BERGEN-BELSEN. Derzeit besucht mit Unterstützung des niedersächsischen Kultusministeriums und der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten eine Delegation aus der russischen Gulag-Gedenkstätte Perm-36 die Gedenkstätten Bergen-Belsen und Sandbostel. Direktorin Natalija Semakova und der Historiker Sergei Shevyrin informieren sich bei dem dreitägigen Besuch von Montag, dem 24. Juli bis Mittwoch, dem 27. Juli bei den niedersächsischen Kollegen über Ziele, Methoden und Inhalte der Gedenkstättenarbeit in Bergen-Belsen und Sandbostel.

Beide Gedenkorte haben einen engen inhaltlichen Bezug zu Russland: In den dortigen Kriegsgefangenen- und Konzentrationslagern starben während des Nationalsozialismus mehrere Zehntausend sowjetische Gefangene an den Folgen von Hunger, Krankheiten und Misshandlungen.

Die Gedenkstätte Perm-36 liegt in der Region Perm, die seit 1993 eine Partnerschaft mit dem Land Niedersachsen unterhält. Sie erinnert an das Arbeitslager Perm-36, das 1943 als Bestandteil des stalinistischen GULAG gegründet wurde und bis 1987 in Betrieb war. Es ist das einzige Gulag-Museum in Russland auf dem Gelände eines ehemaligen Lagers. Wie viele deutsche Gedenkstätten wurde Perm-36 im Rahmen bürgerschaftlichen Engagements nach dem Ende der Sowjetunion durch einen Verein gegründet und betrieben.

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten unterhielt bis 2014 enge Kontakte zur Gedenkstätte, deren Trägerverein der Menschenrechtsorganisation und Geschichtsinitiative Memorial nahestand. 2014 wurde die Gedenkstätte jedoch verstaatlicht. Wegen restaurativer Tendenzen in Perm 36 und wegen der zunehmend repressiven Haltung der russischen Regierung gegenüber der Organisation Memorial kamen die Kontakte zum Erliegen.

Mittlerweile haben sich die Debatten um die Ausrichtung der Gedenkstätte Perm-36 etwas beruhigt, und es ist sichergestellt, dass es keine Restalinisierung geben wird. Deshalb hat die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten die Kollegen aus Perm nun zum gemeinsamen Dialog nach Celle eingeladen. „Wir beobachten die Entwicklung in Perm-36 weiterhin kritisch-konstruktiv“, sagt Stiftungs-Geschäftsführer Dr. Jens-Christian Wagner, der im November zum Gegenbesuch in Perm erwartet wird: „Entscheidend ist der offene und wechselseitige Austausch über die Inhalte und Ziele der Gedenkstättenarbeit.“ Grundlagen der Gedenkstättenarbeit seien die Würdigung der Opfer, die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit und die Vermittlung eines kritischen Geschichtsbewusstseins.

Ein konkretes Ziel der Gespräche mit den russischen Kollegen ist es, gegenseitige Jugend- und Studierendenaustausche zu organisieren. Diese werden vermutlich bereits im kommenden Jahr starten und zum Ziel haben, wechselseitiges Verständnis zu wecken und sich vergleichend, aber nicht gleichsetzend mit den Repressionssystemen im nationalsozialistischen Deutschland und in der Sowjetunion auseinanderzusetzen.

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