Die Last des Vergangenen - Niklas Frank trifft Madelaine Linden

Kultur + Gesellschaft Von Anke Schlicht | am Sa., 16.10.2021 - 10:39

CELLE. Madelaine Linden spricht von einer „unglaublichen Last“, die sie auf den Schultern trug, für ihren Gesprächspartner auf dem Podium dürfte das gleiche gelten, doch er sagt es so deutlich nicht. Die Wurzel des Schmerzes ist dieselbe, und doch kann der Ursprung unterschiedlicher kaum sein.

Unbedingt hatte die Künstlerin Madelaine Linden aus Argentinien den Journalisten und Buchautoren Niklas Frank kennenlernen wollen, nun sitzt er ihr anlässlich ihrer Ausstellungseröffnung „Jedes Dasein“ in der Celler Synagoge gegenüber. Eingeladen hat das Stadtarchiv in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und mit der Begegnung der beiden für einen besonderen Abend, der nachhaltige Wirkung entfaltet, gesorgt. Welche Erwartungen einhergehen, wenn eine Nachfahrin der in Celle geborenen und in Theresienstadt umgekommenen Anna Hess auf den Sohn des „Schlächters von Polen“ Hans Frank trifft, ist schwer vorwegzunehmen. Eines ist allerdings sicher: Mit Heiterkeit im Publikum und auf dem Podium sowie einem Handkuss ist nicht zu rechnen. Und doch entwickelte sich das von der Geschäftsführerin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Dr. Elke Gryglewski, moderierte Gespräch von Beginn an in genau diese Richtung. Da saßen sich zwei Menschen gegenüber, die gerne lachen, Wärme und Lebensfreude ausstrahlen. „Dieser Abend ist für mich sehr sehr wichtig“, sagt Madelaine Linden, die in Montevideo geboren wurde, später in Argentinien, Lausanne, Genf, Brüssel, New York und Hamburg lebte, und nun in Stuttgart wohnt. Sie ist dem Schicksal ihrer Urgroßmutter Anna Hess nachgespürt. „Mein Vater war besessen von dem Gedanken daran, was die Deutschen den Juden angetan haben. Er konnte nicht verstehen, wieso seine Eltern die Großmutter nicht mitgenommen haben“, definiert die bildende Künstlerin die Last, die sich über Generationen fortgesetzt hat. In eines ihrer beeindruckenden Werke, die collagenhaft Fotografie und Malerei verbinden, hat sie ein Foto von Anna Hess integriert. Eine Dame mit hochgestecktem Haar in einem schönen Kleid, mit Schmuck um den Hals und würdevoller Ausstrahlung zieht den Blick des Betrachters sofort auf sich. Sie wurde 1855 in Celle geboren als Anna Daniel, ihr Vater Philipp Daniel war Bankier. In der Synagoge, die nun die Werke ihrer Urenkelin Madelaine unter dem Titel „Jedes Dasein“ bis zum 16. Januar 2022 präsentiert, heiratete sie im Jahr 1883 Joseph Hess und zog mit ihm nach Hamburg. Ihre drei Kinder Rudolf, Ernst John und Martha verließen Deutschland zwischen 1933 und 1937.

Einer derjenigen, die das Leben in Deutschland für jüdische Bürger unerträglich machten und im bestmöglichen Fall ins Exil zwangen, war der Vater von Niklas Frank. „Ich dachte, Polen gehört uns“, berichtet dieser über seine früheste Kindheit. Kurz vor Kriegsbeginn erblickte er im Jahr 1939 das Licht der Welt. Hans Frank war Reichsminister und Generalgouverneur von Polen, er war an schwersten Kriegsverbrechen beteiligt, wurde in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt und 1946 gehängt. „Auf einem Meer aus Blut ist es der Familie Frank gut gegangen“, zitiert der langjährige stern-Journalist die Aussage eines seiner Brüder. „Mein Vater hätte nicht mitmachen müssen, ihm wäre nicht einmal etwas passiert, aber er liebte seine Uniform, sein Auto, seine Villa, seine gute Adresse“, berichtet der 82-Jährige. Erst mit fast 50 Jahren schrieb er sein erstes Buch, 1987 erschien „Der Vater“ - eine Abrechnung.

Warum sie Niklas Frank denn habe kennenlernen wollen, fragt die Moderatorin. Die Reaktionen, die sie bei beiden Podiumsgästen hervorruft, sind das, was die Veranstaltung so außergewöhnlich macht: „Mir gefällt unglaublich gut die Provokation des Niklas Frank und sein Humor“, antwortet Madelaine Linden. „Ihr habt einen aggressiven, bissigen Humor. Das wurde uns nachgesagt“, berichtet der Journalist und Autor und fügt hinzu: „Das war wohl eine Reaktion auf den gehängten Vater.“ „So machen es die Juden doch auch“, entgegnet ihm sein Gegenüber. Als der Begriff des symbolischen „sich die Hände reichen“ fällt, ergreift er Madelaine Lindens Hand für einen Kuss und sorgt für Heiterkeit, was der ernsthaften Annäherung an das Thema keinen Abbruch tut.

Hat man beiden eine Zeitlang zugehört, verwundert es nicht, dass die Künstlerin den Bogen zur Gegenwart spannt, die Situation der heutigen Flüchtlinge anspricht und damit offene Türen bei Frank einrennt. „Ich liebe Menschen“, sagt Madelaine Linden und bringt damit etwas Verbindendes zwischen Frank und ihr zum Ausdruck, das die Grundlage für ihren Umgang mit der Nazi-Vergangenheit bildet.  

Eine Form, die sie dafür gewählt hat, ist die Kunst. „Ich möchte mit Hübschheit die Leute zum Gucken animieren“, kommentiert sie ihre Werke im Ausstellungsraum, die der Last, von der sie sprach, ein Gesicht verleihen. Die Bürde sei kleiner geworden, entgegnet sie auf eine abschließende Frage. Linden ist noch von interessierten Besuchern umgeben, Frank schaut sich, bevor er geht, noch die Fotos im Eingangsbereich der Synagoge an. Wie lautet sein Fazit der Veranstaltung? „Es ist innerlich bewegend, an einem Ort zu sein, an dessen Zerstörung mein Vater mitgearbeitet hat“, lautet seine Antwort.

 

Jedes Dasein

15.10.2021-16.1.2022

Celler Synagoge, Im Kreise 24, Mo 10-17 Uhr, Di-Do 9-17 Uhr, Fr 9-16 Uhr, So 15-17 Uhr