Paragraphen auf dem Prüfstand – Schützt die neue Wolfsverordnung Tier und Mensch?

Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Fr., 29.01.2021 - 16:30

BARGFELD/HANNOVER. Die Paragraphen des Bundesnaturschutzgesetzes oder der neuen niedersächsischen Wolfsverordnung zu lesen, ist das eine. Das mähende Schreien und Blöken der Lämmer und Mutterschafe nach dem Übergriff eines Wolfes zu hören, ist das andere. Die intensiven Tierlaute bilden die Geräuschkulisse für ein im April 2020 aufgenommenes Interview mit dem Schaf- und Heidschnuckenzüchter Matthias Müller auf Youtube. „Alle mit sauberem Kehlbiss. Ich weiß nicht, ob die toten Lämmer zu den toten Müttern gehören oder ob schreiende Lämmer noch ihre Mütter suchen. Acht oder zehn musste ich vom Tierarzt euthanasieren lassen, die hier die zweite Nachthälfte angefressen gelegen haben“, berichtet der in Bargfeld lebende Züchter. Seit dem Jahr 2015 wurde seine Herde regelmäßig Opfer von Wolfsrissen. Der jüngste Übergriff ereignete sich vor wenigen Tagen, am 24. Januar, acht Tiere wurden nahe Bargfeld getötet, sechs weitere schwer verletzt. „Im dritten Jahr finden diese Attacken nun schon statt“, sagte der hinzugezogene Wolfsberater Volkhard Pohlmann vor Ort. Dass sie liegen gelassen und nicht gefressen wurden, veranlasste ihn zu der Einschätzung: „Die jungen Wölfe werden aufs Töten trainiert. Ein reiner Übungsangriff!“

NEUE NIEDERSÄCHSISCHE WOLFSVERORDNUNG

Eine neue Wolfsverordnung für Niedersachsen versucht Abhilfe zu schaffen. Sie steht in engem Zusammenhang mit der Anpassung des Bundesnaturschutzgesetzes im Februar 2020 hinsichtlich des Umgangs mit dem Wolf, was deutschlandweit mit unterschiedlich großem Interesse registriert worden sein dürfte. Denn die Population des seit rund 20 Jahren in (West)-Deutschland wieder ansässigen und streng geschützten Beutegreifers differiert erheblich von Bundesland zu Bundesland. Niedersachsen ist mit 35 Rudeln nach Brandenburg und Sachsen das am stärksten von Isegrim bevölkerte Gebiet. Im Juli 2015 wurde ein dem niedersächsischen Umweltministerium unterstehendes Wolfsbüro zum Zweck des professionellen Wolfsmanagements ins Leben gerufen. Das Monitoring liegt in Händen der Landesjägerschaft, die auf ihrer Homepage mitteilt, dass „Übergriffe auf Nutztiere, bei denen der Wolf amtlich vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz als Verursacher festgestellt wurde, finden mittlerweile fast in ganz Niedersachsen statt.“ Die Anzahl der Übergriffe steigt seit 2012 stetig, im Monitoringjahr 2019/2020 lag der Wert der toten oder später eingeschläferten Tiere bei 1078 in Niedersachsen, im vorangegangenen Jahr lag der Wert bei 420.

Grundsätzlich sei die Rückkehr des Wolfs nach Deutschland zu begrüßen, es bringe viele positive Wirkungen für das Ökosystem mit sich, hieß es von Seiten der Bundesregierung anlässlich der Bekanntmachung des geänderten Bundesnaturschutzgesetzes als Konsequenz einer intensiven öffentlichen Debatte über den Umgang mit Wölfen und nach zahlreichen Tierrissen. Rechtssicherheit, wann eine Genehmigung erteilt werden könne, um Wölfe zu töten, wurde geschaffen sowie Voraussetzungen für die Entnahme in der Weise gesenkt, dass mehrere Mitglieder eines Rudels getötet werden dürfen. Denn bei vielen Übergriffen ließ sich als Verursacher nicht ein bestimmtes Tier zuordnen. Die acht Seiten umfassende niedersächsische Wolfsverordnung konkretisiert den entsprechenden Paragraphen des Bundesnaturschutzgesetzes. Sie präzisiert Ausnahmetatbestände für das Verscheuchen, Vergrämen und Entnehmen und definiert diese und andere Begriffe. „Wir schaffen in Niedersachsen damit die Grundlagen für ein bestmögliches Nebeneinander zum Schutz des Wolfs auf der einen Seite und den Interessen der Weidetierhalter auf der anderen Seite“, sagte der Landesumweltminister Olaf Lies anlässlich der Veröffentlichung.

