

Sporthallen werden mittlerweile nach Anzahl der Vereine konzipiert. Um den Vereinen wenigstens ein bisschen entgegen zu kommen, haben alle 84 Hallen jeweils einen städtischen Hausmeister sowie ein Rundum Sorglospaket samt Reinigung, Versicherungen etc. für 4,99 Euro im Jahr erhalten. Die Höhe der Summe wird ausgiebig über fünf Sitzungen im Rat diskutiert.

Der Bahnhof hat zur Stärkung der Gewerbesteuereinnahmen eine Zweckerweiterung erfahren. Aufgrund der bereits vorhandenen sehr raffinierten Leuchtinfrastruktur an der Fassade des Gebäudes hat ein findiger Geschäftsmann rote Laternen und blinkende Herzen hinzugefügt und die Bahnhofsmission einer ganz anderen Mission unterworfen.
Das Verkehrsaufkommen ist seitdem stark gestiegen, eine Verbundkarte gibt es leider immer noch nicht, dafür aber eine Zehnerkarte.

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Die Granden der SPD diskutieren nach wie vor über die ersten 100 Tage des OB und sind nach wie vor überzeugt, dass der Chef im Rathaus eine absolute Fehlbesetzung sei. Fundiert argumentieren sie damit, dass sie dieses Gefühl der Fehlbesetzung einfach immer wieder beschleiche und sie gar nichts dagegen tun könnten.

Und die Medien? Die Medien nehmen ihre Rolle als sachliches, neutrales, objektives, unbeeinflusstes, ausgleichendes, aufklärerisches, interessenloses und moderierendes Instrumentarium der Demokratie wahr und schreiben ihre eigenen Geschichten und ihre eigenen Wahrheiten über eben berichtetes. Und das ist auch gut so.
Obwohl…nein, lassen wir das!“

Und damit endet der Ausblick in das ferne Jahr 2030. „Jegliche Übereinstimmungen mit lebenden Personen müssen als bedauerliche Zufälle eingeordnet werden“, betont Nigge abschließend. Er kann nun wirklich nichts dafür, dass die Medien eigene Geschichten und Wahrheiten erfinden – Regressforderungen zwecklos.

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