Bildhauerkunst trifft Dichterseele

Kunst Von Anke Schlicht | am Fr., 18.12.2020 - 11:39

CELLE. Kaum etwas erinnerte bisher in seiner Geburtsstadt an ihn, obwohl er ihr einziger Bestsellerautor ist und mit einem Talent gesegnet war, das den Worten Flügel verlieh. Wer an einer Kostprobe interessiert ist, hat künftig Gelegenheit zu doppeltem Kunstgenuss, kann Wortvirtuosität in Stein gemeißelt auf Bildhauerkunst erleben. Denn seit gestern ist Ernst Schulze unverrückbar verankert im Herzen der Stadt.

Einen ihrer schönsten Plätze stiftete sie ihm: Das Rosenrondell im Französischen Garten für den Autoren der „Bezauberten Rose“, ein passenderer Ort lässt sich kaum denken für den 1789 in der Altstadt geborenen und aufgewachsenen Schriftsteller, dem nur wenige Jahre vergönnt waren, um Meisterwerke der Dichtkunst zu erschaffen. Erst Elke und Lothar Haas rückten ihn anlässlich seines zweihundertsten Todestages im Jahr 2017 wieder dahin, wo er kurz vor seinem Tod mit 28 Jahren schon einmal war – ins Licht der Öffentlichkeit. Er hatte mit dem Versroman „Bezauberte Rose“ einen Bestseller gelandet, dessen Auflage selbst Goethe in den Schatten stellte.

Und die Gründer der Ernst-Schulze-Gesellschaft waren es auch, die die Initiative für ein Denkmal ergriffen und überraschend viele Helfer fanden, denen ihr großer Dank gilt. „Wir haben vier institutionelle Förderer und viele Private“, berichtet der Vorsitzende der Ernst-Schulze-Gesellschaft, Dr. Lothar Haas. Er freut sich sehr darüber, dass 40 Prozent der Kosten durch private Stifter getragen wurden. Ein „Stein der Förderer“ ergänzt die über zwei Meter große Skulptur, die der Bildhauer Uwe Spiekermann für den Dichter Ernst Schulze aus edlem Stein, nämlich Hessischem Olivindiabas für den Kopf sowie Wachenzeller Dolomit für den Sockel, gehauen hat. Im Sommer hatte er das Modell bereits mit den Worten: „Es wird ein unscharfes, stilisiertes Portrait, das dem Betrachter Freiraum gibt“, vorgestellt. Spiekermann, der für eine Büste von Käthe Kollwitz mit dem Niedersächsischen Staatspreis für das gestaltende Handwerk 2019 ausgezeichnet wurde, erweiterte während des Schaffensprozesses diesen Grundgedanken um noch mehr Expressivität, Dynamik und Präsenz. „Ich wollte diese künstlerische Unruhe einfangen, bewegend, nicht verharrend sollte es sein.“ Ein wesentliches Element, um diesen Eindruck zu erzeugen, ist der leicht verschobene Sockel.

Der Celler Künstler und Autor des Buches „Kunstwege zu Plastiken, Skulpturen und Denkmälern im öffentlichen Raum der Stadt Celle“, Dietrich Klatt, zeigt sich beeindruckt von dem Werk: „Einerseits spiegelt sich die unsichere Situation eines Künstlers, der nach seinem Platz sucht, wider. Andererseits besticht die strenge Form, die ein Merkmal Schulzes war, und die Franz Schubert, der elf seiner Gedichte vertonte, auf ihn aufmerksam werden ließ.“ Und einer weiteren Aufgabe wurde Spiekermann gerecht, er musste die Stele einpassen in die Umgebung eines Barockgartens mit zwei benachbarten Figuren aus dem 17. Jahrhundert. Dietrich Klatt sieht über diese Einbindung in das Umfeld des Rosengartens hinaus weitere Bezüge. Das Gymnasium Ernestinum, das der junge, oft rüpelhafte Ernst besuchte, bildet eine Sichtachse mit dem Antlitz des Literaten. Und ein zweites Denkmal im Französischen Garten weist einen deutlichen inhaltlichen Bezug zum Leben und Werk Schulzes auf. Die in Stein gemeißelten Verse aus der „Bezauberten Rose“ drehen sich einzig und allein um die Liebe. Und eben diese war der Grund für Königin Caroline Mathildes Verbannung in die Residenzstadt als Konsequenz ihrer Beziehung zu dem weitsichtigen und hochbegabten Reformer und Arzt, Johann Friedrich Struensee. „Die Figurengruppe auf dem Rundsockel zu Ehren von Caroline Mathilde stellt in meinen Augen eine Verbindung dar“, sagt Dietrich Klatt, der die Einheit von Form und Inhalt des neuen Denkmals als „wirklich gelungene Sache“ bezeichnet.

Wesentlichen Anteil am Erscheinungsbild hat einer, der den Dichter gut kannte: August Kestner (1777-1853), Namensgeber und Begründer der Sammlung des kulturhistorischen Museums in Hannover, hatte seinen Freund und Kameraden im Befreiungskampf gegen Napoleon in Uniform gezeichnet. Ein Glücksfall für die Initiatoren des Denkmals, denn es gibt nur sehr wenige Abbildungen des Schriftstellers. „Der Kopf wurde nach der Zeichnung von Kestner angefertigt“, erläutert Dr. Elke Haas, Mitglied des Vorstands der Ernst-Schulze-Gesellschaft, insofern lässt sich das Denkmal auch als Zeugnis einer Freundschaft interpretieren. Der studierte Jurist Kestner ging nach Italien, wirkte als Diplomat, betätigte sich aber Zeit seines Lebens auch künstlerisch. „Auch Schulze wollte nach Italien, das wäre sein Leben gewesen. Sein Wunsch war es zu gestalten“, berichtet Elke Haas. Diesen entschlossenen Blick in die Zukunft findet sie wieder im Portrait: „Er schaut in die Ferne.“

Auch Uwe Spiekermann richtet mit einem Satz zu den gegenwärtigen Umständen der Installation seiner Skulptur den Blick nach vorn in den Sommer, wenn die blühenden Rosen des Rondells den Urheber der „Bezauberten Rose“ in Szene setzen werden: „Es fehlt die Sonne, es fehlen die Rosen“, sagt der Bildhauer, der es nach der Resonanz der Ernst-Schulze-Experten zu urteilen, geschafft hat, das umzusetzen, was die Initiatoren als Wirkung anstrebten. Elke Haas hatte sie mit den Worten beschrieben: „Ein Dichter, der über uns hinausreicht.“

 

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