Im Vorfeld waren alle betroffenen Verbände, Gruppen und Initiativen eingebunden und um Vorschläge gebeten worden, darunter auch der Verband „Weidetierhalter Deutschland“, die das fertige Papier als einen Schritt in die richtige Richtung bewerten, „aber man muss die Entwicklung beobachten und sie weiter dem Geschehen anpassen“, teilt der für Schafe und Ziegen zuständige Jochen Rehse auf CH-Anfrage mit.

NABU LEGT BESCHWERDE BEI EU EIN

„Das ist ein Schritt in die richtige Richtung“, bewertet auch Matthias Müller die neue Verordnung, doch das Potential zur Problemlösung habe sie nicht, dazu sei sie zu halbherzig und zu schwierig in die Praxis umzusetzen. Dennoch sieht Müller ganz klar die Intention dahinter: „Offenbar hat das niedersächsische Umweltministerium diesen Gesetzestext eingebracht, um die Betroffenen nicht länger allein im Regen stehen zu lassen.“ Umso ausgeprägter richtet sich Müllers Kritik gegen den niedersächsischen Landesverband des Naturschutzbundes (Nabu). Dieser hat auf EU-Ebene Beschwerde eingelegt: „Es werden Verstöße der Verordnung gegen den Artenschutz sowie die Ausnahmen der Europäischen Flora-Fauna-Habitatsrichtlinie gerügt“, heißt es von Seiten des Nabu. Das Thema Herdenschutzzäune nimmt breiten Raum in der Begründung der Beschwerde ein. Der Nabu Niedersachsen betreibt seit drei Jahren ein eigenes Projekt namens „Herdenschutz Niedersachsen“ für den Aufbau wolfsabweisender Zäune. „Die Zusagen der Geldgeber liefen Ende 2020 aus. Wir haben uns dann erstmalig Ende 2020 an der Finanzierung beteiligt, um das Projekt fortzuführen“, teilt die stellvertretende Pressesprecherin des niedersächsischen Umweltministeriums Lotta Cordes mit. „Insgesamt hat Niedersachsen angesichts von mittlerweile 35 Rudeln im vergangenen Jahr Herdenschutzmaßnahmen in Höhe von über fünf Millionen Euro gefördert“, tritt Umweltminister Olaf Lies den Anwürfen des Nabu entgegen, das Land stelle sich nicht den Herausforderungen, die mit einer Koexistenz einhergingen, sondern weiche den Schutz des Wolfes massiv auf. Auch die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V. „verurteilt die niedersächsische Wolfsverordnung auf das Schärfste“. Ihr Vorsitzender Dr. Peter Blanché teilt auf CH-Anfrage mit: „Die Wolfsverordnung geht in einigen Punkten zum Nachteil des Artenschutzes über die gesetzlichen Regelungen des Bundesnaturschutzgesetzes und die noch strengeren EU-Artenschutzregelungen hinaus und verstößt eindeutig gegen geltendes EU-Recht.“

