Neuer Glanz für die „Glasschule“

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Mi., 05.05.2021 - 13:25

CELLE. „Sie erkennen nichts mehr von der historischen Qualität“, sagt Stadtbaurat Ulrich Kinder mit Betonung auf „nichts“ und mit Verweis auf die Mehrzweckhalle, die vom Architekten Otto Haesler als eine Art Herzstück der von ihm von 1926 bis 1928 errichteten Altstädter Schule angelegt war. Nun stehen wiederum zwei Jahre zur Verfügung, um das denkmalgeschützte und sich mittlerweile im Eigentum des Landkreises befindende Gebäude zu sanieren. Die Arbeiten werden im Sommer, nach Ende des Schuljahres beginnen und müssen spätestens im Herbst 2023 beendet sein, denn zu diesem Zeitpunkt wird die Sprachheilschule einziehen. Lange war auf Gelder für die längst überfällige Renovierung gewartet worden. Jetzt stehen laut Kinder die nötigen Mittel in Höhe von 7 Millionen Euro zur Verfügung, das Bundesministerium für Kultur und Medien beteiligt sich mit 3,5 Millionen Euro, das Land Niedersachsen gewährt keine Gelder.

Schnell bildete sich nach Eröffnung im Volksmund der Begriff „Glasschule“ heraus, denn der Architekt hatte Wert gelegt auf lichtdurchflutete Klassenräume, Flure und Veranstaltungsstätten. Im Laufe der Jahrzehnte wurden umfangreiche Veränderungen am gesamten Haus vorgenommen, darüber hinaus weist die Fassade mehrere Risse und Abplatzungen auf. „Dieses sind Kunststofffenster“, sagt der Leiter des Dezernates Bauen und Umwelt bei einem Ortstermin, „sie werden in Anlehnung an den bauzeitlichen Zustand ausgetauscht gegen Holzfenster, die originalen Fensterflächen werden wiederhergestellt.“ Die Fest- und Turnhalle war in den 1970er Jahren mit Holz verkleidet worden. „Auch hier führen wir in den ursprünglichen Zustand zurück“, erläutert er und beschreibt diesen als „einen Traum in seiner Multifunktionalität“. „Für ein Konzert oder eine Aufführung wurde das Gestühl aus einer Wand sehr schnell hervorgezogen und gegen die Sportgeräte ausgetauscht“, erinnert sich Dietrich Klatt, der in den 1940er Jahren hier zur Schule ging. In einem im Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019 gehaltenen Vortrag sagte Klatt: „In den Bau der Schule hat Haesler sehr viele originelle, dem Schulablauf, der Lehre und der Architekturentwicklung dienende Besonderheiten eingebracht. Er hat sie damit zu einem Vorzeigeobjekt des Neuen Bauens gemacht.“ „Wir versuchen, so viel wie möglich zu retten und wieder zu rekonstruieren“, sagt der Stadtbaurat, so werde u.a. der Eingangsbereich wiederhergestellt, Blickachsen wieder freigelegt, Innenwände, die Fassade sowie das Flachdach unter Reaktivierung der lichtdurchlässigen Glasbausteine instandgesetzt, die damals hochmoderne Lehrküche zu „werkbaulichen Stätten umgestaltet“, um ihr wenigstens die Anmutung des früheren Zweckes zu geben. Gemeinsam mit dem Landkreis als Eigentümer habe man ein Konzept zur Sanierung entwickelt, deren Leitung in Händen der Architekten und Stadtplaner Profs. Spital-Frenking + Schwarz aus Dortmund liegen wird. Sie hatten im Vorfeld für die Einwerbung von Fördergeldern eine Machbarkeitsstudie erstellt. Bei der späteren Ausschreibung erhielten sie den Zuschlag für die Umgestaltung.

Ein erster Sanierungsplan wurde bereits im Jahr 2014 entworfen, aufgrund der späteren Neuordnung des Grundschulwesens in der Stadt Celle, des Verkaufs des Denkmals an den Landkreis sowie die vorgesehene Nutzung durch eine Sprachheilschule musste er angepasst werden. Kritiker befürchten einen Verlust an Authentizität. „Die jetzige Sanierung ist weniger eine Rekonstruktion des Originals als eine Anpassung des Gebäudes an die neuen Erfordernisse einer Sprachheilschule wie Teppichböden auf denkmalgeschütztem Parkett, Wanddurchbrüche, verglaste Türen, Fahrstuhl“, kritisiert Ortsbürgermeister, Dr. Jörg Rodenwaldt. Man sei mit Zustimmung der oberen Denkmalbehörde vom ursprünglichen Konzept abgewichen, ein vom Ortsrat gesuchtes Gespräch mit dem zuständigen Denkmalpfleger, Dr. Klaus Püttmann, sei nicht zustande gekommen. „Ebenso ist bislang wohl noch offen, wie das Umfeld der Schule sein soll. Auch dort wird man wahrscheinlich aufgrund der vielen Busse nicht auf die historische Vorlage zurückgreifen“, gibt Rodenwaldt zu bedenken.

„Kompromisse sind nötig“, sagt Stadtbaurat Ulrich Kinder vor dem Hintergrund der speziellen Anforderungen einer Sprachheilschule. So werden Wanddurchbrüche vorgenommen, um sogenannte Differenzierungsräume mit Sichtbeziehung zu schaffen, schallabsorbierende Platten an Decken und Wänden platziert. „Sofern notwendig wird der weiche Bodenbelag (z.B. Teppich) vollflächig auf das z.T. vorhandene bauzeitliche Parkett gelegt und minimal fixiert“, ist im gemeinsamen Papier der Stadt und des Landkreises zu lesen, in dem sich durchgehend die Formulierung „in Anlehnung an den bauzeitlichen Zustand“ findet. Diese erläutert der Baudezernent mit Blick auf Barrierefreiheit, Energetik, Brandschutz und andere technische Notwendigkeiten: „Maßgabe für eine Sanierung ist auch die Funktionsfähigkeit der Gebäude nach heutigem Standard.“ So sei es z.B. hochkomplex, in einem 90 Jahre alten Gebäude eine Entlüftungsanlage zu installieren. Ein Fahrstuhl ist vorgesehen.

Dass Stadtbaurat Ulrich Kinder die zur Verfügung stehende Dauer von zwei Jahren für die Baumaßnahme, Sorge bereitet, ist abzulesen an der Formulierung: „Wir haben hohen Zeitdruck.“ Die Frage nach dem in vergangenen Jahren immer mal wieder genannten Ziel, für die „Glasschule“ den Status „Unesco-Weltkulturerbe“ anzustreben, verneint er: „Das ist nicht realistisch.“

 

Das Haesler-Erbe ist Thema im morgigen Ausschuss für Bau und Stadtentwicklung der Stadt in der Alten Exerzierhalle, 17 Uhr.