Hightech in der Heide – Minister Althusmann eröffnet Teststrecke in Jeversen

Verkehr Von Anke Schlicht | am Mo., 24.08.2020 - 23:21

WIETZE. Die Gelegenheit, Politiker in einem 40-Tonner anzutreffen, ist ohnehin schon selten - die Fahrzeuge für politische Vertreter sind in der Regel schwarz, schnittig und elegant. Einen Minister in einem LKW sitzen zu sehen, der mit 80 km/h auf ein stehendes Ziel zusteuert, dürfte jedoch ein Novum sein. Bernd Althusmann ließ es sich nicht nehmen, seinen Redepart anlässlich der Eröffnung der neuen Teststrecke für automatische Bremssysteme in Jeversen durch einen aktiven Beitrag zu ergänzen. Der niedersächsische Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung setzte sich am Montagabend auf den Beifahrersitz eines Nutzfahrzeuges mit Radarsensor und vertraute darauf, dass die zuvor mündlich dargebotenen Lobeshymnen auf die innovative Technik den Praxistest bestehen. Der Koloss kommt rechtzeitig vor dem simulierten Stauende zum Stehen ohne Zutun des Fahrers, unversehrt entsteigt der Minister dem Führerhaus.

„Mobilität ist eines der entscheidenden Themen der Zukunft, wir müssen hier mutig voranschreiten“, hatte Althusmann in seiner Ansprache vor zahlreichen Repräsentanten der Firma WABCO/ZF und den Bundestags- und Landtagsabgeordneten Kirsten Lühmann, Henning Otte, Jörg Bode, Jörn Schepelmann, Thomas Adasch sowie Kommunalpolitikern betont. Erst Ende Mai ist der US-amerikanische Hersteller von elektronischen Bremssystemen WABCO von einem der größten Autozulieferer weltweit, der ZF Friedrichshafen AG, übernommen worden. Die Firma mit Hauptsitz in Michigan und Bern bleibt jedoch ein eigenständiger Zweig innerhalb der ZF-AG. Schon 1884 eröffnete WABCO eine deutsche Niederlassung, als Standort wählte sie Hannover. Dort ist sie noch heute ansässig, eine Teststrecke zur Erprobung der Autozubehör-Produkte unterhält sie seit 1994 in Jeversen. Nun ist eine zweite hinzugekommen. Als „ein Stück Hightech in der Heide“, bezeichnet der ZF-Geschäftsführer, Alexander Rohde, die 3,6 km lange, oval geformte Bahn ohne Steilkurven. „Es geht darum, die üblichen Szenarien auf Autobahnen abzubilden“, erläutert der Senior Vize-Präsident für den Bereich Ingenieurwesen, Dr. Christian Brenneke, „um zu validieren und zu testen“. Zweieinhalb Tausend Ingenieure seien im Einsatz, um neue Mobilitätstechnologien, in erster Linie für Nutzfahrzeuge, zu entwickeln. Vor zwei Jahren wurde die Firmenphilosophie laut ZF-Vorstandsmitglied, Wilhelm Rehm, neu definiert, „Next Generation Mobility“ lautet mittlerweile das Credo. Voraussetzung für deren unfallfreien Einsatz sind bestmögliche Testbahnen. Die zwei km lange, mit Steilkurven ausgestattete Strecke aus dem Jahr 1994 reichte nicht mehr aus. Sie musste erweitert werden. Von der Planung, dem Kauf des 60.000 qm großen Geländes über das Genehmigungsverfahren bis zum ersten Spatenstich im März 2019 vergingen nur drei Jahre. Geschäftsführer Rohde dankt sowohl Otte und Lühmann als auch den Vertretern des Landkreises sowie den Landespolitikern für ihre Hilfestellung zu einer „Vision von Mobilität im 21. Jahrhundert“, wie Bernd Althusmann es in seiner Rede nennt. Der kleine Ort Jeversen steuert etwas dazu bei, was den Bürgermeister der Gemeinde Wietze durchaus ein wenig stolz macht. Am Rande der kleinen Vorführschau mit Minister sagt Wolfgang Klußmann: „Ich finde es interessant und großartig, dass wir der Standort einer High-Tech-Anlage sind und als Gemeinde dazu beitragen, dass Unfallszenarien auf Autobahnen in Zukunft der Vergangenheit angehören werden.“