Als eine Serie von Rissen im Herbst 2019 begann – innerhalb von sechs Wochen wurden 50 Tiere getötet und 25 verletzt -, öffnete Schafzüchter Matthias Müller seine Türen für den Leiter der Nabu-eigenen Aktion, Peter Schütte, Landtagsabgeordnete, den Kreisjägermeister und Vertreter des Wolfsmonitorings sowie des Wolfsbüros aus Hannover. Als Schäfer arbeitet Müller auch mit flexiblen Zäunen, in Folge der Übergriffe rüstete er nach, stellte von Litzen- auf Netzelektrozäune um, verwendete Flatterband und installierte darüber hinaus separate Nachtpferche. Auch Umweltminister Olaf Lies kam nach Bargfeld und machte sich ein Bild. Deutschlandweit gingen Berichte über die Raubzüge des Prädatoren auf den Weiden rings um den einstigen Wohnort des Schriftstellers Arno Schmidt durch die Medien. „40 zu 0, der Wolf hat gewonnen“, spricht Müller in die Kameras nach dem Verlust von weiteren 40 Tieren. „Ich züchte Wolfsfutter“, zitierte ihn ein Regionalblatt. Er spielte mit dem Gedanken, seinen Beruf aufzugeben, ging diesen Schritt aber nicht. Nach über fünf Jahren Erfahrung mit immer weiter aufgerüstetem Herdenschutz lautet sein Fazit: „Schafe in der Landschaft einzäunen kann ich, aber Wölfe auszuzäunen ist mir auch mit dem besten Nabu-Herdenschutz nicht möglich.“

Seine Kritik am Naturschutzbund fällt drastisch aus: „Ich als Weidetierhalter finde es abscheulich, lesen zu müssen, dass der Nabu die Wolfsverordnung durch eine EU-Beschwerde torpediert.“ Mit Bezug auf den von dem Verband angeführten Artenschutz verweist er auf die Bedeutung der Weidetierhaltung, die diese für die Diversität an Pflanzen und Insekten entfaltet. „Der Nabu erweist dem Artenschutz durch sein kompromissloses Eintreten für den Wolf, das an Verbohrtheit grenzt, einen Bärendienst“, betont Müller und fügt hinzu: „Meiner Einschätzung nach wird der Wolf zum Symboltier aufgebaut, das die meisten Spenden generiert. Mit seiner Haltung positioniert der Nabu sich eindeutig ideologisch gegen den Teil der Landbevölkerung, der die Lebensmittel herstellt und die Landschaft erhält, die von den Städtern konsumiert bzw. genutzt werden.“

ENTNAHMEANTRAG OHNE KONSEQUENZEN

Eine Sichtweise, der sich die Mitbegründerin der „Bürgerinitiative (BI) für wolfsfreie Dörfer“ und Jägerin Anne Friesenborg anschließt. Mit dem neuen Gesetzestext aus Hannover geht sie jedoch strenger ins Gericht als der Bargfelder: „Es hat lange gedauert, bis Niedersachsen diese Lücke in seiner Wolfsverwaltung formell geschlossen hat. Ungeachtet konstruktiver Beteiligung vieler betroffener Verbände sind Zweifel erlaubt, ob sich dieses Papier in der traurigen Praxis des weiter zunehmenden Rissgeschehens an unseren Weidetieren bewähren oder zum vielzitierten Papiertiger verkommen wird. An vielen Stellen fehlen klare Formulierungen und Regelungen, um Wölfe, die verschiedene unerwünschte Verhaltensweisen (nach den § 4-6) zeigen, rechtssicher und zwingend entnehmen zu können.“ Darüber hinaus kritisiert die Bürgerinitiative, dass die Verantwortung für die Antragstellung auf Entnahme beim Geschädigten liege. Sie sieht den Staat in der Pflicht: „Das kann und darf aber nur der sein, der den Wolf unter den strengen Schutz stellt: Der Staat! Ihm obliegt die Verantwortung für die Folgen seiner gesetzlichen Regelungen“, formuliert die BI ihre Position.

