Preise und Stimmung sind bei Bauern im Keller

Wirtschaft Von Extern | am Mo., 11.01.2021 - 12:35

Landvolk Niedersachsen sieht Marktmacht des Lebensmittelhandels kritisch

HANNOVER. „Die letzte Senkung hat das Butterfass zum Überlaufen gebracht. Weder Verbraucher noch Politik und erst recht nicht die Landwirte – insbesondere die Milchbauern – haben Verständnis für diese asoziale Aktion des Discounters „Aldi“ und für das Geschäftsgebaren des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) allgemein. Zu Schauzwecken miteinander Gespräche zu führen und Besserung zu geloben, um anschließend trotzdem die geplante Aktion durchzuziehen. So gehen Geschäftspartner nicht miteinander um, das ist Wortbruch“, zeigt sich Landvolk-Vizepräsident Manfred Tannen verärgert über die Senkung des Butterpreises um mehr als 50 Cent pro Kilogramm des Discounters Aldi, dessen Androhung zur Belagerung des Discounters durch Landwirte geführt hatte.

„In das internationale Preisgefüge passt die aktuelle Butterpreissenkung des Handels nicht. Trotzdem bleibt ein entscheidendes Moment bei der Preisfindung, wie sich Angebot und Nachfrage auf unseren hiesigen Märkten gegenüberstehen“, erklärt der Vize-Präsident, der einen Milchviehbetrieb mit 200 Milchkühen und Nachzucht führt. Die große Marktmacht relativ weniger Konzerne helfe, auf die abgebende Hand immensen Druck auszuüben. „Hier geht es nicht nur um Markt, sondern auch um Macht der Konzerne und um den Kampf von Marktanteilen im Lebensmitteleinzelhandel“, zeigt Tannen die Strukturen auf. Dass der Konzern marktüblich nach Weihnachten weniger pro Kilogramm Butter zahle, seien die Bauern gewohnt, aber über 50 Cent/Kilogramm seien mehr als unanständig.

„In der Wertschöpfungskette gerecht verteilte und vor allem für den Landwirt auskömmliche Preise sind in diesem Modell der freien Marktwirtschaft bei liberalisierten Märkten nicht vorgesehen. Dabei auf eine Einsicht zu hoffen, dass Verkaufspreise auch unmoralisch niedrig sein können, scheint nicht zielführend. Das ändern wohl auch die letzten Demonstrationen leider nicht“, gibt sich Tannen realistisch. So sei beispielsweise die Milchmenge niedersächsischer Erzeuger in den vergangenen Jahren weniger gewachsen als die Weltmarktnachfrage. Trotzdem gelingt es den Verarbeitern/Molkereien und Erzeugern nicht, beim deutschen LEH bessere Erlöse zu erzielen. Während der LEH immer weiter steigende Renditen einfährt, treibt er durch seine Einkaufspolitik Zulieferer sowie auch landwirtschaftliche Betriebe in Existenznot und an den Rand des Ruins. „In diesem Wettbewerb können wir Landwirte nur bestehen, wenn Wettbewerbsgleichheit mit Produzenten aus Nachbarländern herrscht, die den gleichen Marktzugang haben. Höhere Standards, Auflagen und Gesetze bei uns erhöhen die Produktionskosten, die uns der Markt nicht ausreichend vergütet. Hier ist Politik in der Pflicht für Rahmenbedingungen zu sorgen, die ein Überleben der hiesigen Betriebe ermöglicht“, fordert Tannen. Gerade in Niedersachsen gibt es viele Grünlandregionen, in denen landwirtschaftlich die Milch als einzige Haupteinnahmequelle gilt. Ein Ausgleich der Erlössituation über andere profitablere Betriebsbereiche ist in vielen dieser Betriebe kaum möglich.

Transparenz muss auf Gegenseitigkeit beruhen - Landvolk sieht auch Lebensmitteleinzelhandel, Verarbeiter und Politik in der Pflicht

„Wir fordern Transparenz in der gesamten Kette, denn im Bereich der Lebensmittelerzeugung haben sich Strukturen entwickelt, die in der Lage sind, Marktgesetze zu Lasten der Landwirtschaft auszuhebeln. Ein wesentlicher Punkt ist hierbei die fehlende Transparenz in Teilen der Wertschöpfungskette“, sagt Landvolk-Vizepräsident Jörn Ehlers und verweist auf den Bereich der Schweinefleischerzeugung. 

Alle Marktbeteiligten wüssten sehr genau, mit welchen Kosten die Landwirte ihre Tiere verkaufen und auch wie hoch Menge und Preis an der Ladentheke sind. „Daraus resultierte in den vergangenen Monaten ein sich ständig verschlechternder Erlösanteil der Landwirte, der nicht das Ergebnis von Angebot und Nachfrage, sondern willkürlich ist. Um diesen Missstand aufzulösen und damit das Stück vom Kuchen für Landwirte größer wird, muss endlich gehandelt werden“, erklärt Ehlers, der ebenfalls Schweinemäster ist, gegenüber dem Landvolk-Pressedienst.

Mengen und Qualitäten müssen zukünftig vom Erzeuger bis zum Verbraucher erkennbar sein. „Dazu muss seitens der Politik endlich die verpflichtende Herkunfts- und Haltungskennzeichnung eingeführt werden“, zeigt Ehlers einen von den Bauern seit langem geforderten Lösungsansatz auf. Nur wenn der Verbraucher eindeutig erkennen kann, dass das Fleisch an der Theke und auch das Fleisch im Fertiggericht aus Deutschland, Niedersachsen oder gar aus der Region kommt und mit hohem deutschem Standard aufgezogen wurde, ist er auch bereit diesen Mehrwert an Tier- und Umweltschutz dem Landwirt zu bezahlen. „Sollte es zeitnah nicht gelingen, ein ehrliches Preissystem am Markt zu etablieren, besteht die Gefahr, dass wir diese wertvollen Strukturen in der Landwirtschaft verlieren. Die Verbraucherpreise für ein Kilogramm Schweinefleisch sind auf 6,95 Euro gestiegen, der Landwirt bekommt aber nur 1,19 Euro. Die dazwischenliegende Spanne ist im Laufe des vergangenen Jahres um mehr als 25 Prozent gestiegen.

„Das Problem liegt in der Konzentration des Lebensmitteleinzelhandels (LEH), was von Seiten des Kartellamtes als „besorgniserregend“ bezeichnet wurde“, führt Ehlers aus. Die vier großen Ketten (Edeka, Rewe, Aldi, Lidl) kontrollieren rund 85 Prozent des LEH, gute Konditionen werden selten an Konsumenten weitergereicht, aber fast ohne Ausnahme kann Druck bei den Herstellern aufgebaut werden. „Die Politik muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie weiterhin diese Versorgungsstrukturen durch den LEH inklusive der negativen Folgen zulassen will – und somit unsere niedersächsische Landwirtschaft opfert. Unsere Bauern stellen sich der transparenten Produktion, indem sie permanent ihr Handeln dokumentieren und nachweisen. Doch sie sind nicht mehr bereit, für diesen zusätzlichen Aufwand auch noch draufzuzahlen, weil der LEH sich die Gewinnspanne in die Tasche steckt. Dieser Teil der Wertschöpfungskette muss transparenter werden. Es ist nur allzu verständlich, dass die Bauern ihre Wut mit Blockaden bei den Discountern zeigen“, zeigt Landvolk-Vizepräsident Ehlers die Grenze der derzeitigen Aufteilung der Wertschöpfungskette auf.