Zum dritten Mal schickt die Celler Autorin Cornelia Sziget ihren „Detektiv wider Willen“ in die Ermittlungsarbeit. Durch Zufall ist Martin Spranger als Erster an einem Tatort in einem dem Abriss preisgegebenen Haus am Mölzer „Nordwall“. Gemeinsam mit Cord, einem Fotojournalisten, und Tina Theriak, die er bei seinem ersten Fall näher kennengelernt hat, macht er sich auf die Suche nach Motiv und Mörder. Die Recherchen laufen parallel zu denen der Polizei. Und dort hat ein Neuer das Ruder übernommen: Kriminalhauptkommissar Herbst, ein Mann mit Eigensinn, der gerade deshalb auch in den eigenen Reihen um Anerkennung kämpfen muss.

Sziget_Herbst_CoverWie immer in Cornelia Szigets Regionalkrimis ist „Mölze“, wie Fritz Graßhoff Celle in seinem „Blauen Heinrich“ nannte, nicht nur Schauplatz, sondern bietet auch den Anlass zu bissigen Kommentierungen unterschiedlicher Stadtgesprächsthemen. Ein kleiner Block mit Fotos von Karl Thun stellt zudem die dem Abriss preisgegebenen Häuser am Nordwall in ein architektonisch reizvolles Licht.

Der Krimi-Plot offeriert den Leserinnen und Lesern im Unterschied zu den Ermittlern von vornherein fünf Verdächtige, die in Beziehungen zum Opfer standen und deren mögliche Tatmotive Schritt für Schritt ausgeleuchtet werden. Ermordet wurde ein Flüchtling aus Togo und so geraten selbstverständlich auch rechtsextreme Rassisten ins Blickfeld. Aber die Suche nach einem Motiv gestaltet sich sehr kompliziert. Bis zum Showdown bleibt vieles offen  – so auch, welche Bedeutung der verschwundene Kettenanhänger mit QR-Code des Opfers am Ende hat.

Sziget, Cornelia: Herbst in Mölze. Ein Regionalkrimi, edition winterwork, Borsdorf 2014, ISBN 978-3-86468-762-4, 446 Seiten, 17,90 Euro

Interview mit Cornelia Sziget zu „Herbst in Mölze“

„Herbst in Mölze“ ist Ihr dritter Celle-Krimi. Worum geht es diesmal?

Im Mittelpunkt steht als Ermittler wieder Martin Spranger, der Privatdetektiv wider Willen. Zufällig gerät er als erster an einen Tatort im Nordwall. Gemeinsam mit Cord, dem Fotojournalisten, den die Leserinnen und Leser schon bei „Tulpen aus dem Schlachthof“ kennengelernt haben, und Tina Theriak, die seit dem ersten Krimi „Unbekannt verzogen“ dabei ist, macht er sich parallel zur Polizei auf die Suche nach dem bzw. der Täterin. Ermordet wurde ein Flüchtling aus Togo und so geraten selbstverständlich auch rechtsextreme Rassisten ins Blickfeld. Aber die Suche nach einem Motiv gestaltet sich sehr kompliziert.

Der Titel bezieht sich ja gar nicht in erster Linie auf die Jahreszeit, sondern auf Hauptkommissar Herbst, den Sie neu ins Polizeirevier versetzt haben. Was hat es mit diesem Mann auf sich?

Herbst ist ein Mann mit Eigensinn und einigen Macken, weshalb er auch in den eigenen Reihen um Anerkennung kämpfen muss. Er bringt insoweit einen komödiantischen Zug in den Krimi.

Erklären Sie uns, warum Celle bei Ihnen „Mölze“ heißt?

Fritz Grasshoff, der ja im letzten Dezember 100 Jahre alt geworden wäre, hat Celle in seinem einzigen Roman „Der blaue Heinrich“ so genannt. Ich finde, er charakterisiert lautmalerisch die Stadt damit treffend. Es ist diese gewissen Behäbigkeit und in Teilen auch Rückwärtsgewandtheit, die er aus meiner Sicht damit gut trifft. „Celle“ dagegen hat eigentlich ja einen knackigen und schnellen Klang. Trotzdem lässt sich die Frage „Würden Sie lieber in Mölze oder in Celle leben?“ gar nicht so leicht beantworten, denn „Mölze“ steht auch für eine Entschleunigung, die ich mir durchaus für diese Gesellschaft wünsche.

Sie sind nach Ihrem Social-Fiction-Roman „Oenothera – Es gibt einen Weg hinaus“, der im letzten Jahr erschien, wieder zum Krimi zurückgekehrt. Warum?

Für mich besteht ein Reiz darin, entlang des Krimiplots Stadtgesprächsthemen zu kommentieren. Ich könnte jede Woche einen Leserinnenbrief schreiben, so sehr läuft Vieles aus meiner Sicht im Kleinen wie im Großen  falsch. Mich ärgert es zum Beispiel maßlos, wie in dieser Stadt ein Klimaschutzplan sinnvoller Weise eine Verkehrswende beschwört, gleichzeitig aber mit dem geplanten gegenläufigen Ausbau des Nordwalls in der Praxis das Gegenteil läuft und dabei auch sanierungsfähige Altbauten einfach abgerissen werden sollen. Und die Anwohnerinnen und Anwohner dürfen sich darauf freuen, künftig in Celles Feinstaub-Zentrum zu leben. Ich finde es spannend,  solche gesellschaftlichen Widersprüche zu beobachten und zu kommentieren. Das wird manchmal auch analytisch wie im „Schlachthof“-Krimi, meist aber lasse ich meine Protagonisten einfach bestimmte Haltungen vertreten.

Ihr Detektiv, Martin Spranger, ist als melancholisch grübelnder, ein bisschen aus der Zeit gefallener Typ angelegt. Hat er damit Seiten von Ihnen?

Nein. Ich bin – hoffentlich – erheblich rationaler. Aber ich finde es wichtig, sich bei den großen Fragen wie Klimawandel oder Rassismus nicht einfach auf die Politik zu verlassen, sondern immer auch zu fragen: Was habe ich und mein Verhalten oder auch Nicht-Verhalten damit zu tun? Damit allerdings kann ich auch mein persönliches Umfeld nerven.

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