„Ich hab‘ da gar nicht zugehört“ – NPD zieht durch Escheder Wohngebiet

Politik Von Anke Schlicht | am Sa., 19.09.2020 - 15:46

ESCHEDE. Neonazi Sebastian Weigler genießt die Aufmerksamkeit: Eine kleine Runde von Pressevertretern umringt und befragt ihn am Samstagmittag. Hier kann er Statements abgeben, die einen Adressaten finden. Bei seiner gerade beendeten Ansprache während der Abschlusskundgebung des NPD-Marsches durch ein Wohngebiet am Rande Eschedes konnte man da nicht so sicher sein: „Ich habe gar nicht zugehört“, lautete der Kommentar einer jungen Frau am Rande des Geschehens zu der Endlosschleife immer gleicher Parolen des Vorsitzenden der NPD-Jugendorganisation aus Braunschweig. Weigler redet, seine wenigen Mitstreiter bleiben stumm. Die Polizei spricht von sechs Vertretern der Rechten, zu sehen sind nicht mehr als eine Handvoll. Sie schwenken eine Fahne, machen Handy-Fotos, einer fährt den Transporter, der mit Slogans beklebt ist.

Einige Anwohner stehen in ihren Gärten, während der Zug, der zum Großteil aus Polizisten besteht, vorbeizieht. „Wir wollten gerade nach Celle einkaufen fahren, nun kommen wir nicht durch“, ärgert sich ein 33-Jähriger. „Das Thema wird hochgehypt, viele Escheder fühlen sich belästigt, besonders die Älteren“, sagt der junge Mann, die Meinungen in der 6.000-Einwohner starken Gemeinde gingen sehr auseinander.

Bürgermeister Günter Berg widerspricht der letzten Aussage nicht, er ist wie bei jeder Demonstration der Rechten mittendrin im Geschehen, wirbt für das Gegenengagement, weiß aber auch um die Wahrnehmung vieler Gemeindemitglieder: „Die ganze Sache ist sehr sehr anspannend für alle, viele nervt es“, sagt er vor dem Hintergrund, dass der niedersächsische Landesverband der NPD sich am Rande des Dorfes auf dem Hof Finkenberg niedergelassen hat. Aktuell hat der Verwaltungschef mit Erleichterung zur Kenntnis genommen, dass am Vormittag nur sehr wenige schwarz Vermummte am Bahnhof angekommen sind. Dementsprechend friedlich bleibt der von sehr großem Polizeiaufgebot begleitete Gang der kleinen Gruppe von NPDlern, die weder Springerstiefel noch sämtlichst Glatze tragen, durch die Siedlung mit Endpunkt vor dem Rathaus an der Rebberlaher Straße. Zu Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der Antifa und NPD-Mitgliedern wie vor einigen Wochen kommt es nicht.

Nur ein paar hundert Meter entfernt auf dem Marktplatz haben sich die Gegendemonstranten formiert. Kleinere Gruppen hatten die direkte Konfrontation mit den NPD-Vertretern nicht gescheut, sie an Kreuzungen empfangen, mit Musik und lautstark skandierend übertönt.

Mehrere Gruppierungen und Parteien, darunter das Escheder Bündnis gegen Rechtsextremismus, hatten zu Protest aufgerufen, der lokale Zusammenschluss zählt rund 40 Mitglieder, die Anzahl an Unterstützern aus der Gemeinde schätzt Bürgermeister Günter Berg auf circa 600. „Viele im Ort interessiert das Thema nicht“, sagt er. Doch der Verwaltungschef hält Gegenwehr für unerlässlich. Mit einem kurzen Aufsatz hat er sich in der jüngsten Ausgabe des „Eschenblattes“ an die Bürger gewandt und sich positioniert zu der Frage, weshalb man sich nicht einfach neutral verhalten könne. Der Bürgermeister zitiert den Programmbereichsleiter politische Bildung an der VHS Celle, Enno Stünkel, mit der Aussage: „Weil unser Zusammenleben in der Demokratie darauf angewiesen ist, dass wir bestimmte grundsätzliche Haltungen entschieden vertreten und, wo es nötig ist, verteidigen“.

Konstantin Wecker hat diesen Grundsatz musikalisch umgesetzt: Während Neonazi Weigler das Mikrofon in Händen haltend Parolen schwingt, meldet sich der Liedermacher aus dem Lautsprecherwagen eines Gegendemonstranten zu Wort mit der Textzeile: „Steh auf und misch dich ein! Sage nein!“ Die Gruppe derer, die diese Aufforderung am Samstag in Eschede beherzigen, ist überschaubar. Bürgermeister Berg möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, der Protest in der Gemeinde werde von außen gesteuert. Dennoch hat er gegen überregionale Präsenz nichts einzuwenden, freut sich beim Blick über den Marktplatz: „Es sind auch Gesichter aus der Region da, das fällt auf.“