Mediziner-Netzwerk fordert: "Irreführende Corona-Statistiken beenden"

Medizin Von Peter Fehlhaber | am So., 20.09.2020 - 20:17

BERLIN. Das Mediziner-Netzwerk EbM kritisiert die Corona-Berichterstattung der Medien. Auch der Virologe Hendrik Streeck rät, nicht nur auf die reinen Infektionszahlen zu schauen. "Die mediale Berichterstattung sollte unbedingt die von uns geforderten Kriterien einer evidenzbasierten Risikokommunikation beherzigen und die irreführenden Meldungen von Absolutzahlen ohne Bezugsgröße beenden", so die Experten der anerkannten wissenschaftliche Fachgesellschaft der Medizin. 

"Die höchste Infektionszahl seit..." tönt es jeden Morgen in allen Nachrichten. Regelmäßig wird ignoriert, dass beispielsweise "seit April" kein Bezugspunkt ist, weil die Menge der Testungen nicht vergleichbar ist. Im Zahlenüberblick wird auch nicht erwähnt, wieviele der positiv Getesteten überhaupt Symptome zeigen oder ernsthaft erkranken. Abschließend werden die insgesamt während des gesamten Jahres mutmaßlich an Corona gestorbenen Fälle genannt. Der gelegentliche Abschlusssatz, so aktuell, "das sind drei Tote mehr als gestern" geht in der Meldung unter.

"Wer eine Stunde Blaubeeren erntet, erhält 1 Kilo. Wer zehn Stunden erntet, 10 Kilo."

Unberücksichtigt bleibt auch, was beim Zuhörer bzw. Zuschauer während des morgendlichen Zähneputzens oder Frühstücks als Empfänger ankommt. Bei dem Wust an Zahlen bleibt einem kaum eine Chance, seriös zu differenzieren. Drei- bis vierstellige "Neu-Infektionen" werden nicht selten als tatsächliche Krankheits- oder gar Todesfälle interpretiert - die Panik wird geschürt von sofortigen Quarantäne-Erlässen der Verantwortlichen, sobald sich auch nur eine Person infiziert hat. Dabei sind die falschen "positiven Testungen" noch nicht berücksichtigt, einige tausend Menschen fälschlicherweise ihrer "Freiheit beraubt worden". 

Die Kritik des EbM-Netzwerks ist entsprechend. Es bemängelt "irreführende Darstellungen in den Medien" und "absurde Informationen" in "missverständlichen Ranglisten". Auch die sogenannten Leitmedien nutzen "lediglich Fallzahlen ohne Bezugsgrößen." Es werde nicht zwischen Testergebnissen, Diagnosen, Infektionen und Erkrankungen differenziert. "Je mehr getestet wird, umso häufiger finden sich auch richtig oder falsch positiv getestete Personen", so die Autoren. Um es vereinfacht darzustellen: Erntet man eine Stunde lang Blaubeeren, bekommt man 1 Kilo. Erntet man zehn Stunden, entsprechend 10 Kilo.

Kaum Anstieg der Todeszahlen, irreführende "Ranglisten"

Zwar steige die Zahl der positiv getesteten Menschen in Deutschland und Europa vor allem durch mehr Tests naturgemäß an an. "Gleichzeitig sehen wir aber kaum einen Anstieg der Todeszahlen", zitiert das ZDF den Virologen Hendrik Streeck.

Ein weiterer Kritikpunkt des EbM-Netzwerks: Die "Ranglisten" von Fällen für einzelne Regionen ohne Bezugsgrößen zur Einwohnerzahl. Diese Zahlen seien ebenfalls "irreführend und müssten in Bezug auf konstante Referenzgrößen gesetzt werden," fordert das Netzwerk. 

Was weiterhin wohl auf ewig ungeklärt bleiben wird: Wie viele der mutmaßlichen "Corona-Toten" sind tatsächlich am Virus gestorben? Zu den ersten Fällen z. B. in Celle zählt eine Seniorin, die die Treppe hinunterstürzte und sich tödlich verletzte. Landrat Klaus Wiswe stellte in seiner Corona-Bilanz bereits Ende Juni entsprechend fest: "Sie sind mit Corona gestorben und nicht an Corona."

Zuverlässige Zahlen von jenen, die weder an noch mit, sondern wegen Corona gestorben sind, werden ebenso wenig erhoben wie jene, die durch die Maßnahmen gesundheitliche, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Einbußen erleiden. 

*Das "Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V." wurde 1998 gegründet und ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft, die sich mit evidenzbasierter Medizin beschäftigt. Die Organisation hat etwa 1.000 Mitglieder aus allen Bereichen des Gesundheitswesens. Die gesamte Stellungnahme finden Sie unzensiert unter diesem Artikel zum Download. 

*Auch die Landkreise unserer Regionalausgaben melden täglich die mutmaßlichen Fallzahlen. Wir von der LOKALHEUTE-Gruppe halten aus o.g. Gründen an der Entscheidung fest, diese so nicht zu verbreiten (siehe Artikel vom 12.4.2020).

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