"Nulla Dilatio! – Keinen Aufschub!" - vergessener Friedhof bei Celle

Von Redaktion | am Mi., 11.12.2013 - 19:21

Selbst aufmerksamen Bahnreisenden wird dieser Ort bislang nicht ins Auge gefallen sein. Direkt neben der Bahntrasse Hannover – Hamburg, kurz hinter Celle, etwa in Höhe von Vorwerk liegt ein vergessener Friedhof. Es mögen sechs oder mehr Gräber sein – es lässt sich nicht genau sagen, denn die einst prächtigen Steine sind inzwischen verwittert, moosbewachsen und umgestürzt. Ein großer Granitblock liegt inmitten der Gräber. Er trägt die lateinischen Worte „Nulla Dilatio!“ (Keinen Aufschub!) in einem Davidstern eingraviert. Darunter steht der Vers „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, ist ja nicht Todt – Er ist nur fern! Todt ist nur, wer vergessen wird.“ Namentlich lautet der monumentale Grabstein auf einen J.FR. Schiebler, geboren am 16. November 1813, verstorben am 29. November 1882. Auch auf anderen Steinen kann man den Nachnamen erkennen. Wer waren die Schiebler? Wie kommt ein Familienfriedhof an eine solch abgelegene Stelle, an der heute täglich ICEs und Güterzüge vorbeirauschen?

Foto 18.11.13 10 41 10Noch vor 150 Jahren hätten sich diese Fragen nicht in Celle und sicherlich nicht einmal in Norddeutschland gestellt. Aber der Reihe nach.

Im Jahr 1751 wurde Johann Ludwig Schiebler als Sohn eines Försters in Berlin-Spandau geboren. Seine große Liebe zur Gärtnerei verschaffte ihm Zugang zum Hof und den damit verbundenen adeligen Kreisen. Nach seiner Ausbildung im Schloss Monbijou in Berlin wurde J. L. Schiebler zum Hofgärtner des Prinzen Ernst von Mecklenburg-Strelitz. Die Schwester Ernsts, Sophie-Charlotte von Mecklenburg-Strelitz war die spätere Gemahlin von König Georg III., welcher neben dem Königreich Großbritannien auch das Kurfürstentum zu Braunschweig-Lüneburg beherrschte. Als „Gartenmeister“ bereiste Johann Ludwig Schiebler fortan England, Frankreich und Holland. Nach englischem Muster sollte er nach seiner Rückkehr einen Garten des Prinzen in Celle anlegen. Als der Prinz die Stadt Celle verließ gründete Schiebler auf Anraten der königlich Hannoverschen Landwirtschaftsgesellschaft eine Handelsgärtnerei. Damit stieß er in eine damalige Marktlücke, denn die einzige Großgärtnerei befand sich seinerzeit in Herrenhausen. Der bekannte Arzt und spätere Begründer der modernen Landwirtschaft, Albrecht Thaer, war ein Weggefährte Schieblers. Mehrere Quellen berichten von Absprachen der Beiden und, dass sie sich in unterschiedlichen Phasen gegenseitig unterstützt haben. Schiebler erwarb bei Eicklingen ein Grundstück und gründete einen Baumschulbetrieb. Im strengen Winter des Jahres 1790 erfroren jedoch etliche Setzlinge was letztlich zum Scheitern des Betriebes in Eicklingen führte. Anders als vielleicht erwartet, spornte dieser Rückschlag Schiebler offenbar an, einen neuen Betrieb zu eröffnen.

Die neue Schiebler’sche Gärtnerei entstand direkt in Celle, an der Lüneburger Straße Nr. 16 (heute Lüneburger Straße 66, Celler Grün- und Straßenbetrieb). Durch unermüdlichen Fleiß gelang es Johann Ludwig Schiebler den Betrieb durch ständige Flächenzukäufe im Norden Celles fortlaufend zu vergrößern. Bis zum Jahr 1848 wuchs der Gärtnereibetrieb auf eine Fläche von mehr als 90.000 Quadratmeter an. Durch einen Tausch mit der königlichen Domänenkammer gab Schiebler im Jahr 1852 ganze 350 Morgen Heide bei Starkshorn her. Er erhielt im Gegenzug das bei Vorwerk gelegene Forst Tannholz. Im Jahr 1847, also nur fünf Jahre zuvor, war die Eisenbahnlinie Hannover-Hamburg eingeweiht worden.

