Albert König neu entdecken

Kunst Von Anke Schlicht | am So., 21.03.2021 - 20:39

UNTERLÜSS. Knochig, grau statt grün, mehr tote als vitale Äste – so präsentiert sich eines der beiden Lieblingsmotive des Malers, Graphikers und Zeichners Albert König auf dem Cover eines Buches, das als Titel schlicht seinen Namen und seine Profession trägt. Anlass für die Herausgabe des umfangreichen Werkverzeichnisses ist der 140. Geburtstag am 22. März.

Der bekannteste Maler der Südheide widmete sich in seinem Spätwerk nur noch zwei Sujets: „Beim Baumwerk und den Kieselgurgruben – da ist König einzigartig“, sagt Dr. Volker Probst. Von 1988 bis 1994 leitete er das Albert-König-Museum in Unterlüß. Nun hat der Kunsthistoriker und Diplom-Bibliothekar auf Wunsch des Freundes- und Förderkreises Albert König ein besonderes Buch über den 1881 in Eschede geborenen Künstler vorgelegt, das allein seinem Umfang von 512 Seiten nach den Zusatz „Mammut“ verdient. „Die Arbeiten Königs sind verteilt über ganz Deutschland, zum Teil auch im europäischen Ausland“, erläutert der Zweite Vorsitzende des Freundeskreises Wolfgang Stade. Es sei höchste Zeit gewesen, eine Monographie zu erstellen, denn „viel Wissen über ihn ist schon verloren gegangen.“ Werke tauchten bereits auf dem Flohmarkt auf. Um das, was noch in Erfahrung zu bringen ist, zusammen zu tragen und einen möglichst vollständigen Überblick über Leben und Werk zu erhalten, starteten die Verantwortlichen Aufrufe über unterschiedliche Kanäle, jeder, der eine Arbeit Königs besitze, möge sich melden. Die Bitte hatte Erfolg. „Es hat großen Spaß gemacht, durch Deutschland zu fahren auf den Spuren von König“, berichtet der Erste Vorsitzende des Förderkreises Jörg-Dieter Landgraf. Die Bilder wurden fotografiert und sämtliche verfügbaren Informationen dazu dokumentiert, so dass das Werkverzeichnis deutlich erweitert werden konnte.

Die Grundlage bildete der Kernbestand des 1987 in Unterlüß gegründeten Museums, der zurückging auf den Nachlass der Witwe, Dorothee König, geb. Borsdorf. Dieser wurde im Laufe der Jahre durch Ankäufe erweitert, so dass das Haus über rund 400 Gemälde, Aquarelle und farbige Zeichnungen verfügte. In der Monographie sind 711 chronologisch nach der Zeit der Entstehung gelistete Werke aufgeführt, alle beschrieben mit Titel, Datierung, Technik, Maße, Standort und ggf. Bemerkungen. „Das Werk Albert Königs ist nun gut dokumentiert, die Basis für weitere Forschung ist gelegt“, resümiert Dr. Volker Probst seine rund anderthalb-jährige Arbeit, die auch weiteren Aufschluss über Königs Leben lieferte.

Das Verzeichnis nimmt breiten Raum im Buch ein, eingehend widmet sich der Autor jedoch auch der Biographie des 1944 verstorbenen Künstlers. „Bis zu einem gewissen Grad ist es gelungen, seinen Werdegang nachzuvollziehen, aber es bleiben immer Lücken“, sagt Probst. Wichtig war ihm, das Spätwerk des Malers herauszustellen. „Die gequälte Kreatur, der Schmerz, die Vergänglichkeit – das war sein Thema.“ Ab 1930 entwickelte er eine spezielle Maltechnik, um seinen persönlichen Zugang zur Natur künstlerisch umzusetzen. Eingriffe in die Natur auf Leinwand zu bannen war Teil dessen. Der Urwald rings um Eschede, den der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Albert König kannte, ist nicht mehr vorhanden. Wer ein wenig blättert in dem Katalog stößt auf Szenerien, die sich heute noch finden in Eschede und den kleinen Orten drumherum, und doch wird die Zeit, die über sie hinweggegangen ist, sichtbar. „Spaziergang am Ortsrand“, nannte der berühmteste Sohn Eschedes ein Bild, das eine Ansicht um 1906 auf Leinwand bannt. Sattes Grün, fast idyllische kleine Häuser mit Zäunen drumherum, Ruhe und Gelassenheit scheint an diesem strahlenden Sonnentag geherrscht zu haben. Eine dörfliche Atmosphäre, die es so nicht mehr gibt. Nahezu unverändert präsentiert sich die Rückansicht der Kirche, die um 1905 entstand. Ein Bauernhof in Endeholz bildete ein weiteres der Motive, von denen sich König mit seinem Umzug nach Unterlüß im Jahr 1927 abwandte. Hatte er in seinem Heimatort noch ein laut Probst „bohemian-haftes“ Leben geführt, wählte er für Unterlüß die Stille und Einsamkeit. „Es war ein bewusster Schritt in die Abseitigkeit“, erläutert der Kunsthistoriker. „Mit dem Fahrrad fuhr er in den Wald und zu den Kieselgurgruben, die damals noch in Betrieb waren. Anschließend arbeitete er bis morgens in seinem Atelier.“ So beschrieb Dorothee König später den Alltagsrhythmus ihres Mannes. Er entwickelte einen meditativen Zugang zu seinen in der Entstehung befindlichen Arbeiten. „Wie kann es sein, dass ich das gemalt habe?“, fragte er sich selbst am Tag darauf. Als das Bomann-Museum ihm anlässlich seines 60. Geburtstages eine Ausstellung avisierte, sagte er: „Ich zeige nur die Bäume und die Kieselgurgruben.“

Heute gilt Albert König als nicht mehr modern. Schaut sich der Betrachter jedoch seine Baumdarstellungen an, die er mystisch, teilweise märchenhaft auflud und ins Surreale verfremdete, dann wirken sie angesichts von Klimawandel und Baumsterben erstaunlich aktuell, geradezu, als hätte der Maler in weiser Voraussicht agiert.

Sowohl der Autor des neuen Buches über Albert König (ISBN 978-3-927399-53-2, 39 Euro im Buchhandel) als auch die beiden Vorsitzenden des Förder- und Freundeskreises verknüpfen einen Wunsch mit der Herausgabe: „Wir erhoffen uns, dass König als Maler mehr ins Blickfeld gerät“, sagen übereinstimmend Jörg-Dieter Landgraf und Wolfgang Staude und Dr. Volker Probst ergänzt: „König soll als bedeutender Maler erkannt werden.“

 

 

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