"Selbstbewusste Architektursprache" - Alt trifft Neu in der Kanzleistraße

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Fr., 27.03.2020 - 19:30

CELLE. Passanten gibt es derzeit Corona-bedingt nur wenige in der Celler Altstadt, aber ein Ausflug in die City lohnt sich. Denn der Eingang von der Hehlentorstraße kommend hat ein neues Gesicht erhalten. Die Lücke, die früher den Frauen der Ratsherren zwecks kostenloser Abstellung des Fahrzeugs diente, ist geschlossen. Die Fassade des Neubaus in der Kanzleistraße ist seit Anfang der Woche für alle zu bestaunen.

„Gibt es das auch in Schön?", lautet eine Reaktion. „Es muss ja nicht unbedingt Fachwerk sein, aber das wirkt doch wie von der Stange", eine andere. „Wie bekommt man dafür eine Genehmigung vom Denkmalschutz?", heißt es von dritter Seite. Den Autoren der Celler „architekturMEILE", Künstler und Haesler-Kenner, Dietrich Klatt, überraschen solche Reaktionen nicht. „Das ist noch radikaler als die Bauhauszeit", sagt er mit Blick auf die Kanzleistraße 12. Auch die Häuser im Stil des Neuen Bauens des Architekten Otto Haesler trafen in der Zeit ihrer Entstehung auf wenig Akzeptanz in der Bevölkerung. „Und hier handelt es sich um ein sehr mutiges und gelungenes Bekenntnis zu Bauten des 21. Jahrhunderts“, zeigt sich Klatt überaus beeindruckt von dem neuen Bestandteil des denkmalgeschützten Altstadtensembles, das im Auftrag des Projektentwicklers „Gessner und Raap“ errichtet wurde. Es umfasst eine Wohnfläche von insgesamt 725 Quadratmetern, die sich auf sechs Einheiten verteilen. „Alle Wohnungen wurden bereits vor Fertigstellung verkauft", teilt Mitarbeiterin Dörte Hoepfner mit. Auch das angrenzende Baudenkmal mit der Hausnummer 13 werde derzeit umgebaut und modernisiert.

Dieses und auch die weiteren Bauwerke in der Häuserzeile waren bestimmend für die Gestalt des jüngsten aller Celler Altstadtbewohner aus Holz und Stein. „Selbstverständlich hätte ein Gebäude mit ähnlichem Raumprogramm an einem anderen Standort anders ausgesehen“, betont der Architekt Dr.-Ing. Jürgen Otto, der für den Entwurf verantwortlich zeichnet, die Bedeutung des historischen Umfeldes. Auf den Laien wirkt das Erscheinungsbild, als habe es keinen Bezug zum bereits Bestehenden. Doch dem Kenner der Materie erschließt sich die harmonische Eingliederung. „Das fügt sich ein“, sagt der langjährige Vorsitzende des mittlerweile aufgelösten Kulturkreises Fachwerk, Dietrich Klages, „das ist kein Klotz, man findet unter anderem durch die senk- und waagerechte Strukturierung Elemente der vorhandenen Bausubstanz wieder“, zeigt sich auch Klages sehr angetan. Weder Klages noch Klatt kennen die Leitideen des Architekten, und doch stimmen die Aussagen der beiden Experten mit den Äußerungen von Jürgen Otto überein. „Mir gefällt, dass die Farbigkeit der Nachbargebäude aufgenommen wurde, die Fensterzeilen werden fortgeführt und die Fassadenhöhe wurde ‚runtergetreppt‘, da wurde ein Übergang geschaffen“, sagt Klages. Die Form des Daches und die Farbe der Ziegel sagen beiden Experten gleichermaßen zu.

„Die Kanzleistraße besteht aus Bauten, die ihre Zeit repräsentieren. Sie stammen alle aus unterschiedlichen Jahrhunderten“, erläutert Dietrich Klatt. Das Oberlandesgericht knüpft an die Renaissance an, die Ritterschaft an der Ecke zum Schlossplatz weist klassische Formen des Barocks auf, während der direkte Nachbar zur Linken des Neubaus erst aus dem Jahr 1907 stammt.

„In Form und Material ist es ganz deutlich der Jetztzeit zuzuordnen“, schildert Dietrich Klatt seinen Eindruck und trifft damit die Intention des Architekten, der für das Niedrigenergiehaus eine Tragkonstruktion aus Stahlbeton gewählt hat, die eine äußere Dämmschicht erforderlich machte, und die Fassade aus Naturstein gestaltete. Jürgen Otto bezeichnet sein Werk als zeitgemäße Reaktion auf das historische bauliche Umfeld. Abschließend sagt er: „Wir haben heute eine Vielzahl von Möglichkeiten der architektonischen Ausdrucksformen. Bei diesem Gebäude gibt es weder historisierende noch modische Anleihen, sondern eine aus der inhaltlichen Bauaufgabe entwickelte selbstbewusste Architektursprache.“ Dass diese anknüpft an das, was Ottos Kollegen vor Jahrhunderten ersannen, zeigt sein allerletzter Satz: „Wichtig war uns als Leitidee auch der Gedanke der ‚Zwische‘, die es erlaubt, auch weiterhin von der Kanzleistraße die Spitze der Stadtkirche zu sehen.“