Auch vor dem Inkrafttreten der neuen Wolfsverordnung ließ das Bundesnaturschutzgesetz es zu, einen Entnahmeantrag zu stellen, der vom Umweltministerium genehmigt werden muss. Matthias Müller entschloss sich nach den Übergriffen im April 2020 zu diesem Schritt. Geholfen hat es ihm und seinen Tieren nicht. Der Antrag datiert vom 5. Mai 2020, blieb bis heute ohne Konsequenzen und ist damit wiederum ein Beispiel für das Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis beim Thema Wolf. „Mündlich wurde mir zu verstehen gegeben, dass in meinem Beritt eine entsprechende Genehmigung noch nicht erteilt werden konnte, weil in meinem Fall keine gerichtsfeste Individualgenetik nachgewiesen werden konnte“, berichtet Müller und fügt hinzu: „Mein Eindruck ist, dass die bisherigen Entnahmemöglichkeiten mit ihren Problemen das Wolfsbüro schon sehr fordern. Bisher sind sie noch total erfolglos geblieben, wohl auch deshalb, weil sie von der Jägerschaft auch nur halbherzig verfolgt worden sind.“ Insgesamt stellten sie nach Müllers Einschätzung eher Symbolhandlungen dar als eine wirksame Problembehandlung, geschweige denn eine Problemlösung.

„DIE ZEIT IST NOCH NICHT REIF“

Zweifelsohne ist die Rolle der Jäger beim Thema Wolf eine bedeutende. Die Jägerschaft stehe laut Kreisjägermeister Hans Knoop auf der Seite der Weidetierhalter, helfen könnte sie heute schon, wenn man sie denn fragt. „Wenn der Wolf ins Jagdrecht soll, gehört auch ein Rahmen zum Handeln dazu, es wäre ansonsten nur ein Ablenkmanöver“, sagt Knoop, der davon überzeugt ist, dass der Wolf über kurz oder lang ins Jagdrecht komme.

Dieser perspektivische Blick ist wiederholt anzutreffen in Gesprächen mit all jenen, die mit dem Status quo nicht einverstanden sind. Mit einer Mischung aus Resignation und innerer Gewissheit, dass alle bis dato getroffenen Maßnahmen der realen Situation nicht gerecht würden, die Zeit aber einfach noch nicht reif sei für ein adäquates Wolfsmanagement, schauen sie auf diejenigen, die mit der Verwaltung des klugen Prädatoren betraut sind oder sich seinem Schutz um jeden Preis verpflichtet fühlen, sowie auf die Politik und deren Gesetze und Verordnungen. Deren jüngste niedersächsische Variante, die am 27. November 2020 in Kraft trat, betrachtet Hans Knoop sehr kritisch: „Für draußen in der Praxis hat sie nichts gebracht. Wir müssen doch auch den Artenschutz durch Weidetierhaltung mit bedenken. Es wird eine Lücke entstehen, wenn Grünland und offene Landschaften verschwinden“, mahnt der Kreisjägermeister. Die starke psychische Belastung der betroffenen Landwirte, Züchter und Pferdebesitzer ist ihm bewusst. Er nutzte den jüngsten Umweltausschuss des Landkreises, um auf diesen Aspekt aufmerksam zu machen.

Und eine weitere Gemeinsamkeit findet sich bei allen Kritikern des derzeitigen Umgangs mit dem Wolf: Sie verweisen für ein beispielhaftes Miteinander auf andere Länder, und zwar solche, in denen er nie verschwunden war, wo man stetig mit ihm lebte. Italien, das Baltikum und Polen führt Matthias Müller an. „In Finnland gibt es nicht mehr als 250 Wölfe“, betont er. Das Land verfügt bei einer Fläche von 338.440 Quadratkilometern über 5,5 Millionen Einwohner. In Deutschland wird der Bestand an Wölfen auf tausend geschätzt, die Fläche beträgt 357.386 Quadratkilometer bei einer Einwohnerzahl von 83 Millionen. Auch Kreisjägermeister Hans Knoop veranschaulicht zunächst anhand von Skandinavien: „Niedersachsen hat bezogen auf Fläche und Menschen eine höhere Wolfsdichte als Schweden“, sagt er und greift anschließend für sein Statement auf die nähere Umgebung zurück: „25.000 bis 30.000 Hektar Lebensraum benötigt ein Wolfsrudel. Unser Landkreis hat eine Fläche von insgesamt 150.000 Hektar, davon 75.000 Hektar Wald“, rechnet er vor und ergänzt: „Drei bis maximal vier Rudel könnte der Landkreis verkraften. Mit acht haben wir jetzt schon das Doppelte – und wir reden immer noch!“

 

 

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