„Beim Bund dauert mir alles zu lange“ – Ministerin Otte-Kinast beim CDU-Neujahrsempfang in Hambühren

Politik Von Anke Schlicht | am So., 12.01.2020 - 11:16

OVELGÖNNE. Sie dürfte sich schon jetzt in den Rückschauen auf das laufende Jahr einen festen Platz gesichert haben – und die neue Form der gemeinschaftlichen Ausflugsfahrten mit Trecker ist variabel einsetzbar. Rückten die Schlepperkolonnen der Landwirte vor einer Woche beim Treffen der Kreisverbands-CDU in Nienhof noch als Protestzug an, erschienen sie am Samstag in Ovelgönne anlässlich des Neujahrsempfangs der CDU Hambühren in anderer Mission vor dem Rathaus: „Es soll ihr den Rücken stärken, zeigen, dass wir hinter ihr stehen“, erläutert Landwirt Markus Santelmann, der zu einem der rund 160 Traktoren, die den Straßenrand säumen, gehört. 

Als Sympathieträgerin hatte der Landtagsabgeordnete Thomas Adasch die niedersächsische Landwirtschaftsministerin und Gastrednerin des Empfangs, Barbara Otte-Kinast, in seinem Grußwort bezeichnet. Ein Gespräch mit einigen der jungen Bauern belegt, dass er mit dieser Aussage richtig liegt. „Sie redet mit uns, ihr Vorgänger hat das nicht getan“, lobt Kai Schöndube-Wietfeldt die Ministerin. Diese war bis 2017 eine Kollegin. „Im Jahr 2000 haben wir unseren Milchhof umgebaut“, berichtet Otte-Kinast, bevor sie sich der Zukunft zuwendet, zunächst jedoch dem Schlepperspalier eine weitere Variante hinzufügt: „Die Schlepperdemos haben gezeigt, wie groß die Verzweiflung auf den Höfen ist“. 2020 werde das Jahr der Entscheidungen, es stünden nie erlebte Umstrukturierungsprozesse an.

Welcher Natur diese sein werden, möchte die Politikerin abhängig machen von den Verbrauchern: „Welche Landwirtschaft ist gewollt? Die Zukunft ist auch eine Gesellschaftsfrage, ich habe mir einen Gesellschaftsvertrag zum Ziel gesetzt.“ Die Erwartungen an das Tierwohl seien ihrer Erfahrung nach „sehr, sehr hoch“. Der Ansehens- und Akzeptanzverlust des Agrarwesens sei eng verknüpft mit der Nutztierhaltung. 
Auf der anderen Seite gebe es den enormen wirtschaftlichen Druck, es passe alles nicht zusammen. „Wir müssen einen Plan B für die Bauern entwickeln. Beim Bund dauert mir das alles zu lange“, sagt die Landesministerin, nachdem sie zuvor auf die aktuelle EU-Agrarreform sowie das Agieren der niedersächsischen Landwirtschaft im globalen Umfang hingewiesen hatte. „Wir müssen 2020 nach vorne denken, Visionen entwickeln“, macht Otte-Kinast deutlich, dass Lösungen für eine Umgestaltung noch nicht auf dem Tisch liegen.

Sicher sei hingegen, dass die enormen Herausforderungen Geld kosten. Und dieses könne nicht von den Höfen kommen. „Wir brauchen tragfähige Finanzierungsmodelle, mehr Tierwohl, mehr Umweltschutz und Klima kosten nun mal Geld“. Auf dieses sowie die vielfältigen Ausdrucksformen der Bauern für ihren Protest kommt sie in ihrer Ansprache immer wieder zurück. Die Sorge, die Bewegung könne sich spalten, treibt sie ebenso um wie der raue Ton in den sozialen Netzwerken. Auf manchem Mahnfeuer wurde ihrer Wahrnehmung nach nur Öl ins Feuer gegossen, auch mit dem christlichen Symbol auf Feld und Wiese hat sie zunächst gehadert, doch nun ihren Frieden damit gemacht: „Die grünen Kreuze stehen für Hoffnung!“