Altmann Karte

Auf der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1780 ist der alte Forst Tannhorst noch zu sehen. Nachdem die Schiebler das Gelände erworben hatten, wurde es weitgehend gerodet und der Boden nach und nach kultiviert.

Als Johann Schiebler bereits 40 Jahre in seinem eigenen Betrieb tätig war, verkaufte er im Jahr 1817 das Geschäft an seinen Pflegesohn Johann Heinrich Ebermann (Schiebler). Dieser erwarb es für 6500 Thaler. Die Kaufsumme blieb gegen Verzinsung stehen und Johann Schiebler sicherte sich das Recht auf Wohnung (Altenteil). Im Jahr 1833 starb Johann Ludwig Schiebler im Alter von 83 Jahren. Ebermann vergrößerte den Betrieb in den Folgejahren durch weitere Landankäufe (Charlottenburg bei Altenhagen).

7Im Jahre 1823 wurde der erste Katalog herausgegeben. Er enthielt zwar noch kein Sortenverzeichnis, es waren aber die verschiedenen Arten angeführt, wie Apfel- und Pflaumenbäume für 9 Gute-Groschen (Ggr.), Zwetschgen: 8 Ggr., Kirschen: 11Ggr., Birnen: 14 Ggr.,Lindenbäume: 12 Ggr. usw. Erst im Jahre 1834 erschien der erste Katalog mit Namenverzeichnis, und etwa 120 Apfel- und 50 Birnensorten. Von nun an wurde der Katalog regelmäßig in jedem Jahr neu herausgegeben. Im Jahre 1835 wurde der gesamte Grund und Boden mit 12.600 Thalern bewertet. Auch privat erreichte Johann Heinrich Ebermann einiges: er heiratete und hatte fünf Kinder.

Der älteste Sohn, Jakob Friedrich Ludwig Ebermann (Schiebler) wurde, gemäß des Wunsches seines Großvaters, ebenfalls Gärtner. Er lernte in den Herrenhäuser Gärten und arbeitete auf der Pfaueninsel bei Potsdam. Später ging er in den botanischen Garten in München und nach Wien, wo er in der einst berühmten Baumschule von Rosenthal arbeitete. Während er die Steiermark, die Schweiz, Italien, Frankreich, England, Belgien Irland und Schottland bereiste, wirtschaftete sein Vater in der heimischen Gärtnerei bei Celle. Im Alter von 24 Jahren kehrte Jakob Friedrich Ludwig Ebermann (Schiebler) im Jahr 1837 nach Celle zurück. Angekommen trat er in das väterliche Geschäft ein und brachte es zu nie geahnter Größe. In diese Zeit fielen die Neuzüchtungen wie "Schieblers Morgenröte" (Maierbse), eine Stangenwachsbohne, Schieblers neue Zuckerrunkel, Schieblers rote Eierpflaume, Schieblers Herbstborsdorfer und 1864 Schieblers Taubenapfel, der noch heute im Handel ist. Auch eine gelbe Levkoje, sowie an Coniferen: "Picea orientalis Schiebleriana" und "Thuja gracialis Schiebleri" verdanken Ebermann ihre Züchtung.

Foto 18.11.13 10 24 40Jakob Friedrich Ludwig Ebermann (ab 1859 Schiebler) gehörte der Celler Freimaurerloge an. Er war Meister vom Stuhl "des Hellerleuchtenden Sterns" - der Freimaurerloge Nr. 242 zu Celle. Bereits der Prinz Ernst von Mecklenburg-Strelitz war einer Loge der Freimaurer zugehörig.

Dementsprechend erklärt sich die Symbolik seines Grabsteines.

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Als der König von Hannover die Obstbaumplantage Schiebler & Sohn besuchte, forderte er Ebermann auf, sich in "Schiebler" umzubenennen. So wurde aus dem Pflegesohn „Ebermann“ abermals „Schiebler“. Der älteste Sohn Jakob Friedrich Ludwig Schieblers hieß Heinrich Schiebler. Er wurde 1840 geboren und trat bereits 1860 in den Gärtnereibetrieb ein. Er hatte, wie sein Vater, einige wichtige Stationen in der internationalen Gärtnerausbildung durchlaufen. So war er ebenfalls in Potsdam, Schottland, und England gewesen. Aus dem Erlös einer selbst verfassten Festschrift finanzierte er sich eine Reise durch Deutschland und die Schweiz, Frankreich und Algier. Auch darüber schrieb Heinrich Schiebler ein Buch.

