Nächstes Mal ohne Stühle: Martin Connell & The True Dramatics überzeugen in der CD Kaserne

Musik Von Extern | am Di., 04.02.2020 - 14:31

CELLE. Die Bühne ist kaum ausgeleuchtet. Es beginnt mit Slide-Gitarre, keine Akkorde, nur Melodie. Dann setzt der Gesang von Martin Connell ein, später begleitet von Hintergrundakkorden auf dem Keyboard. Allein die Stimme trägt den Eröffnungssong. Die Stimme kennt man! Woran erinnert sie noch? Nein, es ist nicht der Versuch, so zu klingen wie jemand anderes. Es ist die Stimme von Martin Connell. Martin Connell klingt wie Martin Connell. Er hat eine eigene Stimme. Und sie trägt durch das gesamte Konzert. Er ließ sich in den Texten als Gesangscoach ankündigen und trifft damit die Erwartungen voll und ganz. Die Stimme trägt alle Songs, Eigenkompositionen wie Cover-Versionen.

Die Eröffnung ist gut inszeniert. Stück für Stück wird die Bühne ausgeleuchtet. Die drei Background-Sängerinnen erscheinen im Licht, wenn sie zum Gesang anheben – ebenso wie der Schlagzeuger, der mit wohlig-dumpfer Bass Drum die Akustik der CD-Kaserne voll ausnutzt und erst sichtbar wird, wenn er anfängt zu spielen. Der Gitarrist springt agil auf die Bühne und man verzeiht ihm auch, dass er zu Klassikergitarrenpose tendiert und fast immerzu ein Bein auf der Monitorbox hat. In der zweiten Hälfte wird er noch durch einen bescheideneren Gitarristen ergänzt, der ebenso versiert spielt und weniger zu dramatischen Gesten tendiert. Klar: Das sind ja auch die True Dramatics, da darf man mit Gitarrengesten auch etwas zu wahrer Dramatik neigen. 

Martin Connell & The True Dramatics stellen ihr neues Album vor. Es gibt sehr sympathische Ansagen von Bandleader Martin Connell, der mit seiner Nervosität etwas zu viel kokettiert und durch seine Authentizität besticht. Hier sind Profis am Werk, die versiert ihre Eigenkompositionen vorstellen, sich über die ausverkaufte Halle freuen und mit dem Publikum zu feiern verstehen. Es geht von Folk über Soul und Classic Rock zurück zu Folk. Ein breites Genre.

Die zweite Hälfte wird mit zwei Blues-Brothers-Versionen begonnen. Die Halle tobt. Martin Connell ist mit seinen irischen Wurzeln auch englischer Muttersprachler und beginnt mit irrem Tempo die Originalansage von „Everybody needs somebody“. Nicht nur stimmlich, auch optisch unterscheidet ihn in der klassischen Verkleidung mit schwarzem Anzug, schwarzer Krawatte, schwarzem Hut und weißem Hemd nur wenig vom Original-Blues Brother John Belushi. In der zweiten Hälfte treten zahlreiche der angekündigten „Special Guests“ auf.

Der Blues Brother Counterpart wird von einem Gast übernommen, der – ebenso wie Dan Aykroyd, der zweite im Duo der Blues Brothers – Mundharmonika zu spielen weiß. Nach der Blues Brothers-Nummer ist die Halle angeheizt. Nächstes Mal besser die Stühle raus aus der Halle, wird vorgeschlagen. Der Gitarrist spielt und singt zum Übergang „She“ von Greenday, das in der Begleitung des Bläsersatzes zu einer Ska-Version arrangiert wird. Danach geht es weiter mit „Special Guests“. Die Gäste werden vom Bandleader stets warmherzig begrüßt, eingerahmt in Anekdoten, wie man sich kennenlernte. Die Anekdote, wie Martin Connell nackt im Hotelflur aus einem Fenster kotzte, wird leider nur angekündigt und nicht weiter erzählt, was vielleicht besser so ist.

In Gitarrenakustik ohne weitere Begleitung kommt Lagerfeuerstimmung auf. Die weiteren Coverversionen mit der Band erhalten im zweiten Set stets eine eigene Note, insbesondere wie schon bei den Eigenkompositionen durch Mandoline und Akkordeon. „Beating around the bush“ von AC/DC beginnt mit einem Duell zwischen Akkordeon und Gitarre. Man möchte AC/DC danach eigentlich nur noch mit Akkordeon hören. Die Backgroundsängerinnen dürfen mit ihrer Version von „Proud Mary“ in den Vordergrund treten. Martin Connell überlässt ihnen generös die Bühne, übernimmt selbst nicht die stimmliche Begleitung von Ike Turner, die man aus der Version von Ike&Tina Turner kennt. Hier wird miteinander und nicht im Wettstreit musiziert. 

Connell beendet das Konzert mit einer umfassenden Danksagung an Freunde und Förderer und schließt mit einer ganz eigenen Version von „I’m on fire“, dem Bruce Springsteen-Klassiker. Allein, nur seine Gitarre und seine Stimme. Die Obertöne überlässt er dem Publikum, das zwischen den Strophen sofort einsetzt, bevor Connell wieder übernimmt. Und so trägt seine einzigartige Stimme aus dem Abend. Man freut sich auf das nächste Konzert, hoffentlich dann ohne Stühle.

Text: Nils Bernstein