"Es ist Zeit für eine neue Bauhaus-Bewegung“ – Neujahrsempfang des Bundes Deutscher Baumeister

Wirtschaft Von Anke Schlicht | am So., 12.01.2020 - 11:32

CELLE. „Wenn Du Menschen die Wahrheit sagst, tue es humorvoll, sonst töten sie Dich.“ Diese am Samstagabend zitierte Weisheit stammt von Billy Wilder, der den diesjährigen Neujahrsempfang des Bundes Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure (BDB) in doppelter Hinsicht begleitete. Das auf seinem Oscar-prämierten Film „Das Appartement“ beruhende gleichnamige Stück erwartete die aus allen Teilen Deutschlands angereisten Mitglieder im voll besetzten Schlosstheater nach der Neujahrsrede. Und in dieser nahm der Referent und Präsident des BDB, Christoph Schild, nicht nur immer wieder Bezug auf den weltberühmten Regisseur, er konfrontierte sein Publikum auch mit der Wahrheit über die Baubranche als Umweltsünder und die unerlässliche Notwendigkeit zu tiefgreifenden Veränderungen. 

„Ressourcenschonendes und nachhaltiges Bauen erfordern ein Umdenken“, betonte Schild und hob Holz als das für eine Wende unverzichtbare Material hervor. Die Bauwirtschaft sei einer der größten Müllerzeuger überhaupt, weltweit sei die Zementherstellung für mehr CO2-Ausstoß verantwortlich als der Flugverkehr, 35 Prozent aller Emissionen gingen auf die Branche zurück. „Dem Bauen kommt als einem der prägenden Elemente unserer Umwelt eine besondere Verantwortung zu“, sagte der Präsident. Es müsse klimafreundlicher werden, den Flächenverbrauch deutlich reduzieren und dem demografischen Wandel in Form von Modellen für altersgerechtes Wohnen begegnen.

Mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Haltung mahnte er: „Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsproblem“, und erinnerte an die „Ruck-Rede“ des Bundespräsidenten Roman Herzog im Jahr 1997. Dieser charakterisierte die deutsche Mentalität seinerzeit als ängstlich, mutlos, besitzstandswahrend und bedenkenträgerhaft, ein Ruck müsse durch die Gesellschaft gehen. „Diese Rede ist aktueller denn je“, betonte der Experte. Wo es 16 verschiedene Bauordnungen gebe – in jedem Bundesland eine -, deren Nivellierungen sich in Details verlören, „dort läuft etwas schief“.

Bis 2050 wolle die Regierung einen klimaneutralen Gebäudebestand erreichen, die Sanierungsquote stagniere allerdings bei einem Prozent. Die Produktivitätssteigerung im Baubereich liege lediglich bei vier Prozent, es fehle an sozialem Wohnungsbau. „Viele können sich das Wohnen in der Innenstadt nicht mehr leisten, fahren zwei Stunden zur Arbeit. Die Immobilienpreise werden weiter steigen. Das birgt sozialen Sprengstoff, da müssen wir aufpassen“, wandte sich der Präsident an seine Zuhörer, zu denen auch die Bundestagsabgeordnete der SPD, Kirsten Lühmann, gehörte. 

Mit der Formel Barock trifft Baumeister 4.0 ließen sich die Ausführungen des Branchenkenners zur Digitalisierung inmitten eines jahrhundertealten Ambientes umreißen. Eine Kooperation aller Gewerke werde in den kommenden Dekaden wichtiger sein denn je. Der BDB sei hier ein Vorreiter: „Unser Markenkern ist die Philosophie des Zusammenwirkens aller am Bau Beteiligter. Gebe es den Bund noch nicht, dann müsste er jetzt gegründet werden.“

Den wiederholt von Christoph Schild in verschiedenen Zusammenhängen angesprochenen sozialen Sprengstoff griff Heiko Gevers als Vertreter des Oberbürgermeisters in seinen Grußworten auf, indem er an das abgelaufene Bauhaus-Jahr erinnerte: „Der soziale Wohnungsbau war für Otto Haesler ein wesentlicher Punkt. Wir müssen bei der Frage, wie wir mit den Häusern des Architekten, die in sanierungsbedürftigem Zustand sind, umgehen, seine Ideen aufnehmen.“ Diese stießen zur Zeit ihrer Entstehung in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf erheblichen Widerstand und Unverständnis, erwiesen sich jedoch auf lange Sicht als richtig. „Bauhaus wirkt noch heute“, ließ es sich auch der Sprecher des BDB-Freundeskreises, Thomas Deist, in „seiner poetischen Abrundung“ der Ansprachen nicht nehmen, an zwei große Vordenker der Zunft zu erinnern: Otto Haesler und vor allem Walter Gropius, „weil die sich etwas trauten“, sagte Deist mit Nachdruck und nahm damit den Faden des Hauptredners, Christoph Schild, wieder auf, der gefordert hatte: „Wir brauchen einen Mentalitätswandel. Es ist Zeit für eine neue Bauhaus-Bewegung.“