Als Jakob Friedrich Ludwig Schiebler 1877 in den Landtag eintrat, führte sein Sohn Heinrich das Geschäft in Celle gemeinsam mit seinem Bruder alleine weiter. Sein Bruder hieß ebenfalls Ludwig und hatte die Gärtnerei in Potsdam erlernt. Er zog auf das Anwesen in Tannholz bei Celle. Am 29. November 1882 starb der Vater. Als 1889 nach langem Leiden auch sein Bruder Heinrich verstarb, zog Ludwig Schiebler zurück nach Celle in die Lüneburger Straße 16.

Eine schlimme Zeit setzte für den Betrieb ein. Ludwig Schiebler starb im Jahr 1894. Seine Ehefrau führte fortan die Geschäfte weiter, da sein ältester Sohn noch nicht volljährig war. Sie konnte einen weiteren Verfall der Firma nicht aufhalten. Auch sie verstarb bald darauf im Jahr 1896. Die Firma wurde vormundschaftlich vom Garteninspektor Kähler weitergeführt. In den Jahren 1902 bis 1908 schaffte es Hermann Belz erneut ein laufendes Geschäft zu etablieren, welches in den Jahren 1909 bis 1916 durch den nun volljährigen Sohn Ludwigs fortgeführt wurde. Auch dieser hieß Ludwig und setzte alles daran, den väterlichen Betrieb zu retten. Ludwig Schiebler diente als Leutnant im Reserve Infanterie Regiment 201 der 1. Kompanie (später 8. Kompanie). Er gilt seit dem 21. Oktober 1917, der Schlacht am Chemie des Dames, als vermisst (Verlustlisten des WK I, Seite 13.502). Damit war der Gärtnereibetrieb der Schiebler ein für allemal verloren.

Foto 18.11.13 10 32 31Die ehemaligen Besitzungen kaufte nun die Stadt Celle nach und nach auf. Zunächst wurden sie durch einen Gutsinspektor verwaltet. Später wurden einige der bei Celle gelegenen Flächen zum Bau des Celler Friedhofs verwendet. Heute erinnert lediglich der Name der Schieblerstraße in Celle an den einstigen Besitz der wohl bedeutendsten Celler Gärtnerei. Auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei in der Lüneburger Straße 16 findet sich heute der „Grün-und Straßenbetrieb“ der Stadt Celle.

Während Weggefährten, wie Albrecht Thaer, zu hohem Ansehen gelangten, geriet der Name „Schiebler“ in Vergessenheit und ist selbst alteingesessenen Heimatforschern kaum noch ein Begriff. Das ist schade – ebenso wie die Tatsache, dass die Grabsteine der einst so wichtigen Celler Familie dort zerstört am Boden liegen, wo sie niemand vermutet und findet. Einst war die Schiebler’sche Gärtnerei einer der großen Celler Arbeitgeber. Der Vorzeigebetrieb repräsentierte die Celler Gartenbaukünste über die Landesgrenzen hinweg. Mit der Annexion des Königreiches Hannover, durch Preußen im Jahr 1866, erschwerte sich das Geschäft im Bereich des Kunstgartenbaus. Anfang des 20. Jahrhunderts und mit Beginn des Ersten Weltkrieges schwand rasch das Interesse an kunstvollen Gartenanlagen. Dies führte dazu, dass es nach der Niederlage des Krieges undenkbar war, den Betrieb in irgendeiner Weise wieder aufleben zu lassen.

Der Grabspruch Jakob Friedrich Ludwig Schieblers wiegt schwer:
„Wer im Gedächtnis
seiner Lieben lebt,
ist ja nicht Todt,
Er ist nur fern!

Todt ist nur, wer
vergessen wird.“

Immerhin sei eines schon jetzt erreicht: die Toten werden nicht vergessen sein.

Weiterführende Informationen zu diesem und vielen anderen heimatgeschichtlichen Themen sind über den Blog "Found Places" (Link: http://found-places.blogspot.de) verfügbar.
Text/Fotos: Hendrik Altmann