FASSBERG. Das „Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus“ meldet sich jetzt mit einer Stellungsnahme zur Zukunft der mit einem Hakenkreuz versehenen Faßberger Kirchenglocke zu Wort.

„Eine Glocke kann man abhängen, einschmelzen, ersetzen, als Mahnung und Warnung benutzen oder auch ins Museum stellen. Der Faßberger Kirchenvorstand und seine Kirchengemeinde haben sich entschieden; die Kirchenglocke mit dem Luftwaffenadler und dem Hakenkreuz wieder in Betrieb zu nehmen. – Eine problematische Entscheidung!

Andere, ähnlich betroffene Gemeinden, wie in Schweringen oder Herxheim nehmen sich Zeit für die Entscheidungen, versuchen einen öffentlichen Dialog her zu stellen. Was haben also die Faßberger zu verlieren? Was ist hier anders? Mit der offiziellen Bekanntgabe eines Hakenkreuzes auf der Faßberger Kirchturmglocke wird dieses Problem doch zu einem Öffentlichen. Wir glauben nicht, dass in dieser Frage ein Kirchenvorstand oder eine Kirchengemeinde das alleinige Recht besitzt, über deren Nutzung zu bestimmen.

Der Standpunkt des „Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus“ ist eindeutig! Wir als „Netzwerk“ sind entschieden gegen eine Weiterbenutzung und halten eine solcherart „kontaminierte“ Kirchenglocke für nicht mehr tragbar – innerkirchlich genauso wie in einer nicht kirchlichen Umgebung! Die Symbolik an dieser Glocke steht für finsterste Unmenschlichkeit, Rassenwahn und Ausrottung; ist historisch einmalig und bis heute von absolut mahnender Bedeutung.

Die beiden Kirchen im damaligen Deutschland standen fest zum Nationalsozialismus und unterstützten ohne größeren Widerstand Rassismus, Antisemitismus und die Verfolgung aller „unliebsamen“ Teile der Bevölkerung. Dafür wurden zentrale Aussagen ihres Glaubensbekenntnisses umgedeutet, geopfert und in den Dienst der Nazis gestellt.

Und so betrachtet ist diese Glocke auch kein Sinnbild für ein „irregeleitetes Volk“, sondern Ausdruck einer mehr oder weniger wohlwollenden Teilhabe seiner Bürger an der Naziherrschaft durch tätige Mithilfe oder „gnädigem“ darüber hinweg Sehen. Da helfen auch keine „Buße“, noch irgendeine Form der „Vergebung“. Diese Glocke ist eine „Täterglocke“ und als solche – in einer Zeit, in der nationales und nationalsozialistisches Gedankengut wieder auf dem Vormarsch sind – untragbar und unzumutbar.

Gefordert war nach dem Krieg also:

„… Ein einfaches, klares Wort aller deutschen Kirchenführer zu ihrer Mitschuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus“.

Um den hilfsbereiten Kräften in der Ökumene entgegenzukommen, sollten sie öffentlich erklären:

die Zustimmung des deutschen Volkes zur Politik Hitlers sei ein Irrweg gewesen,
die gegenwärtigen Nöte Deutschlands und Europas seien eine Folge dieses Irrtums,
die deutsche evangelische Kirche habe sich durch falsches Reden und falsches Schweigen an diesem Irrtum mitverantwortlich gemacht. (K.Barth an M. Niemöller in: Wikipedia, zum Stuttgarter Schuldbekenntnis 10/1945)

Diese klare Ansage wäre auch in der heutigen Debatte gefragt. Statt dessen eine ‚problematische‘ Aufarbeitung der Nazi-Geschichte und ein unzureichendes Fazit: ‚Auf diese Weise können wir mit der Gemeinde Faßberg und auch mit Besuchern unserer Kirche immer wieder den Weg von Unrecht über Buße und Vergebung, von Irreleitung unseres Volkes über Aufarbeitung und Neuausrichtung begehen.‘ (Pastor Blümcke)

Nicht genug, wie wir finden: Wo gab und gibt es Diskussionen über Kriegsschuld, NSDAP-Zugehörigkeiten, Verantwortlichkeit der Bevölkerung, Aufrechnung, Abrechnung in und um den Ort Faßberg? Auch die einschlägigen Chroniken und Kirchenbroschüren halten sich sehr bedeckt, geht es um aktive oder passive Nazis oder die „Mitschuld“ der Wehrmacht.

War z.B.das Stuttgarter Schuldbekenntnis je ein Thema in der hiesigen Kirche? Oder ganz konkret: Wieso wird das Entfernen einer Glocke mit Hakenkreuz gleichgesetzt mit dem Abriss von halb Faßberg. Liebe Kirchenmitglieder, die so zustimmend beim „Erklärungsgottesdienst“ geklatscht haben: Das Eine ist ein symbolträchtiger „Gebrauchsgegenstand“. Das Andere eine Lebensnotwendigkeit – individuell gestaltet und unabhängig von politischen Zeitläufen.

Wichtiger wäre zu wissen, aus welchen Ziegeleien kamen die Steine, mit denen Faßberg und auch die Kirche erbaut wurden? – Vielleicht aus dem KZ Neuengamme? Es gibt darüber hinaus noch viele unbeantwortete Fragen, die zu einer „Aufarbeitung“ der Faßberger Geschichte beitragen würden. Nutzen wir also die angestoßene Diskussion über Faßbergs „Naziglocke“ und sorgen für einen angemessenen Umgang mit dem Thema Vergangenheit!“, schreibt Klaus Jordan für das Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus.

 

 

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