Einen Oscar für „The Oscar’s“ – Konzerthighlight im „Celler Tor“

Musik Von Anke Schlicht | am Mo., 13.07.2020 - 14:25

CELLE. „Musik hat keinen Wert ohne Leute, die sie hören“, sagt Dima Mondello gegen Ende des Konzertes unter dem Motto Film. Der international renommierte Musiker dreht damit den Spieß einmal um und huldigt seinem Publikum, das nicht nur in großer Zahl erschienen ist, um „The Oscar’s“ zu erleben, sondern sich auch in ganz besonderer Atmosphäre wiederfand.

Es gibt Konzerte, die rein musikalisch überzeugen, und es gibt solche, bei denen einfach alles stimmt. Einem Highlight dieser Art durften am Sonntagabend die Gäste im Garten des Hotels „Celler Tor“ beiwohnen. Die Sonne hatte zu Beginn noch ausreichend Kraft, um zu wärmen und die von Rosen und Lavendel umrahmte Szenerie in ebensolches Licht zu tauchen. Die wohlige Entspanntheit unter den Zuschauern, die sich teilweise in Decken gehüllt hatten, verschmolz zu einer Einheit mit dem Geschehen auf der Bühne, das, wie Dima Mondello es formulierte, „durch die Welt der Filmmusik führte“, es dabei jedoch bei weitem nicht beließ. Das Internet-Profil des Italieners weist ihn als Saxophonisten, Produzenten, Komponisten und Mentor aus. Ein Attribut fehlt: Der in London ausgebildete Künstler lässt Moderation zu Entertainment werden. Er spickt seine Zwischentexte mit Humor, sein nicht ganz perfektes Deutsch entfaltet dabei einen eigenen Charme, und schafft so das nötige Gegengewicht zu den dargebotenen Melodien und Liedern. Die eigens für diesen Abend zusammengestellte zehn-köpfige Formation hat von Schlager bis Klassik alles im Repertoire. Luis Angel lässt mit „Volare“ oder „Tu vuo fa l’americano“ Zeiten wieder aufleben, in denen Caterina Valente mit ihrem Bruder Silvio Francesco Farbe in die mit Schwarz-Weiß-Fernsehern und Nierentischen bestückten Wohnzimmer brachte. Auch einige andere Stücke wie „Ragtime“, beeindruckend dargeboten von dem Streicherquartett aus Hannover „Consensus“, luden zum Mitswingen ein.

Doch, was den Film zu großen Teilen ausmacht, sind die großen Gefühle, die er einfängt. Und da Musik das ausdrückt, was Worte nicht vermögen, ist sie es, die dahin vordringt, was gemeinhin mit „Herz“ betitelt wird. Der Begriff „Gänsehaut“ mag abgenutzt klingen, aber er gibt eine Idee von der Wirkung, die Dima Mondello und seine Mitstreiter erzeugen, wenn sie mit Melodien aus „Der Pate“ an den erst vor wenigen Tagen verstorbenen Ennio Morricone erinnern, Maike Jensen Instrumentals der italienischen Musiklegende auf dem Klavier spielt, Birgit Köhler den Bond-Song „Skyfall“ oder den Musical-Evergreen aus „Cats“ „Memory“ singt. „Die Deutschen lieben ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘“, wirft der Frontman und Moderator, der am Ort der Performance ein Heimspiel gibt, denn er betreibt vis-à-vis ein Tonstudio, ein. Eine bessere Kulisse als die hereinbrechende Dämmerung hätte es für diesen Sergio-Leone-Klassiker, der mittels Geige, Percussion und Stimme dargeboten wird, nicht geben können.

Mondello hat Profis um sich geschart, die erstklassige Qualität abliefern. Und doch ist eine Steigerung noch möglich, wenn sich weitere Elemente zur Musik gesellen. Die Sonne ist bereits künstlichen, in die Rosenbeete integrierten Lichtquellen gewichen, als der Abend auf seinen Höhepunkt zusteuert. Kühle hat sich breitgemacht, die Kulisse hat sich gewandelt, ohne an Schönheit eingebüßt zu haben. Der Jazzmusiker spielt „Remembrances“ aus „Schindlers Liste“ auf dem Saxophon begleitet von Pianoklängen inmitten von Totenstille. „Eigentlich dürfen das nur Juden spielen“, berichtet der weit gereiste Künstler, „aber ich habe die Erlaubnis, ich habe mit Juden gearbeitet“. „Gänsehaut“ bräuchte eine Steigerung, um zu beschreiben, was diese Melodie an diesem Ort auslöst. Und der Italiener Mondello setzt die Wirkung fort bis ganz ans Ende. Plötzlich beginnt er von seiner Mutter im Krankenhaus zu erzählen und rückt damit das in den Mittelpunkt des Geschehens, vor dem alle in den vergangenen Monaten und Wochen entfliehen wollten, und es auch schaffen mit Hilfe von Darbietungen wie diesen. Und doch ist es da – das alles beherrschende Virus. Mondello erinnert an die Menschen, die an Corona gestorben sind. Im Hospital am Sterbebett seiner Mutter hat er den „Rhythmus vor dem Tod“ gehört, „da war diese Maschine“, berichtet er und ahmt ihren Sound nach, den er zum Grundton des Liedes, das er für seine Mutter schrieb, machte. Köhler singt „Embrace – Umarmung“, „Every day I think of you“, heißt es in dem Stück, das den Schlusspunkt eines grandiosen Konzertabends bildet und das Mondello überschrieben hat mit: „Corona-Requiem“.