„Schwalbenflüsterer“ feiern kleinen Sieg für die Artenvielfalt

Umwelt Von Anke Schlicht | am Mi., 24.06.2020 - 19:52

WINSEN. „Dann sind die Schwalben eben weg“, war hier und da in Winsen zu hören, als die Entscheidung für den Abriss der früheren Winser Hauptschule endgültig gefallen war, um einem neuen Aldi-Markt Platz zu machen. Eine Mehlschwalbenkolonie hatte den Dachvorsprung des alten Unterrichtsgebäudes alle Jahre wieder zu ihrem Sommerquartier erkoren. Bei Heiner Lammers von der BUND-Kreisgruppe läuteten die Alarmglocken, als zudem etliche Nester vor Rückkehr der Zugvögel von Unbekannten zerstört wurden. „Mehlschwalben sind absolut standorttreu, über Jahrzehnte gehen sie an dieselbe Stelle, nicht rechts und nicht links davon“, berichtet der Bannetzer. Mit Uwe Vahldieck von der BUND-Kreisgruppe Hannover zog Lammers einen ausgewiesenen Experten zu Rate. Er ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Mauersegler und Co“. „Eine Umsiedlung von Gebäudebrütern ist überaus schwierig“, erläutert Vahldieck.

Sowohl die Gemeinde Winsen als auch die Verantwortlichen der Aldi-Zentrale hatten von Beginn der Neubaupläne an eine Ausgleichsmaßnahme für den Verlust der Brutstätten vorgesehen. Sie war im Bebauungsplan festgeschrieben. Ein Schwalbenturm sollte auf dem Gelände an der Alten Celler Heerstraße errichtet werden. „In Deutschland gibt es 650 bis 700 Schwalbentürme, doch weniger als ein Viertel davon wurde angenommen, in Holland sind es sogar nur 17 Prozent“, macht der Experte klar, wie schwierig Hilfestellungen für die Vogelart von außen sind. Mehlschwalben gehören zu den besonders geschützten Tieren, sie stehen auf der Roten Liste, ihre Bestände gehen kontinuierlich zurück. Wer ist schuld? „Wir Menschen natürlich“, sagt Vahldieck. Sie benötigen lehmiges feuchtes Material für ihren Nestbau, „doch Schlammpfützen gibt es aufgrund der Flächen-Versiegelung immer weniger. Und sie leiden unter dem Insektenschwund, der für sie weniger Nahrung bedeutet. „Die leben vom Luftplankton, wiegen nur 20 Gramm und legen als Zugvögel ca. 10.000 Kilometer zweimal im Jahr zurück“, erzählt der Hannoveraner. Sie sind Koloniebrüter und überwintern südlich der Sahara. Ganzjährig sind ihre Nester geschützt, viele Hausbesitzer zerstören sie, denn die kleinen Luftakrobaten verschmutzen mit ihrem Kot Wände, Fensterabsätze und Böden. Ein weiterer Grund für ihren Rückgang. Dabei ist ihre Lebenserwartung ohnehin gering. „Sie leben im Schnitt nur zwei Jahre, von zehn Jungen, die in Deutschland aufgezogen werden, kehren lediglich drei bis sechs im nächsten Jahr zurück“, führt der Naturschützer einen Grund nach dem anderen an, weshalb es sich so sehr gelohnt hat, für den Erhalt der Winser Aldi-Kolonie zu kämpfen.

Da Mehlschwalben ausgesprochen eigen sind, brauchte es ein wenig List und Tücke, um ihnen ihr Domizil zu erhalten. „Das Problem ist, die Schwalben richtig zu verstehen“, betont Vahldieck. Ein freier Anflug ist wichtig, die Höhe des Gebäudes muss der des gewohnten Ortes entsprechen, nennt er zwei Beispiele. Die Annahmequote bei Kunstnestern ist sehr gering. Aber es blieb den beiden „Schwalbenflüsterern“, Heiner Lammers und Uwe Vahldieck, keine Wahl. „Wir mussten, solange die alte Schule noch stand, die verbliebenen Natur- durch Kunstnester ergänzen, damit sie die Nisthilfen kennenlernen“, blickt Lammers auf den ersten von insgesamt drei Schritten der Umsiedlung zurück. Sehr oft ignorieren sie die angebotenen Brutstätten, eine Lockrufanlage wird als Hilfestellung installiert. „Sobald einer aus der Kolonie einen Blick in das künstliche Nest geworfen hat, ist der Bann gebrochen, das spricht sich rum“, berichtet Vahldieck lachend. Und genau so trat es auf dem Winser Abbruchgelände ein: Die Mehlschwalben nahmen die Kunstnester an. „Im vergangenen Oktober haben wir diese dann wieder abgebaut“, erzählt Lammers. Nun musste dafür gesorgt werden, dass die Vögel im April nach ihrer Rückkehr aus dem Süden eine Wand vorfinden, denn der Abriss wurde im Frühjahr umgesetzt. Und, sich allein auf den Turm zu verlassen, war für beide Naturliebhaber vor dem Hintergrund der geringen Akzeptanzquote keine Option.

„Die Zusammenarbeit sowohl mit Aldi als auch mit der Gemeinde lief sehr gut“, sagt Vahldieck, und so stellte es nicht das geringste Problem dar, von der Kommunalverwaltung die Genehmigung zu erhalten, um an der Vorderseite der benachbarten Haesler-Schule mehr als ein Dutzend Kunstnester kombiniert mit einer Lockrufanlage zu installieren. Das Gebäude bringt laut dem Experten-Duo optimale Voraussetzungen mit: „Es hat die gleiche Höhe, die Richtung stimmt“. Parallel brachte sich Uwe Vahldieck über Monate aktiv in die Vorbereitungen für die Errichtung des Schwalbenturmes ein. Auch für diesen dritten Schritt erhielt er optimale Unterstützung, eine Straßenlaterne wurde zum Beispiel versetzt, es entstanden Mehrkosten, weder Aldi noch die Gemeinde sträubten sich gegen Vorschläge von Seiten der Naturkenner zum Wohle der bedrohten Vogelart. Rund 40 Kunstnester sieht der 6,5 Meter hohe Turm vor, eine Lockrufanlage beherbergt er ebenfalls.

Ende April kehrten die Winser Mehlschwalben aus ihrem Winterdomizil zurück, Lammers und Vahldieck konnten ihre Nervosität nicht verhehlen, würden die mehr als tausend Stunden, die sie in das Projekt investiert haben, von Erfolg gekrönt sein? Mit einem klaren Ja kann diese Frage mittlerweile beantwortet werden. Wer den Blick in diesen Juni-Tagen an der Alten Celler Heerstraße gen Himmel richtet, wird Zeuge eines munteren Treibens. Die Haesler-Wand wurde angenommen, der Turm ließ zunächst auf sich warten. „Doch vor vierzehn Tagen war es so weit“, berichtet Vahldieck, „das war wie ein Sechser im Lotto, die Nester wurden angeflogen“. Sowohl im Turm als auch an der Wand sind mehr als zehn Behausungen bewohnt.

Die Freude bei Heiner Lammers und Uwe Vahldieck ist riesig. Ein gelungenes Projekt, das beste Voraussetzungen in sich birgt, ein gutes Omen für den Ort zu sein, denn zum Schluss der kleinen Präsentation erzählt der Vogelexperte aus Leidenschaft, Uwe Vahldieck: „Früher galten Mehlschwalben nicht nur als Frühlingsboten, sondern auch als Glücksbringer!“